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Über den Krieg und das Massaker spricht man nicht

Archivbild(c) AP (SRDJAN ILIC)
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20 Jahre nach Vukovar: Serben und Kroaten leben in der 1991 schwer umkämpften Stadt heute bestenfalls nebeneinander. Neue Fassaden können die gedrückte Stimmung kaum verbergen.

Es ist schon dunkel geworden, doch die Straße von Vinkovci ist neu gebaut und erlaubt zügiges Vorwärtskommen. Nach dem Schild Vukovar tauchen plötzlich hell erleuchtete Lagerhallen auf, eine moderne Fabrikhalle wird eingerahmt von Tankstellen mit grellen Leuchtreklamen. Die ersten Wohnhäuser machen einen schmucken Eindruck, renovierte Einfamilienhäuser mit gepflegten Gärten. Die Fahrt ins Zentrum ist gut ausgeschildert, die Stadt scheint wieder intakt zu sein.

Im noblen Hotel Lav drängen sich in dem goldgelb gehaltenen Speiseraum an den farblich abgestimmten Tischen Menschen aus aller Welt. Sie kamen anlässlich des 20.Jahrestags eines der schlimmsten Massaker der Jugoslawien-Kriege: Serbische Freischärler im Gefolge der jugoslawischen Armee hatten nach der Eroberung der Stadt 264 Menschen aus einem Spital verschleppt und ermordet.

Viele der Gäste sind Überlebende des Infernos, die als Flüchtlinge nach Übersee oder nach Mitteleuropa geflohen sind und dort ihr Glück gesucht – und manchmal auch gemacht haben.

Auch im Zentrum ist kaum etwas von den Zerstörungen zu sehen. Manche der schließlich doch noch zu findenden Ruinen sind umrahmt von den Neubauten österreichischer Banken, ein Einkaufszentrum mit modernen Geschäften ist entstanden. Doch der alte Charme der Stadt, der sogar noch in den Ruinen zu erkennen war, scheint entschwunden.

 

Viele Betriebe gingen ein

Nur wenige Menschen sind auf den Straßen zu sehen. Die Suche nach einem Lokal, wo Einheimische anzutreffen sind, entwickelt sich zu einem Forschungsprojekt.

Schließlich hilft eine Passantin. Sie könne sich einen Lokalbesuch nicht leisten, sie sei arm und arbeitslos, doch nicht weit von hier gebe es das Restaurant Dunavska Golubica. Es ist leer. Weiter zum Donaustrand. Dort hat immerhin die Kneipe Vrsika geöffnet, in der einige Männer mittleren Alters an der Bar dem auch in Kroatien eingeführten Rauchverbot trotzen. Mit exzellentem slawonischem Weißwein lösen sich die Zungen der eher zurückhaltenden Männer. Der Mechaniker Zvonko sieht für sich selbst keine Zukunft in der Stadt. „Die Fassaden mögen erneuert sein, doch das Leben ist es nicht.“ Arbeit sei schwer zu finden, viele neu gegründete Betriebe seien wieder pleitegegangen.

Auch Mirko ist auf der ganzen Linie enttäuscht: Er ist 1996 aus Deutschland, wo er eine gute Arbeitsstelle hatte, in die Stadt zurückgekommen, um beim Wiederaufbau mitzuhelfen. Jetzt ist er arbeitslos und ohne Perspektive. „Die Jobs erhalten die Speichellecker der Mächtigen oder ihre Parteigänger aus dem Umland, aus Vinkovci und Osijek. Die Phrasen unserer nationalen Politiker über Vukovar als Symbol des Heimatkrieges kann ich nicht mehr hören.“

 

Kaum Kontakt zu Serben

Vlado, der acht Monate lang in einem serbischen Lager gefangen gehalten worden war, ist immer noch verstört. „Mit den Serben habe ich keine Kommunikation.“ Auch Zvonko nicht. Er hat damals zwei seiner Brüder bei den Kämpfen verloren. Hass empfänden sie aber nicht, sagen alle übereinstimmend. Mehr als 30Prozent der 28.000 Menschen, die jetzt wieder die Stadt bewohnen, sind Serben. Sie waren nach dem Krieg hier geblieben, weil damals – anders als in der Krajina, der Grenzregion im Westen Kroatiens, die von kroatischen Truppen 1995 zurückerobert worden war – dieses Grenzgebiet zu Serbien zunächst von der UNO verwaltet und dann „geordnet“ an Kroatien zurückgegeben worden war. Die serbische Minderheit ist nicht geflohen.

Doch seither leben die beiden Gemeinschaften, die zurückgekehrten Kroaten und die Serben, nebeneinander her, Kontakte gibt es nur sporadisch. Es gibt zwar keine besonderen Viertel, keine Teilung wie in der herzegowinischen Stadt Mostar, doch die Menschen gehen sich in der Regel aus dem Weg. „Ich grüße zwar meine Nachbarn, wir sprechen über Alltägliches, aber über den Krieg und was alles geschehen ist, sprechen wir nicht“, sagt die 50-jährige Maria, die als ehemaliger Flüchtling in die Stadt zurückgekehrt ist und als Lehrerin arbeitet.

 

EU drängte zu Minderheitenschutz

Wie es um die Kontakte zwischen Jugendlichen steht? „Ich unterrichte kroatische und serbische Kinder in meiner Klasse, da klappt es ganz gut, doch die meisten Kinder sind separiert, es gibt rein kroatische und serbische Klassen.“ „Ja, das stimmt, es gibt ein Neben-, aber kein Miteinander,“ sagt Dragan Pepić vom „Center for Peace“ in Vukovar. Der Konflikt zwischen Kroaten und Serben weise in eine länger zurückliegende Vergangenheit, in den Zweiten Weltkrieg und sogar davor.

Seine Organisation unterstütze Menschen aus beiden Lagern, um Recht vor den Gerichten zu erhalten. „Die Gesetze zum Schutze der Minderheiten sind perfekt, da hat die EU mit Kroatien gut verhandelt, doch das ist Papier.“ In der Wirklichkeit würden Serben nach wie vor benachteiligt. Die Arbeit erhielten vor allem Kroaten aus dem Umland, nicht einmal kroatische Altbürger aus Vukovar selbst. Serben hätten es sehr schwer. „Auch die Jugendlichen. Viele gingen weg, Vukovar hat seit 2001 4000 Menschen verloren.“ Die Kroaten dagegen erklären, Kroaten verließen die Stadt, und immer mehr Serben sickerten aus Serbien ein.

 

Die Wirtschaft soll es richten

Die Argumente spiegeln Misstrauen wider. Der sozialdemokratische Bürgermeister, Željko Sabo, der bei der Direktwahl auch von vielen Serben gewählt wurde, will sich auf diese Ebene der Diskussion nicht einlassen. Eine gesellschaftliche Diskussion über die Vergangenheit, eine Versöhnung ist bisher zwar nicht zustande gekommen. Das leugnet er nicht. „Wenn uns aber die wirtschaftliche Erholung gelingt, können wir das Vertrauen zwischen unseren Bürgern wiederbeleben. Nur wenn wir in Frieden und Toleranz zusammenleben, können wir erfolgreich die Stadt und ihre Wirtschaft weiterentwickeln.“

Von einer offenen Diskussion ist die Stadt aber noch weit entfernt. Zu tief sind die Wunden noch, die damals geschlagen wurden. Auch Dragan Pepić beharrt auf den bekannten serbischen Positionen, wonach an dem Ausbruch des Krieges die Kroaten schuld gewesen wären. Die Kroaten geben wiederum den Serben alle Schuld. 65 Serben sind bisher wegen Kriegsverbrechen in Vukovar verurteilt worden. Der kroatische Spitzenfunktionär jener Zeit, Branimir Glavaš, sitzt als verurteilter Kriegsverbrecher in einem bosnischen Gefängnis.

Vesna Bozanac, Ärztin und Leiterin des Krankenhauses, dessen Patienten ermordet worden waren, erklärte, sie habe nie gedacht, dass alle Serben Schuld an den Verbrechen haben, „aber sie sollten sich mit der Wahrheit auseinandersetzen“. Niemand könne sich aus der Verantwortung stehlen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.11.2011)