Lutz Hübners „Blütenträume“ erweisen sich als rundum geglückt. Von Michael Gampes Inszenierung kann man nicht genug schwärmen. Das Stück ist hervorragend, die Inszenierung klug und die Besetzung goldrichtig.
Ein grauer Saal in einer Volkshochschule: Hier versammeln sich sieben Personen zu einem Flirtkurs für die „Generation 55 plus“. Moment. Eine Dame passt nicht dazu: Die blonde Immobilienmaklerin Julia. Die Karrierefrau ist seit Jahren ständig auf Partnersuche, aber der Flirtkurs für die „Generation 40 plus“ war ausgebucht. Also schlüpfte die Frustrierte bei den Senioren unter, wie sich später herausstellt, nicht ohne Grund. Sie sucht in Wahrheit eher Eltern, Großeltern, ein Heim, Geborgenheit als Liebe und Leidenschaft. Doch die rüstigen Pensionisten benehmen sich wie Teenager, machen ihren Coach fertig und vertreiben ihn schließlich. Was jetzt?
„Blütenträume“ vom deutschen Autor Lutz Hübner beschreibt auf intelligente und realistische Weise das Kupplerbusiness, das sich mit dem Internet etabliert hat. Bereits Daniel Glattauers Mail-Love-Story „Gut gegen Nordwind“ mit der Fortsetzung „Alle sieben Wellen“ hatte in den Kammerspielen großen Erfolg und ist nun auch auf DVD erhältlich. „Blütenträume“ aber ist wesentlich authentischer, genauer und vor allem näher an der bitteren Wahrheit, die vor allem die älteren Ehepaare, welche die Kammerspiele besuchen, trösten wird: Es kommt nix Besseres nach bzw. man selbst ist in späteren Jahren gar nicht mehr bereit oder imstande, ohne Weiteres eine Beziehung zu knüpfen.
In der Praxis sind diese Rohrkrepierer natürlich urkomisch – und davon leben die „Blütenträume“, schon das Wort bezeichnet eine Illusion. Von Michael Gampes Inszenierung kann man nicht genug schwärmen. Jeder Schauspieler ist ein kleines Wunder für sich. Warum sind diese Leute so großartig wie sonst selten? Das schlichte Geheimnis lautet: typgerechte Besetzung. Zwei Witwen sitzen im Sesselkreis dieses Altenkindergartens: die verhärmte Frieda (Marianne Nentwich), die ihren an Alzheimer leidenden Mann jahrelang gepflegt hat und dabei beinahe draufgegangen ist, und Gila (die immer wieder grandiose Tatja Seibt), deren Gatte kurz nach der Pensionierung an einem Schlaganfall gestorben ist. Die Töchter leben anderswo. Der Mutter fehlt das Bemuttern – und „verschmust“ ist sie auch . . .
Schuldirektor reißt sich „Emanze“ auf
Heribert Sasse brilliert als altmodischer, ehemaliger Schuldirektor, der sich ausgerechnet die emanzipierte Ex-Bibliothekarin Britta (hinreißend herrisch und elegant: Bigi Fischer) aufreißt. Die Dame hat eine Zunge wie ein Schwert und ist das Gegenteil von dem, was der dominante Friedrich zu suchen glaubt, nämlich ein braves Frauchen. Am Ende wird er gezähmt. Erich Schleyer berührt nachhaltig als schrulliger Tischler, den die Frau verlassen hat. Dietrich Siegl begeistert ebenfalls auf unauffällige Weise: als Macho-Automechaniker, der dem Coach eins auf die Nase gibt, weil das Reden nun einmal nicht seine Sache ist. Anna Franziska Srna als Maklerin und Peter Scholz können mit den bezaubernden Oldies nur schwer mithalten, sie ist zu laut, er zu zerfahren.
„Blütenträume“ sind Boulevard, wie man ihn sich wünscht und selten bekommt. Das Drama ist kein rasant gedrechseltes Klipp-Klapp, sondern psychologisch wie sprachlich stimmig, als hätte Lutz Hübner die Story recherchiert. Gampe hat die Kümmernisse dieser Leute ernst genommen und mit einem emotional richtig aufgeladenen Ensemble eine schöne Aufführung geschaffen.