Lauer Labiche im Theater von St. Pölten

Lauer Labiche Theater Poelten
Lauer Labiche Theater Poelten(c) Dapd (Franka Bruns)
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Elfriede Jelineks Übersetzung bescherte der "Affäre Rue de Lourcine" eine Renaissance in deutschen Landen. Die lackierte niederösterreichische Version überzeugt trotz ganz guter Schauspieler nur sehr bedingt.

Dass die Werke Elfriede Jelineks auch komisch sind, ist spätestens seit ihrem Finanzkrise-Stück „Die Kontrakte des Kaufmanns“ jedem klar. 1988 übersetzte sie Eugène Labiches „Die Affäre Rue de Lourcine“ mutmaßlich als eine Fingerübung für ihre Oscar-Wilde-Bearbeitungen: Jelineks „Bunbury“-Umrundung und Überwältigung begeisterte 2004 im Akademietheater, ihre Version von „Der ideale Mann“ hat dort am 23.11. (Mittwoch) Premiere.

Labiche, Eugène Scribe, Georges Feydeau, die drei Satiriker des aufstrebenden Bürgertums im 19.Jahrhundert, packten ihre Opfer sozusagen bei der Krawatte und trieben sie vor sich her: panische Männer, zickige Ehefrauen und kokette Geliebte bevölkern ihre Stücke. Dass im Vaudeville ein ernster Unterton mitschwingt, die Angst, die gerade erkämpfte noble Existenz, die Ehre zu verlieren, zeigte einst Achim Benning in seinen Burgtheater-Inszenierungen dieser Dramen. Meist aber sind sie bloß als Muntermacher für Theaterspielpläne gefragt. Die Herstellung des französischen Milieus funktioniert so gut wie nie. Das ist ein wenig traurig, weil mittlerweile die angelsächsischen Lustspiele im deutschen Sprachraum sehr wohl von den Comedy-Erfahrungen ihrer Mitwirkenden profitieren.

Es gibt viele Arten, Komödie zu spielen, vor allem aber zwei: Mit trockenem Humor oder mittels Hyperrealismus, auf den sich z.B. Michael Ostrowski & Co. bestens verstehen. Was Barbara Nowotny mit ihrer Inszenierung der „Affäre Rue de Lourcine“ auf der Werkstattbühne des Landestheater Niederösterreich in St.Pölten wollte, ob sie etwas wollte, bleibt unklar.

Die Aufführung ist leidlich lustig, alles andere wäre eine Katastrophe, und um eine solche handelt es sich hier zum Glück nicht, aber sie packt einen keine Sekunde weder an der Krawatte noch an den inneren Organen.

Gedrillte Zinnsoldaten ohne Flair

Vaudeville-Autoren nahmen die Hollywood'schen Gag-Werkstätten vorweg, sie luden sich Ko-Spaßmacher ein. Darum sind ihre Texte auf diese leicht künstliche Weise schlagfertig wie gelungene Filmkomödien (Screw Ball). Bestens in puncto Schlagfertigkeit trainiert wirken auch die Spieler in St.Pölten, sie singen sogar. In Anlehnung an Brecht sind heitere Moritaten eingefügt, die allerdings phänomenale Binsenweisheiten verbreiten: „Was ist der Mensch, ein Nichts, ein Staubkorn.“ Industriellen-Sohn Labiche (1815–1888), der seine Klassengenossen durchaus nicht ohne Liebenswürdigkeit auf die Schaufel hievte, dürfte sich bei solchen Kanzelpredigten im Grabe umdrehen, auch wenn sie ironisch gemeint sind, naturgemäß. Die Aufführung spielt auch mit aktuellen Korruptionsfällen fescher Boys.

Zwei dieser Knaben finden sich bei Labiche morgens in einem Bett wieder, sie waren aber zu betrunken, um sich zu erinnern, was sie in der Nacht dorthin gebracht hat. Da fällt ihnen eine Zeitung in die Hand, in der von einem grauenvollen Mord berichtet wird. Nun glauben die jungen Männer, sie waren die Täter. Dorothea Wimmers Bühnenbild mit Modefotos suggeriert Heutigkeit. Die Sprache und die Handlung sind aber eben doch 19.Jahrhundert – und eine Brücke wird nicht geschlagen.

Wie Zinnsoldaten marschieren die Akteure durch dieses Lustspiel, bestens gedrillt wie es im deutschsprachigen Regietheater – Nowotny ist Wienerin – üblich ist, aber ohne irgendein Flair zu entfalten. Sie mimen Labiche, bleiben aber undeutlich, beliebig in ihren Rollen wie Pappfiguren. Nachhaltige Wirkung entfaltet nur Hendrik Winkler als aufmüpfiger, neunmalkluger Diener Justin, der nicht outriert, sondern trocken seine Pointen serviert und deutlich macht, dass zwischen dienstbaren Geistern unterschiedlicher Jahrhunderte geringe Unterschiede bestehen bezüglich der schonungslosen Beurteilung ihrer Herrschaft.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.11.2011)

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