New Orleans: "Nur über meine Leiche"

Der Wiederaufbauplan sorgt für heftigen Streit.

Washington. Der Plan, meinte Bürgermeister Ray Nagin bei der Vorstellung, sei vielleicht etwas kontrovers. Das war keine Untertreibung. "Nur über meine Leiche", schrie ein Zuhörer im vollen Saal im Hotel Sheraton in New Orleans. "Ich werde dagegen kämpfen, als wäre ich in Irak", drohte Harvey Bender. Und das waren nur die druckreifen Kommentare.

Grund für die hitzige Auseinandersetzung in New Orleans in der Nacht zum Donnerstag war der Wiederaufbauplan, den die Stadtverwaltung vorstellte. Er sieht ein viermonatiges Baumoratorium für die von Hurrikan Katrina am stärksten betroffenen Ortsteile vor - fast zwei Drittel der Stadt.

In dieser Zeit sollen die hunderten Nachbarschaftsvereine Pläne für den Wiederaufbau unterbreiten. Nachbarschaften, die keine Pläne einreichen oder in denen es zu wenig Interesse an einer Rückkehr gibt, sollen entsiedelt werden. Zwölf Milliarden Dollar hat die Stadt bereitgestellt, um Grundstückseigentümer zu entschädigen und die Wohngegenden beispielsweise in Parks zu verwandeln.

Hintergrund des Plans ist einerseits eine Umfrage, wonach nicht einmal die Hälfte der einst mehr als 500.000 Einwohner von New Orleans in die Stadt zurückkehren will. Derzeit leben gerade einmal 100.000 Menschen in der einstigen Südstaaten-Metropole. Andererseits geht es auch um bestimmte Gegenden, in denen die Gefahr einer neuerlichen Überschwemmung sehr groß ist. Experten haben sich gegen einen Wiederaufbau in diesen Gebieten ausgesprochen, etwa im neunten Bezirk.

Genau daran stießen sich viele Zuhörer. Denn schon lange gibt es Mutmaßungen unter den Bewohnern, dass die Politiker die ungewollte Chance nützen wollen, um bestimmte Stadtteile zu entsiedeln. Etwa eben den neunten Bezirk, der als ärmste Gegend von New Orleans gilt und in dem vornehmlich Afroamerikaner leben. "Wenn man diesen Plan umsetzt, dann werden unsere schlimmsten Befürchtungen wahr", meinte Sue Sperry vom New Orleans Preservation Resource Center. "Das ist, als würde man unser afroamerikanisches Erbe auslöschen."

Manche Bewohner beklagten, dass sie bereits zehntausende Dollar in die Renovierung ihrer zerstörten Häuser investiert haben. "Wer zahlt mir das, wenn unser Wohngebiet ein Park wird?", fragte ein Mann. Andere stehen vor dem Dilemma, dass ihnen die Versicherung kein Geld zahlt, solange sie nicht mit dem Wiederaufbau ihres Hauses begonnen haben. Und das können sie, wird das Vorhaben der Stadt umgesetzt, erst in vier Monaten.

Andere geben zu bedenken, dass vier Monate zu wenig Zeit seien, um zu wissen, wie viele Menschen tatsächlich zurückkehren wollen. Hurrikan-Flüchtlinge sind über das ganze Land verstreut, und erst jetzt endet das Programm der Katastrophenhilfe, die für Unterkünfte etwa in Hotels bezahlt hat. Zudem würden viele Familien erst im Sommer über eine Rückkehr entscheiden, wenn das aktuelle Schuljahr zu Ende ist.

Experten dagegen loben die Verantwortlichen. Der Wiederaufbauplan sei ein guter Kompromiss zwischen den Wünschen der Hauseigentümer und den notwendigen Einschnitten, die man auf Grund der einzigartigen Lage der Stadt - New Orleans liegt großteils unterhalb des Meeresspiegels - machen müsse.

Ob der Wiederaufbauplan so umgesetzt wird, ist offen. Bürgermeister Nagin hat nach den heftigen Reaktionen zurückgesteckt. "Das ist bisher nur eine Empfehlung." Die endgültige Entscheidung "werdet ihr treffen, wenn ihr zeigt, dass ihr weiter hier leben wollt".

Vor kurzem hatte Nagin prognostiziert, dass die Stadt in drei bis fünf Jahren wieder so viele Einwohner haben würde wie vor dem Hurrikan. Allein der Umstand, dass im Lauf dieses Monats viele Schulen wieder eröffnen, könnte die Bevölkerung auf 200.000 verdoppeln, zeigte sich Nagin optimistisch. Trotz der Zerstörungen sind die Einwohner von New Orleans auch fest entschlossen, den traditionellen Karneval zu feiern - laut Nagin ein Signal an die Welt, dass sich die Stadt auf dem Weg der Besserung befinde.

Ein Busunternehmen bietet unterdessen Touren durch die am schwersten verwüsteten Bezirke von New Orleans an - um 35 Dollar pro Erwachsenem. Das Unterfangen ist unter den Bewohnern der Stadt umstritten und wird als üble Geschäftemacherei mit menschlichem Leid kritisiert.

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.