Die Farce um Ödenburg/Sopron

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Vor 90 Jahren ging die natürliche Hauptstadt des neuen Burgenlandes verloren: eine „Volksabstimmung“ unter den Augen der Siegermächte mit gezinkten Karten.

Es war ein spannungsgeladener Advent im Jahr 1921. Innerhalb kürzester Frist sollte nach dem Willen der Siegermächte des Ersten Weltkriegs eine Volksabstimmung darüber befinden, ob die natürliche Hauptstadt des neuen österreichischen Bundeslandes „Burgenland“ bei Ungarn bleiben oder Österreich zufallen sollte. Es ging um Ödenburg (heute Sopron), die weitaus größte Stadt des Gebietes und zu mehr als 62 Prozent deutschsprachig.

Die Agitation der Ungarn hatte in den Wochen davor ungeahnte Ausmaße angenommen (siehe „Die Welt bis gestern“ vom 12. November). Das klein gewordene RestÖsterreich sah sich angesichts der ungarischen Präsenz von Freischärlern chancenlos. Doch die alliierte Friedenskonferenz wollte die heikle Grenzfrage rasch bereinigt sehen. Für sie war diese Westungarn-Sache eher eine Bagatelle.

 

Tote zum Leben erweckt

Bald zeigte sich, dass die Abstimmung zur Farce geraten musste. Die Stimmlisten waren gefälscht, unvollständig. Tausende deutschsprachige Mitbürger waren aus den Listen gestrichen worden, und das alles unter den Augen des italienischen Generals Carlo Antonio Ferrario. Dazu wimmelte es im Abstimmungsgebiet – es ging um Ödenburg und acht Umlandgemeinden – von ungarischen Freischärlern, Geheimpolizisten und Gendarmen. Alle Deutschsprachigen, die vor den Repressalien in sichere Gebiete des Burgenlandes geflüchtet waren, galten ebenfalls automatisch als nicht stimmberechtigt. Selbst Ferrario gab zu, das Ganze sei ein „atto legale“, ein legales Theater.

Die Deutschen hielten dagegen. An ihrer Spitze standen Hofrat Josef Rauhofer und Professor Alfred Walheim, aus Wien kam der Abstimmungskommissär Viktor Miltschinsky hinzu, der sich schon in der Kärntner Abstimmungsfrage bewährt hatte. Ihnen gesellte sich bald der Sozialdemokrat Ludwig Leser bei (der Onkel Norbert Lesers), der nach 1945 sozialistischer LH-Stellvertreter werden sollte.

Freilich: Wirklich überwältigend war die Begeisterung der ansässigen Bevölkerung, an Österreich angeschlossen zu werden, nicht. Den meisten war wichtiger, wo sie für ihre Familien die besseren Chancen sahen. Ein Übriges tat der missglückte Versuch des letzten Kaisers Karl, den ungarischen Thron zurückzugewinnen.

Kleinbauern und Bürger bewegte viel mehr die Frage, in welchem Staat sie ihren Land- und Grundbesitz beisammenhalten konnten. Das war ihnen wichtiger als die nationale Frage „Österreich oder Ungarn“. Auch die Esterhazys als machtvollste Großgrundbesitzer fürchteten ein Zerreißen ihrer enormen Ländereien durch die Grenze.

„Eigentlich sollte es das ,Wunder von Ödenburg‘ heißen“, schrieb Peter Wolf in der „Wochenpresse“ 1961: „Die ungarischen Behörden machten Tote lebendig, verhalfen Lebenden zu einem doppelten Dasein, wenn sie nur gute magyarische Namen trugen... Aus Ungarn führten Züge immer neues Stimmvieh heran, das Standrecht drohte den deutschsprachigen ,Vaterlandsverrätern‘, österreichische Zeitungen waren verboten . . .“

So überraschte des Abstimmungsergebnis schließlich nicht wirklich:
Für Ungarn: 15.334 (65,1 %)
Für Österreich: 8227 (34,9 %)

Das Burgenland verlor damit seine Hauptstadt, Österreich einen wichtigen Verkehrsknotenpunkt und Wien seinen „Gemüsegarten“. 15.000 „Bohnzichter“ gehörten nun nicht mehr dazu. Nach dem Zusammenbruch der Wirtschaft am Ende des (von Österreich ausgelösten) Weltkrieges, nach dem Verlust Südtirols und des Kanaltals, nach dem erzwungenen Verzicht auf die deutschsprachigen Gebiete Böhmens und Mährens, war dies nun der vorerst letzte Tiefschlag für das verarmte und hungernde kleine Land.

Interessanterweise jubelten aber die Ungarn nur verhalten über den Abstimmungssieg: Sie hatten sich viel mehr erwartet. „Das Ergebnis ist für uns niederschmetternd . . . Man muss entsetzt sein. In Westungarn müssen eine Menge Fehler und Verbrechen geschehen sein, damit eine solche Antipathie gegen uns entstehen konnte“, schrieb eine Budapester Zeitung ganz erstaunt. Trotzdem wurde später der Stadt Ödenburg – nun Sopron – vom ungarischen Staat der Titel „Civitas Fidelissima“ („die treueste Stadt“) verliehen.

 

Wiens Protest war sinnlos

Selbstverständlich protestierte die Wiener Regierung sofort bei der Botschafterkonferenz gegen die Farce – und selbstverständlich war das erfolglos. Am 23. Dezember wurde das Ergebnis amtlich, am 1. Jänner1922 ging das Gebiet auch offiziell an Ungarn. Eine reine Formsache, da es dasselbe ja nie geräumt hatte.

Nur einmal noch in der europäischen Geschichte sollte Ödenburg/Sopron Schlagzeilen machen. Diesmal waren es durchwegs positive: Zunächst begann Ungarn im Mai 1989 mit der Beseitigung der tödlichen Sperranlagen an der ungarisch-burgenländischen Grenze. Im Juni wurde das berühmte Foto mit den beiden Außenministern an der Grenze gemacht. Und am 19. August 1989 schließlich veranstaltete die Tochter Ottos von Habsburg, Walburga, hier ein „Paneuropäisches Picknick“. Bei dieser Gelegenheit gelang 661 DDR-Bürgern die Flucht über die Grenze nach Österreich in die Freiheit: ein erstes Wetterleuchten, das den Zerfall des kommunistischen Systems Osteuropas ankündigte.

Was bisher geschah: Die Vorgeschichte der Ödenburger Volksabstimmung des Jahres 1921

Ungarns Friedensvertrag. Am 26. Juni 1920 musste Ungarn nach dem verlorenen Weltkrieg den katastrophalen Friedensvertrag im französischen Trianon unterzeichnen. 71 Prozent des Landes gingen verloren, nahezu sechzig Prozent der Bevölkerung. Die Nachbarstaaten waren die Gewinner.

„Vierburgenland“. Ein kleiner Teil – das mehrheitlich deutschsprachige Westungarn – fiel an Österreich, quasi als Ausgleich für das an Italien verlorene Südtirol. Die Vorstellungen Wiens waren zunächst viel höher: Wien wollte die geschlossenen deutschen Siedlungsgebiete der ungarischen Komitate Pressburg, Öden- burg, Wieselburg und Eisenburg. Das neue Bundesland sollte „Vierburgenland“ heißen.

Die „Hoanzen“. In dem ungarischen Landstrich, den Rest-Österreich beanspruchte, in diesen vier Komitaten (Bezirken), lebten als Mehrheitsbevölkerung rund 300.000 Deutsche, man nannte sie die „Heinzen“. Die Zahl dürfte sicher noch etwas größer gewesen sein, denn sie ging ja auf die magyarische Volkszählung des Jahres 1910 zurück. Neben diesen 68,5 Prozent wohnten dort 79.000 Ungarn, 44.500 Kroaten und 13.900 Slowenen.

Ungarns Gegenwehr. Am 29. August 1921 marschierten 2000 österreichische Gendarmen in das heutige „Burgenland“ ein; ungarische Freischärler lieferten ihnen eine Abwehrschlacht. Dringliche Hilfsgesuche der Wiener Regierung an die Siegermächte blieben unbeantwortet.

Der Kompromiss. Am 13. Oktober unterzeichnete Bundeskanzler Schober auf Druck der Westmächte das „Protokoll von Venedig“: Die ungarischen Truppen sollten das Gebiet verlassen, dafür sollte es im Ödenburger Gebiet eine Volksabstimmung geben. Die fand am 14./15. Dezember 1921 statt. [Österr. Landsmannschaft]