Claudia Bosse: Nomadin der Wiener Kunstszene

Claudia Bosse Nomadin Wiener
Claudia Bosse Nomadin Wiener(c) APA
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Die gebürtige Deutsche erforscht Wiens Ecken seit mehr als zehn Jahren in Form von Off-Theaterprojekten. Ein Cityguide mit Regisseurin Claudia Bosse.

Claudia Bosse schüttelt die Decken im Leopold Museum auf. „Entschuldigung, das muss ich machen, das macht mich sonst wahnsinnig“, sagt Bosse, die normalerweise als Theaterregisseurin mit ihrem Theatercombinat arbeitet. Für das Leopold-Museum hat sie ihren Tätigkeitsbereich ausgeweitet und im Rahmen der Ausstellung „Melancholie & Provokation“ einen Raum gestaltet.

Insgesamt sechs Künstler – darunter auch Günter Brus oder Elke Krystufek – haben dabei Egon Schieles Frühwerk interpretiert. Bosses Raum hebt sich dabei deutlich von den anderen ab. Hier wird nicht ehrfürchtig bestaunt, der Besucher wird selbst zum Teil der Ausstellung. So steht auf einem Schaumstoffbett der Titel „Liegende mit gespreizten Beinen“ geschrieben. Das Bett lädt zum Platznehmen ein, die neu drapierten Decken zum Zudecken. Die Vitrinen, in denen sich sonst Kunstwerke befinden, können betreten werden, um darin einem Stimmengewirr – Bildbeschreibungen von Ausstellungsbesuchern – zu lauschen. „Es ist sehr, sehr toll hier zu arbeiten“, sagt Bosse.


Der Raum als Teil des Theaters. Dass Bosses Ausstellungsraum ein für ein Museum recht unübliches Flair hat, wundert wenig. Immerhin hat sie als Regisseurin im Off-Theater stets ein besonderes Augenmerk auf die passenden Räumlichkeit. Anstatt immer dieselbe Theaterbühne zu bespielen, wandert Bosse mit ihrer Combo durch die ganze Stadt – von Fabrikshallen über öffentliche Plätze bis zu U-Bahnstationen. „Die Raumauswahl ist genauso wichtig wie die Stückauswahl“, sagt die gebürtige Deutsche, die seit 1999 in Wien lebt. Die Liebe zur Stadt und zur Architektur hat sie damals nach Wien gebracht. „Außerdem war es hier leichter in leer stehenden Gebäuden zu spielen als in Berlin. Heute ist das aber nicht mehr so.“ Sie vermisst eine Stelle, die die Infrastruktur zur Verfügung stellt. „Seit Jahren wird darüber gesprochen, dass das kommen soll. Getan hat sich noch nichts.“ Immerhin erfordern die Suche und die Adaptierung der Räumlichkeiten viel Zeit und Energie.

Einen dieser Räume hat Bosse vor Kurzem in einem alten Bürogebäude im 15. Wiener Bezirk gefunden. Der Bau stammt von Karl Schwanzer, der auch für das vor wenigen Tagen eröffnete 21er Haus verantwortlich war, und beherbergt auch das Schwanzer-Archiv. Das ebendieser Ort für die aktuelle Theaterproduktion „Dominant Powers. Was also tun?“ ausgewählt wurde, hat auch pragmatische Gründe: Er ist beheizbar. „Jahrelang haben meine Schauspieler und ich in leeren Farbikshallen gefroren. Damit muss auch einmal Schluss sein.“


Genug vom Nomadenleben. Überhaupt hätte Bosse nichts dagegen, das Leben der Theaternomadin zumindest vorübergehend an den Nagel zu hängen und in einer fixen Spielstätte zu arbeiten. Sie hat auch schon ein passendes Plätzchen dafür ausgemacht, das derzeit aber eher dem Verfall preisgegeben ist. Das einstige Mittersteig-Kino („Mala Strana“) im vierten Bezirk hat es Bosse besonders angetan. „Das ist ein wunderbarer Saal, der leer steht. Das wäre ein idealer Ort für eine neue Spielstätte.“ Das 1910 gegründete Theater hat schon so einiges mitgemacht. Das Haus wurde einst als Bordell (von alliierten Soldaten), als Trainingsstätte für Boxer, Fitnessstudio, Kino und in den 1990er-Jahren wieder als Theater genutzt. „Seit einem Jahr gibt es Aufrufe, es wieder der Kunst zurückzugeben, bis jetzt vergeblich“, sagt Bosse.

Wenn einmal nicht gearbeitet wird, stattet sie gern dem Café Heumarkt einen Besuch ab. Sie schätzt das Kaffeehaus aufgrund des „unglaublich uncoolen coolen Charmes“ und der Bedienung in „ihren unglaublichen sauberen weißen Kitteln“. Aber auch für das Café Heumarkt gibt es pragmatische Gründe. Es liegt auf dem Weg von ihrer Wohnung im vierten Bezirk in das Theatercombinat-Büro im Alten Anatomiegebäude im Dritten. Zumindest hier hat sie eine Kommandozentrale für ihre Arbeit.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.11.2011)

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