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"Der einsame Weg": Das Volkstheater traut sich was

einsame Volkstheater traut sich
Mantel und Franzmeier(c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)
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Schnitzlers "Der einsame Weg" in Bildern zwischen Surrealismus und Anselm Kiefer. Regisseur Nerlich formte die dazu passenden bizarren, modernen Figuren. Das Wagnis ist jedoch nicht ganz aufgegangen.

Vom Hinabsteigen handelt Schnitzlers „Der einsame Weg“ (1904). Im Palast einer versunkenen Stadt im heutigen Afghanistan führen 312 Stufen „glänzend wie Opale in eine unbekannte Tiefe“: Der verbrauchte Bonvivant Sala will dorthin reisen. Der Maler Julian hat den Tiefpunkt der Resignation nach raschem Aufstieg in jungen Jahren schon erreicht. Schnitzler hat sich in diese zwei Figuren aufgespalten: bourgeoiser Lebemann einerseits, egomanischer Kunstberserker andererseits. Die junge Gabriele ließ Julian mit einem Kind sitzen, die Schauspielerin Irene hätte sich wegen ihm beinahe umgebracht. Nun versammeln sich die Alten an ihren früheren Tatorten – und ziehen die Jungen mit sich hinab: Julian offenbart sich seinem Sohn Felix als Vater, doch der folgt lieber seinem Ziehvater, dem braven Akademie-Direktor Wegrat, der Gabriele vor der Schande gerettet und geheiratet hat. Die gemeinsame Tochter aus dieser Ehe, Johanna, hängt sich an den todgeweihten Sala – und ertränkt sich...


Müllplatz versunkener Gefühle. Viel Personal und eine verwickelte Geschichte: Immer wieder werden Vorhänge, Schleier beiseitegezogen, Ungeheures offenbart sich. Thomas Langhoff lieferte 1987 eine gestochen scharfe Version in blendender Besetzung bei den Salzburger Festspielen ab: mit Helmuth Lohner als Sala, dem jüngst verstorbenen Heinz Bennent als Julian, seiner Tochter Anne als Johanna...

Das Volkstheater vertraute das Schauspiel dem 32-jährigen Hamburger Alexander Nerlich an. Er war u. a. Hausregisseur beim klassisch-ernsten Regietitanen Dieter Dorn, Intendant des Bayerischen Staatsschauspiels München bis 2011. Mithilfe der Ausstatter (Bühne Wolfgang Menardi, Kostüme: Amit Epstein) schuf Nerlich für diesen „Einsamen Weg“ vor allem packende Bilder, die sich an Anselm Kiefers Ansichten von einer verwüsteten Erde anlehnen, auch an den Surrealismus.

Lianen hängen herab, markieren einen alten Garten. Eine Gipsbüste dient als Alter Ego und zerschellt. Der Müllplatz versunkener Gefühle ist mit verrosteten Sesseln, einem Plastik-Gewächshaus möbliert, in dem giftgrüne Pflanzen sprießen. Wenn tiefere Bekenntnisse angesagt sind, leuchten die Akteure einander wie beim Verhör mit alten Scheinwerfern ins Gesicht. Ein kaltes, künstliches Kaminfeuer glüht.

Ein ausgestopfter Löwe im Sprung erinnert an versunkene Abenteuer, die auch als Schattenspiele und Sonnenuntergänge an die Wand projiziert werden: Die Szene, als Schauspielerin Irene ihre Leidenschaft zum flüchtigen Julian heraufbeschwört, ist eine der eindringlichsten des Abends. Die todessüchtige Johanna, hier eine Art Punkgirl mit roten Locken, sprüht ihre Botschaften auf eine Neonwand: „Fort! Komm!“ Als es mit Sala zu Ende geht, ritzt sich dieser mit dem Messer blutig. Auch Johanna verletzt sich selbst und treibt mit Sala perverse Spielchen. Diese dichten und modernen Bilder werden von den Schauspielern nur teilweise mit Leben erfüllt. Ohne sichtbare Anstrengung hinreißend und facettenreich ist Günter Franzmeiers Julian: Der Kerl im Blaumann mit E-Gitarre hat sich zu lange vor allem gedrückt, jetzt sitzt er da, wirft Erde auf seine Bilder und klammert sich an den Sohn (Simon Mantei), den er verließ und der nichts mehr von ihm wissen will.


Undeutliche Sätze, Längen. Mit sanftem Strich hat Nerlich diesen wohlerzogenen Upper-Class-Bürgern die Haare aufgestellt. Die krebskranke Gabriele (Claudia Sabitzer) wendet sich brüsk von ihrem treu sorgenden Ehemann, dem Akademie-Direktor Wegrat (Erwin Ebenbauer) ab und umarmt den Doktor (Ronald Kuste sprang kurzfristig für Rainer Frieb ein) –, den sie eigentlich ihrer Tochter Johanna hinterlassen möchte: Nanette Waidmann tollt als wilde Elfe mit Sala herum, der zur Liebesjagd ein Frauen-Nachthemd übergestreift hat: Denis Petkovićs manieriertes Spiel wirkt effektvoll, erschließt sich aber nur bedingt. Heike Kretschmer spielt mit Aplomb die Irene, in ihrem Tragödinnen-Pathos schluchzt das Elend einer Verlassenen.

Die Perfektion der Sprache lässt zu wünschen übrig, manches bleibt gar undeutlich. Es gibt trotz teils ruppiger Kürzungen Längen an diesem Abend. Aber Nerlich hat einen Weg gewiesen, wie Schnitzler ohne grelle Verfremdung aus seinem verwunschenen Museum zu entführen wäre.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.11.2011)