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Keine Lust auf Fragen: Das Neonazirätsel von Zwickau

Keine Lust Fragen Neonaziraetsel
Zwickau(c) Dapd (Joern Haufe)
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Nach dem Auffliegen der Rechtsterroristen herrscht in Zwickau Ratlosigkeit. Doch der Osten Deutschlands ist seit Jahren Aufmarschgebiet einer gewaltbereiten rechtsextremen Szene.

Die Hecken sind akkurat in Form gebracht, die Rosen beschnitten. Wer seinen Garten noch nicht für den Winter bestellt hat, holt dies nun nach. Der Zwickauer Stadtteil Weißenborn mit seinen frei stehenden Einfamilien-häusern gilt als beste Wohngegend.

Doch an der Durchgangsstraße nach Niederhohndorf klafft im Haus Frühlingsstraße 26 im ersten Stock und Dachstuhl ein Loch. Geborstene Balken ragen in den Himmel, Reste von Küchen- und Badtapete liegen blank, eilig eingezogene Stützen verhindern das Ärgste, während die schwarzen Rauch- und Schmauchspuren an den jähen Knall und anschließenden Brand erinnern, der die beschauliche Ruhe hier am 4. November zerriss: Um kurz nach 15 Uhr hatte die Anwohnerin Beate Z. die Wohnung kurz nach ihrem Verlassen in die Luft gesprengt – nicht ohne vorher die Katzen zu einer Nachbarin zu bringen.

Am selben Morgen wollte die Polizei zwei Bankraub-Verdächtige in Eisenach in einem Wohnmobil festnehmen. Im Inneren des Wagens fielen Schüsse, die beiden Tatverdächtigen, die sich vor der Festnahme erschossen, entpuppten sich als rechtsradikale Gewalttäter Uwe M. und Uwe B. Zusammen mit Beate Z. hatten sie in der Frühlingsstraße in Zwickau gewohnt. Auf das Konto der Zelle „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) gehen neun Morde an Einwanderern in Deutschland zwischen 2000 und 2006, der Mord an einer Heilbronner Polizistin, ein Nagelbomben-Attentat in Köln mit 22 Verletzten sowie weitere Anschläge und Straftaten seit den Neunzigern.

In der Ruine der Zwickauer Wohnung fanden die Behörden Beweismaterial sowie Videos, auf denen sich die Gruppe erstmals zu Anschlägen und Morden bekennt. Auf einem USB-Stick entdeckten die Ermittler 88 Namen künftiger möglicher Opfer – darunter zwei Mitglieder des Bundestages.

Beate Z. stellte sich am 8. November in Jena, inzwischen wurde sie nach Köln überstellt. Ein Unterstützer des Trios, Holger G., ist ebenfalls in Haft. Er soll der Terrorgruppe Pässe besorgt und Wohnmobile angemietet haben. Außerdem gibt es noch zwei zusätzliche Beschuldigte – was ihnen genau vorgeworfen wird, ist nicht bekannt. Die Ermittler gehen aber mittlerweile von einem Unterstützernetzwerk der NSU aus, das zwei Dutzend Personen umfasst haben könnte. Die Rechtsterroristen könnten ihre Helfer aus dem „Thüringer Heimatschutz“ rekrutiert haben, eine beizeiten 100 Mitglieder umfassende Neonazi-Kameradschaft, in der sie in den Neunzigerjahren organisiert waren.

Während sich die Beamten über Ermittlungsfortschritte in Schweigen hüllen, dringen weiterhin Ermittlungspannen an die Öffentlichkeit. Unklar ist weiterhin, wie das Trio 1998 nach einem missglückten Attentat überhaupt „abtauchen“ und so lange unerkannt Verbrechen begehen konnte. Informationen des „Spiegel“ zufolge hat der Verfassungsschutz Ende der Neunzigerjahre mindestens drei V-Leute im Umfeld der späteren Zelle geführt. Zu den Informanten zählte auch der Chef eben jenes „Thüringer Heimatschutzes“.

Keine Lust auf Fragen. In der Frühlingsstraße hält die Polizei Wache an dem rotweißen Absperrungsband. „Die Nachbarn haben die Nase voll von den Journalisten und den vielen Fragen“, sagt der Beamte. „Aber wir müssen dann sagen: Hier herrscht Pressefreiheit.“ Immerfort halten Fahrzeuge vor der Ruine, in der eine Immobilienagentur Büroräume und Wohnungen anbietet. Passanten knipsen mit Kameras und Mobiltelefonen. Im Nachbargrundstück steht ein alter Mann. „Nein, von der Explosion haben wir so gut wie nichts mitbekommen“, raunt er. Und geht im Reden grimmig fort: „Wir sagen überhaupt nichts mehr, es wird schon zu viel geredet.“

Geredet wird vor allem in den Medien. Die „Zwickauer Zelle“ ist inzwischen zum Terminus geworden, synonym mit brauner Gewalt. Der Umstand, dass in Deutschland eine Nazi-Terrorzelle auffliegt, die mehr als ein Jahrzehnt lang unentdeckt morden konnte, stellt die sächsische Gemeinde weltweit in schiefes Licht.

Es sei „wie ein Fluch“, sagt Michael Luther, CDU-Bundestagsabgeordneter aus Zwickau. „Das ist schon anderen Orten passiert wie Bad Kleinen, wo lediglich ein Terrorist, damals der RAF, auf dem Bahnhof gefasst wurde.“ Auch dort wurde der Name eines Ortes gleichbedeutend mit terroristischer Gewalt. „Aber die Leute kamen ja nicht aus Zwickau, sie haben hier nur gewohnt. Ihre Straftaten haben sie in ganz Deutschland ausgeführt und nicht hier“, betont Luther.

Thüringen, jenes Bundesland, in dem die Gewalttäter in der Stadt Jena aufwuchsen, hat inzwischen eine bundesweite Imagekampagne abgesagt. „Thüringen hat viele Stärken – zu Wenigen ist das bekannt“ – angesichts der lange unkoordiniert im Dunklen tappenden Ermittlungen gegen Rechts nimmt sich dieser Slogan nun unvorteilhaft zweideutig aus.

Luther kann in seinem Büro in der Zwickauer Hauptstraße auch keine Verstrickung seiner Heimat in die rechte Szene erkennen. „Die Wahlergebnisse für die NPD sind bei uns niedrig. Wenn Neonazis hier Aufmärsche abhielten, kamen die Anhänger vor allem mit Bussen von außerhalb.“ Eine braune Szene in Zwickau, Vereinslokale oder konspirative Treffpunkte? Dem CDU-Politiker ist derartiges nicht bekannt, auch nicht dem älteren Ehepaar, das am kleinen Markt an der Max-Pechstein-Straße in der Innenstadt eine Krakauer Wurst isst. „Nein“, sagt die Dame, „diese Neonazis sieht man hier nicht.“

Und dennoch: Zwickau, Heimat von Audi, des Trabbi-Herstellers Sachsenring und heute wichtiger VW-Standort, hat einen Mann hervorgebracht, der als Galionsfigur der rechtsextremen Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) von sich Reden machte. Der zeitweilige Landtagsabgeordnete Peter Klose gratuliert auf der NPD-Homepage Hitler zum Geburtstag und gibt wirres Zeug über Nation, Überfremdung und die Lage in Libyen von sich. Ausgeschieden nach innerem Zwist, sitzt Klose nun ohne die NPD im Stadtrat und provoziert seine Kollegen. Im Internet präsentierte er sich jüngst als „Paul Panther“ und verwendete jene rosa Comic-Figur, die auch auf einem Video der NSU-Terrorzelle auftaucht.

Die NPD selbst distanziert sich von der gewaltbereiten Neonazi-Szene (s. Interview rechts). Rechtsextremismusexperten wie Heribert Schiedel vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW) halten dies für ein rein taktisches Manöver. „Gerade in den Landesverbänden besteht eine sehr hohe personelle Identität zwischen Partei und Neonazi-Szene.“

Unauffällige Neonazis. „Auch 2010 waren in Deutschland keine rechtsterroristischen Strukturen feststellbar“, steht im deutschen Verfassungsschutzbericht 2010 geschrieben. Rechtsextremistische Gewalt werde „überwiegend spontan“ begangen. Ein Urteil, das die Ermittler nun revidieren müssen. Die Zwickauer Zelle verfolgte, wie Schiedel es nennt, eine „Strategie der Spannung“: Anders als Gruppen, die sich prahlerisch zu ihren Anschlägen bekennen, habe die NSU eine längerfristige Strategie verfolgt: Eskalation. Ihr politisches Ziel sei ein „Bürgerkrieg in Europa“.

Mit dem Auffliegen des Terrortrios rückt das Gefahrenpotenzial der neonazistischen Kameradschaften wieder in den Blick. In diesem Umfeld begann das Trio seine Gewaltkarriere. Die Kameradschaften entstanden Mitte der Neunziger. Ihr Konzept: konspirative Kleingruppen, der sogenannte „führerlose Widerstand“. Ihre Devise: Alle machen mit, niemand ist verantwortlich. Sie halten Märsche ab, putzen Kriegerdenkmäler und Straßen, veranstalten Liederabende – und wenn sie betrunken sind, schlagen sie zu. „In den heruntergekommenen Landstrichen übernehmen sie Ordnungsfunktionen“, sagt Schiedel. „Und sie bieten die Erlebniswelt Neonazismus.“

Verfassungsschützer beobachten, dass sich die Szene im letzten Jahrzehnt radikalisiert hat: Die sogenannten „Autonomen Nationalisten“ sind noch gewaltbereiter, suchen die direkte Konfrontation mit der Staatsmacht und dem politischen Feind. Ihre Organisationsstruktur ist schlanker, äußerlich sind sie unauffällig: Das offensichtliche Neonazi-Outfit haben sie durch Kapuzenpullis, Turnschuhe und Basecaps ersetzt – wie ihre autonomen Vorbilder von ganz links.


Um Schadensbegrenzung bemüht. Derweil müht sich die knapp 100.000-Seelen-Gemeinde, das Image Zwickaus vom Erbe der rechtsradikalen Terrorzelle zu befreien. Bürgermeisterin Pia Findeiß (SPD) rief für den 25. November zu einer Demonstration „für Demokratie und Toleranz“ auf. „Viele Zwickauerinnen und Zwickauer sind sprachlos und betroffen, dass das rechte Mordtrio unbehelligt und scheinbar unbemerkt inmitten unserer Stadt gelebt hat“, heißt es. Gleich neben dem Rathaus lehnt sich der berühmteste Sohn der Stadt an einen Stuhl. Robert Schumann, 1810 in Zwickau geboren, soll der Autostadt eine musische Seite verleihen. Im Gewandhaus nebenan wird derzeit „Werther“ gegeben, dazu eine Komödie, die in Rumänien spielt: „Datscha 2 – Im Nebel des Grauens“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.11.2011)