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Joseph Calleja: „Puccini war ein Bastard“

(c) Decca, Mathias Bothor

Der Malteser Tenor Joseph Calleja über unerfüllte Wünsche, die Oper für junge Menschen, guten Wein und seine Heavy-Metal-Vergangenheit.

Herr Calleja, Sie waren schon öfter in Wien. Was ist das Erste, was Ihnen zu dieser Stadt einfällt?
In gewisser Hinsicht hat hier für mich alles begonnen. 1997, ich war damals 19 Jahre alt, habe ich einen Preis beim Hans Gabor Wettbewerb gewonnen. Das war der Startschuss für meine Opernkarriere. Deshalb ist Wien für mich eine sehr wichtige Stadt. Ich habe auch Familie hier. Die Schwester meiner Mutter hat einen Österreicher geheiratet, die beiden leben in Gießhübl. Als Kind verbrachte ich dort viel Zeit.

Was denken Sie: Gehen viele junge Wiener in die Oper?
Die älteren Menschen überwiegen, das ändert sich aber langsam. Es ist mein Wunsch, den jüngeren Generationen die Oper schmackhaft zu machen. In Malta habe ich einen Chor mit 500 Kindern. Wenn die Kinder zu den Proben kommen, ist die ganze Familie dabei. Diese Euphorie breitet sich aus wie ein Virus.

Was hält die jungen Menschen davon ab, in die Oper zu gehen?
Heutzutage gibt es unendlich viele Formen der Unterhaltung. Viele junge Menschen würden die Oper lieben, aber sie geben ihr keine Chance. Es braucht ein gewisses Maß an Anstrengung, bis man sich für die Oper begeistert. Man muss sie erst entdecken, wie man einen guten Wein entdeckt. Dazu braucht es Bemühen, etwas Recherche. Unter vielen jungen Leuten gibt es die falsche Auffassung, die Oper sei nur etwas für die Reichen, die elitären Snobs. Das stimmt aber nicht. Die Oper ist für jeden da.

Welche Oper würden Sie als Einstieg für junge Menschen empfehlen?
Wer sich für Literatur oder Geschichte interessiert, sollte sich Macbeth oder eine Oper von Verdi ansehen. Für romantische Menschen gibt es Romeo und Julia. Und für die intellektuellen, anspruchsvollen würde ich Hoffmanns Erzählungen empfehlen.

Welche Oper haben Sie persönlich am liebsten?
Das fragen mich die Kinder auch immer! Eine schwierige Frage. Es kommt auf meine Stimmung an. Wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich sagen, Requiem von Verdi, aber das ist keine Oper. Oder jedes Werk von Puccini.

Wieso gerade Puccini?
Puccini war ein Bastard. Er wusste genau, wie die menschliche Seele funktioniert. Die menschliche Seele war ein Spielzeug in Puccinis Händen, welches er mit seiner Musik manipulierte.

Wie haben Sie Ihre Liebe zur Oper entdeckt?
Ich war 13 oder 14 Jahre alt und sah mir „Der große Caruso“ im Fernsehen an. Als er (Mario Lanza in der Rolle des Caruso,  Anm.) anfing zu singen, war ich begeistert.

Und Sie wussten sofort, dass Sie Opernsänger werden würden?
Nein, das wusste ich natürlich nicht, aber das war zweifellos der Moment, an dem ich anfing, es zu versuchen. Ich hatte immer schon eine gute Stimme. Eine Zeit lang habe ich in einer Heavy-Metal-Band gesungen. Aber mit dem Film hat sich alles verändert. Ich wollte unbedingt Opernsänger werden. Ich fing an, zu recherchieren, mir Bücher und CDs zu kaufen. Ich wollte alles erfahren, was es über die Oper zu wissen gibt.

Sie mochten Heavy Metal?
Ja, das ist keine PR-Story. Ich mag auch Queen, Nirvana, Pearl Jam oder die Beatles. Ich liebe diese Musik. Aber ja, ich spielte damals wirklich in einer Metal-Band.

Ihre Karriere ist beeindruckend. Wie schafft man das?
Ich habe sehr viel gelernt, ich habe alles gegeben und war schließlich erfolgreich. Aber für jeden, der es schafft, gibt es hunderte oder tausende, die es nicht schaffen. Man muss mit unglaublichem Talent geboren sein, eine außergewöhnlich gute Stimme haben. Dann muss man wie ein Irrer lernen. Und etwas Glück darf auch nicht fehlen.

Sie sind seit 14 Jahren im Geschäft und ganz oben angekommen. Wird der Job härter?
Nein, weil ich mich immer nur auf das konzentriere, was ich gerade mache. Ich will nicht arrogant klingen, aber es ist wahr: Ich bin Mitglied eines sehr exklusiven Klubs. Dabei steht mein Wettkampf mit mir selbst im Vordergrund. Ich muss aufpassen, dass ich mich nicht selbst enttäusche.

Sind Sie im Moment zufrieden mit sich?
Im Moment lebe ich weit über meine Träume hinaus. Ich habe drei Soloalben aufgenommen, das vierte erscheint im Februar. Ich singe in Opernhäusern auf der ganzen Welt, habe mit Popstars gesungen. Ja, ich bin sehr glücklich. Die Kehrseite ist, dass man weg von zu Hause ist, weit weg von der Familie. Ich hätte auch gerne einen großen Hund, aber das ist leider nicht möglich.

Also wünschen Sie sich im Moment einen großen Hund?
Nein. Ich wünsche mir eine magische Tür, durch die ich nach einem Auftritt gehen könnte und die mich direkt nach Hause bringen würde. Im eigenen Bett schlafen! Das sind Dinge, die man für selbstverständlich hält, die ich aber nicht habe.

Welche Oper würden Sie in Zukunft gerne singen?
Ich würde sehr gerne einmal Othello singen, vorausgesetzt, ich bin dazu fähig. Othello ist eine sehr dramatische Rolle, und ich weiß nicht, ob ich bereit dafür bin. Das ist wie mit einem guten Wein: Eine sehr gute Flasche von 2005 schon 2007 zu öffnen wäre schade, eine Verschwendung. Mit der Stimme ist es ganz ähnlich, auch sie muss reifen. Während der Wein zum Essen passen muss, muss die Stimme zur Oper passen. Meine Stimme hat sich in den letzten Jahren entwickelt, sie hat Potenzial. Aber garantiert ist gar nichts.

Sie werden bei der Verleihung des Friedensnobelpreises auftreten. Was werden Sie singen?
Ich werde neue Stücke von meiner CD singen, italienische Lieder. Ich freue mich schon darauf und hoffe, dass es den Menschen gefallen wird. 

TIPP

„Great Voices“: Joseph Calleja singt ausgewählte Arien von Puccini, Verdi oder Jacques Offenbach, 23.11, Wiener Konzerthaus. www.greatvoices.at