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Nachruf: „Den Lärm, den eine Träne macht beim Rollen"

Nachruf Laerm eine Traene
(c) EPA (DANIEL KARMANN)
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Meister der vorletzten Lieder, des Grants mit Grund, der abseitigen Reime: Georg Kreisler, Kabarettist und mehr, ist 89-jährig in Salzburg an einer Infektion gestorben. Er war bis zuletzt im Kopf ein zorniger junger Mann.

Im Grunde sind wir machtlos", sagte Georg Kreisler im Jänner 2011 im Kabarett Simpl: „In die Wiege und in den Sarg müssen wir gelegt werden. Und dazwischen fallen wir immer um." Nein, er werde nicht konservativer im Alter, er denke nicht daran, sich zu bescheiden, er werde immer revolutionärer, erklärte er im August bei einem Abend in Salzburg: „Ich will immer mehr."

Nun ist er gestorben, der zornige junge, der zornige alte Mann, und niemand würde daran denken, ihm nachzurufen, was er in einem seiner grimmigen Lieder so sang: „Wenn man schließlich sterben würde und zerfallen würde und verderben würde, wie dann jeder freudig sich verfärben würde und behaupten würde: ,Er war liab!‘"

Nein, „liab" war er nicht, nicht zu Staat und Gesellschaft, nicht zu Österreich, nicht zu Wien, seiner Geburtsstadt, aus der er 1938 emigrieren musste, weil er jüdisch war. „In allen Wienern schlägt das gleiche goldene Herz", schrieb er im Satirenband „Ist Wien überflüssig" (1987): „Wenn sie es nur merken würden!" Das war noch nett im Vergleich etwa zu seinem Lied „Der Tod, das muss einer Wiener sein" oder gar zu „Wien ohne Wiener", in dem er ein goldenes Wien ohne seine Bewohner erträumte: „Nur die Vogerln und die Pferderln und die Hunderln und die Bäum'. Und wer durch dies' Paradies muss, findet später als Legat statt des Antisemitismus nur ein Antiquariat."

Songs über Gatten- und Frauenmord

Er selbst hatte 17 Jahre in Amerika verbracht, in Hollywood Filmmusik komponiert, Klavier für Charlie Chaplin gespielt, in New Yorker Nachtclubs Songs mit Titeln wie „Please Shoot Your Husband" gesungen, war wohl auch dem US-Kollegen Tom Lehrer begegnet, sodass man bis heute gut streiten kann, ob sein „Taubenvergiften" das Vorbild für dessen „Poisoning Pigeons In The Park" war oder umgekehrt.

Jedenfalls hatte er, als er 1955 nach Wien zurückkam, ein Bündel schwarzer und schwärzester Lieder im Kopf, die er auf das Publikum, etwa in der von Gerhard Bronner gepachteten Marietta-Bar, losließ: den beschwingten Frauenmörder-Song „Biddla Buh", das gar nicht gesetzestreue „Mütterlein", das „Lied für Kärntner Männerchor", in dem das „arme einäugige Elschen" einen Jäger namens Jochen absticht, weil sie ihn im Dunkeln für ein Schwein hält ...

Dergleichen trug er mit sprudelnder Musikalität vor, es ist typisch, dass einige seiner virtuosesten Songs von Musik handeln („Musikkritiker", „Operettenboogie", „Das Triangel"). Sein behändes, wild durch die Musikgeschichte zitierendes Klavierspiel war der perfekte Widerpart für die Reime, die immer irrwitziger wurden: „Man gibt dem Araber sein eig'nes Dromedar, aber wozu?", hieß es in „Zwei alte Tanten tanzen Tango"; und „Oh, du schöner Heinrich!" riefen die Damen „vom Amalienbad bis Italien"; einmal im Mai aß die Ida ein Ei. Auf „Gasthaus" reimte sich „rast' aus", auf den Herrn Wachtel sein Achtel, nur der „Bluntschli" blieb allein und unerklärlich, wie das Echo, das in „Max auf der Rax" ein Liebesidyll in ein „Lobesodol" verwandelt und den Titelhelden das Leben kostet.

„Seltsame Gesänge" hieß eine frühe Platte, es folgten 1961 die „Seltsamen Liebeslieder": Hier blödelte Kreisler kaum mehr, verzichtete auf Blut und (Wander-)Nieren, um tief in seelisches Unbehagen zu leuchten: In „Bessarabien" dienen die wilden Wortspiele dem Stehengelassenen als Zuflucht; in „Barbara" lockt eine Frau, die alles hat, nur keine Existenz; und da ist dann noch das Wort „verlassen", das eine fremde Hand in den Sand geschrieben hat.

1968: „Eine heiße Viertelstunde"

Nach kurzer Rückkehr zum Makabren in den - freilich bereits politisch aufgeladenen - „Liedern zum Fürchten" leistete Kreisler auf ganz andere Art Unerhörtes: Er schrieb und sang „,Nichtarische‘ Arien", beschwor kaum zwei Jahrzehnte nach dem Holocaust den unzerstörbaren jüdischen Humor. Mit dem „General" war das wohl witzigste pazifistische Lied aller Zeiten dabei, mit dem „Onkel Joschi" eine böse Hymne auf die Familienbande, mit „Ich fühl' mich nicht zuhause" eine berührende Diaspora-Ballade. Zum Schluss kam das radikal hoffnungslose „Für was bist du gekommen", als Zugabe die Rundum-Absage: „Ich hab ka Lust!"

Für seinen zeitweiligen Bühnenkollegen Gerhard Bronner war Kreisler schon lange nicht nur zu skurril, sondern vor allem zu „links" geworden: Tatsächlich sympathisierte Kreisler vor allem mit Anarchisten, bis zuletzt waren Staat und Politiker bevorzugte Objekte seines Hohns. Versteht sich, dass er sich 1968 in die Reihen der aufsässigen Studenten stellte und - mit seiner ersten Frau Topsy Küppers - in der „heißen Viertelstunde" im ORF-Fernsehen die Zensur provozierte.

1971: „Das Kabarett ist tot"

Erst Mitte der Achtzigerjahre sollte Georg Kreisler seine beeindruckende Produktion von Liedern weitgehend einstellen - „einfach weil mir keine mehr eingefallen sind", wie er, auch zu sich selbst nicht lieb, sagte -, doch schon 1971 postulierte er in einem Rhythmus, der so entschlossen war, dass er sich schon selbst infrage stellte: „Es hat keinen Sinn mehr, Lieder zu machen, statt die Verantwortlichen niederzumachen." Und: „Schlagt die Pointe entzwei, sie macht uns're Kinder nicht frei." Auf der gleichen Platte, den „Vorletzten Liedern", hörte man freilich auch viel Resignation. Das Kabarett jedenfalls, so befand er, „ist tot".

So wollte er kein Kabarettist mehr sein, auch kein Liedermacher, dass man stets nur sein „Taubenvergiften" forderte, nervte ihn chronisch. Er komponierte Musicals (z. B. das viel gespielte „Heute abend: Lola Blau") und Opern („Der Aufstand der Schmetterlinge", „Aquarium"); er schrieb Romane, „Ein Prophet ohne Zukunft" etwa oder den „Schattenspringer", mit dem für ihn typischen letzten Satz: „Bottsville liegt einsam."

Ihm selbst war es vergönnt, nicht einsam zu altern: Fast bis zuletzt trat er, gebrechlich, aber intellektuell brillant, mit seiner zweiten Frau, Barbara Peters, auf. Am Dienstagnachmittag musste sie mitteilen, dass Georg Kreisler in seinem letzten Wohnort, Salzburg, an einer Infektion gestorben ist. Es bleibt viel von ihm, auch das, was er in „Unheilbar gesund" besungen hat: „Eine Schreibmaschine, die nur eine Taste hat: ein ,Ü‘, und den Lärm, den eine Träne macht beim Rollen."

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.11.2011)