Gewaltwelle an US-Schulen

Gewaltwelle an US-Schulen. Nach Blutbad in Pennsylvania fürchten die US-Behörden Nachahmungstäter.

Washington. Er hatte sich auf einen langen Tag des Tötens eingestellt. 600 Schuss Munition hatte Charles Carl Roberts dabei, als er die Schule der christlichen Religionsgemeinschaft, der Amish im US-Bundesstaat Pennsylvania, betrat. Er brauchte nur zwölf.

Elf Mädchen reihte er vor der Schultafel auf und schoss auf eines nach dem anderen. Mit der zwölften Kugel tötete sich der 32-jährige Milchwagenfahrer selbst. Bisher erlagen fünf Mädchen ihren Verletzungen, die anderen schweben in Lebensgefahr. Vier der Opfer sind zwischen sechs und 13 Jahre alt, das fünfte ist eine 15 oder 16 Jahre alte Assistentin der Klassenlehrerin. Das Motiv von Roberts lässt sich nur aus seinen Abschiedsbriefen und Telefonnachrichten erahnen. "Er war wütend auf Gott und die Welt", erklärte Polizeichef Jeffrey Miller.

Seine Wut ließ Roberts, der nicht zu den Amish gehörte, an den Schulkindern aus - nicht etwa, weil er Hass gegen die Amish und ihren einzigartigen Lebensstil hegte. Sondern weil die Schule "ein leichtes Ziel war". Es gab keine Sicherheitsvorkehrungen. Die Hinrichtungen in Pennsylvania sind der bisherige Höhepunkt in einer jüngsten Welle von Gewalt an amerikanischen Schulen. Im US-Bundesstaat Colorado hatte ein Mann vor einer Woche einen Klassenraum gestürmt und ein Mädchen und sich selbst getötet. Ende vergangener Woche erschoss ein Schüler im Bundesstaat Wisconsin seinen Direktor. In Las Vegas gab es Großalarm an zwei Schulen, weil jemand einen bewaffneten Mann gesehen hatte.

Diese Ereignisse könnten nun zusätzlich Nachahmungstäter auf den Plan rufen und für weitere Gewalttaten sorgen, warnen Psychologen. Schulen in den ganzen USA haben zusätzliche Vorkehrungen getroffen. Im US-Bundesstaat Montana hat ein Bezirk einen privaten Sicherheitsdienst zur Bewachung der Schulen verpflichtet.

Bereits nach dem Massaker an der Columbine High School in Colorado, wo im Jahr 1999 Schüler 13 Personen erschossen hatten, führten amerikanische Schulen spezielle Sicherheitsmaßnahmen ein. In Chicago sind beispielsweise sämtliche 625 Schulen mit Metalldetektoren ausgestattet; 70 haben eine eigene Polizeitruppe, der Rest hat private Sicherheitsleute.

Alarmiert von den Vorfällen hat US-Präsident George W. Bush eine Konferenz für die kommende Woche einberufen, bei der Schulbehörden und Exekutive darüber beraten sollen, wie man die Gewalt stoppen kann. Lehrer- und Elternvertreter sowie die Bundespolizei FBI sollen Strategien gegen Gewalt an Schulen ausarbeiten.

Immer wieder werden verpflichtende Sicherheitskontrollen und die Anschaffung von Metalldetektoren für alle öffentlichen Schulen nach dem Vorbild Chicagos diskutiert. Die meisten privaten Schulen in den USA haben einen ständigen Sicherheitsdienst, der auch in den Gebäuden patrouilliert.

In Pennsylvania laufen indes die Vorbereitungen für das Begräbnis der Mädchen. Nach Tradition der Amish, die großteils noch immer so leben wie vor 250 Jahren, als sie von Deutschland in die USA auswanderten, schaufeln Gemeindemitglieder händisch die Gräber. Die Holzsärge sind schmucklos und werden auf Kutschen zum Friedhof gebracht. Es gibt keine Lieder und keine Blumen. Und traditionell wird aus dem ersten Brief von Paulus an die Korinther zitiert: "Oh Tod, wo ist Dein Stachel? Oh Tod, wo ist Dein Sieg?"

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