Auf die Regierung, auf den Bus, aufs Bezahlen: In ihrem Volkssport sind Flamen und Wallonen vereint.
Seit mehr als zwei Jahren lebe ich nun schon im Königreich Belgien, und seit mehr als dreiviertel dieser Zeit tue ich das, was die Belgier auch tun: Wir warten auf die neue Regierung. Das ist betrüblich, doch ich muss das hiesige politische Personal exonerieren: Die trödeln nicht fahrlässig herum, nein: Sie erfüllen nur des Belgiers liebstes Begehren, stellen die Conditio Humana Belgica her, nämlich das Warten.
Der Belgier wartet für sein Leben gern. Im Supermarkt zum Beispiel, wo er dafür sorgt, dass die Regale nicht frühmorgens, sondern mittags zur Stoßzeit gefüllt werden – einschließlich mindestens einer halben Stunde an den Kassen, von denen natürlich zur seelische Erhebung des Volkes jede zweite geschlossen ist.
Auch im Straßenverkehr bleibt keine Gelegenheit zum Warten ungenützt. An belgischen Bushaltestellen fühlt man sich beinahe wie ein Astronom, der auf den Halleyschen Kometen wartet. Bloß kann man das Erscheinen des Letzteren verlässlich errechnen. Wonnige Stunden des Wartens erwarten auch jene, die zum Beispiel in Brüssel mit dem Auto zur Arbeit fahren. Am Dienstag stellten wir im Boliden der Schönen einen Rekord auf: 35 Minuten für einen Kilometer. Zu gern wären wir auf einen der drei (!) Busse derselben Linie umgestiegen, die vor uns im Stau steckten. Denn auch in denen hätte es sich schön warten lassen.
Sind die Flamen flotter als die Wallonen und Brüsseler? Angeblich. Mehrere Expeditionen in den Norden haben uns davon aber nicht überzeugt. Und noch immer gibt es Wartepotenzial zu heben, laufen die Dinge hier zu effizient: Im Stau sitzend hörten wir Experten im Radio dabei zu, wie sie Tipps zur Entschleunigung des Lebens austauschten. Mögen sich die andere noch so sputen; du, glückliches Belgien, wartest.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.11.2011)