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Wir. Ein Fragment

Symbolbild
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Wir werden sterben. Vergehen. Verschwinden. Wir wissen es, und wir wollen es nicht wissen. Dieser schizophrene Zustand ist in jedem von uns vorhanden. – Über den Zerfall, die Unerträglichkeit des Daseins und die Kunst, zu leben.

Als ich Mitte der Neunzigerjahredie Möglichkeit bekam, das psychiatrische Krankenhaus in Havanna zu besuchen, ist mir dort Folgendes aufgefallen: Auf der Drogen- und Alkoholikerstation begann jeder Tag mit dem Vorlesen eines Gedichts – oft vom wunderbaren Nationaldichter José Martí –, das ein Leitthema für den Tag anklingen ließ. Und sowill ich meinem Text einige Zeilen aus Rilkes achter Duineser Elegie vorangehen lassen:

Und wir: Zuschauer, immer, überall,

dem allen zugewandt und nie hinaus!

Uns überfüllts. Wir ordnens. Es zerfällt.

Wir ordnens wieder und zerfallen selbst.

Baut man etwas zusammen, so hat man ein Modell. Ein Modell ist unser paradigmatischer Gegenentwurf zum Zerfall. Haben wir einmal sogar ein Modell für die Wirkung von Zerfallsprozessen entworfen – wie etwa beim Vorgang der Kernspaltung –, so haben wir damit vielleicht nicht alles verstanden, was hier vorgeht, aber immerhin ein brauchbares Werkzeug in die Hand bekommen, um damit anders umzugehen. In diesem Sinn – auch wenn ich mich hierüber den Zerfall von psychischen Funktionen, sogar von psychischer Struktur wie bei den Akutpsychosen äußere und nicht über atomare Spaltung oder über den Zerfall geopolitischer Einheiten –lässt sich das Modell auf alle Mikro- und Makroprozesse anwenden.

Ich erinnere mich,wie ich in den Siebzigerjahren mit einem amerikanischen Mathematikerzusammenkam, der mir von seiner Arbeit aufdem damals recht neuen Forschungsgebiet der Chaostheorie erzählte. Er meinte, es hätten sich zu der damaligen Zeit bereits sieben unterschiedliche Modelle für chaotische Prozesse ergeben und jedes davon sei nach dem Vorbild eines bestimmten Naturereignisses gestaltet. Ich bat ihn um ein Beispiel – immer noch das Beste, was ich tun kann, wenn ich eine Sache nicht verstehe –, und er führte als ein Modell die Bewegung einer brechenden Meereswelle an. Es sei möglich, die Kurve der ansteigenden Welle genau zu berechnen wie auch die Kurven der fallenden Wassertropfen zu kalkulieren, sobald die Welle gebrochen ist. Unberechenbar, unvorhersehbar und daher chaotisch sei jedoch die Anzahl der Tropfen, die im Moment der Brechung daraus hervorgingen.

Das scheint mir auch ein hilfreiches Beispiel für unser Thema zu sein. Denn bei aller Feinabstimmung eines solchen Modells: Ein Loch, eine Lücke, ein Mangel im Verstehen klafft immer. Genauso hat Freud von seinem Modell der Traumdeutung einmal gemeint, kein Traum ließe sich vollständig deuten – nicht aber, weil die Fülle möglicher Deutungen zu groß sei, sondern weil in jedem Traum eine Art Loch, das Freud mit der Nabelschnur des Traumes verglich, vorhanden sei, das ins Ungewisse, Unbewusste und Unbestimmbare hinabführe.


Wir haben drei Bausteine für unser Modellvom Zerfall: Das sind die Angst, die Aggression und die Spaltung. Der erste Baustein unseres Modells ist also die Angst. Der Zerfall der Strukturen der inneren Welt, der Wertvorstellungen, der rationalen Logik und des Gefühls der persönlichen Identität ist immer mit Angst verbunden (mit einer Ausnahme vielleicht im Buddhismus, auf die wir später noch kurz eingehen wollen). Wir wissen um die Angst, die mit dem Ausbruch einer Psychose freigesetzt wird, denn sie erfasst uns als Zuschauer, Betrachter, Angehörige, auch als Therapeuten. Wir versuchen dann nach Kräften, diese Angst vor etwas Unbekanntem und Bedrohlichem, vor einer geistigen Vernichtung, die vielleicht in ein absolutes Nichts münden könnte, in eine Angst um jemanden umzuwandeln. Aber wir wissen nicht, ob diese Angst das Ergebnis, die Auswirkung des Zerfalls ist – oder vielmehr die Ursache davon.

Was kann sich alles auflösen, wenn die bisherige Persönlichkeit auseinanderbricht? Zunächst einmal die kognitiven Fähigkeiten, angefangen bei der Aufmerksamkeit und der Sinneswahrnehmung durch visuelle, auditive oder Geruchshalluzinationen, über die Gedächtnisleistung bis hin zu intellektuellen Beeinträchtigungen, wenn die Fähigkeiten des logischen Denkens und der Verknüpfung von Begriffen mit Gegenständen versagen. Freud hatte als einen wesentlichen Faktor bei der Schizophrenie „dasAuseinanderfallen von Wort- und Sachvorstellungen“ postuliert. Damit ist aber noch etwas anderes verbunden: der Zerfall einer symbolischen Ordnung, das heißt auch des Vermögens, Symbole zu bilden und symbolisch zu denken. Alles wird konkret, auch das Abstrakte, denn in einem solchen Zerfall vermischen sich Reales und Fantastisches in heilloser Konfusion.

Wenn der Schizophrene von einer Klaviermusik im Nebenzimmer gestört wird, fasst er sie als etwas durchwegs Konkretes auf. Seine Reaktion kann sein, hinüberzugehen und das Klavier zu zerstören – als direkter und vernünftiger Weg, der unliebsamen Musik ein Ende zu machen. Oder er stellt sich etwa vor, wie es jetzt wäre, in die Stadt auf einen Einkaufsbummel zu gehen, aber er stellt es sich eben nicht so vor wie eine Fantasie, eine Möglichkeit, nein, er halluziniert, dass er schon konkret dort ist, und bezieht seine Umgebung in diese Wahnvorstellung ein.

Wenn die Landkarten der Realität verzerrt werden und der Orientierungssinn verloren geht, muss das enorme Angst erzeugen. Andererseits könnte es gerade die Angstselber sein, eine ursprüngliche, nackte und namenlose Angst, die mittels solcher verzerrter Bilder und Vorstellungen ihren Ausdruck finden will. In diesem Sinn hat Freud postuliert, die Wahnvorstellungen des Schizophrenen seien im Grunde seine Selbstheilungsversuche. Was ihn nämlich in diese ursprünglich namenlose Angst versetzt, ist die Zerrüttung seiner inneren Welt, das Auseinanderfallen von allem. Mit seinen Halluzinationen aber versucht er, aus den übrig gebliebenen Bruchstücken eine halbwegs sinnvolle Welt zusammenzuflicken, die allerdings die gleiche Absurdität aufweisen kann wie ein Puzzle, das aus völlig unpassenden Stücken zusammengefügt wird.

Angst, wie wir es verhaltensbiologisch bereits aus dem Tierreich kennen, mündet stetsin eine Kampf-, Flucht- oder Totstellreaktion; Aggression ist allerdings immer damit verbunden, ob sie einen in die Flucht treibt, zur Gegenwehr anstiftet oder einen selbst überwältigt, als habe man bereits auf gewisse Weise sich selbst getötet.


DieAggression, die sich zur Wutsteigern kann, ist nun der zweite Baustein unseres Modells vom Zerfall. Ob wir diese innewohnende Bereitschaft zu Aggression als Todestrieb im Sinne Freuds oder als verhaltensgenetisch bedingt oder als Reaktion auf unerträgliche Frustrationen ansehen, tut nicht viel zur Sache. Wenn Zusammenhänge zerstört, Brücken in die Luft gesprengt werden, wenn man sich selbst und andere in die Irre führt, ist eine Aggression dahinter. Wilfred Bion, der britische Analytiker, spricht hier von „attacks on linking“, Angriffe auf Verbindungen. Aber was meint er hier mit „Verbindungen“?

Bion hat drei grundsätzliche Arten von emotionaler, auch leidenschaftlicher Verbindung gesehen, die unsere innere und äußere Welt verknüpfen: Diese sind L, die Verbindung durch Liebe, H, die Verbindung durch Hass, und K, die Verbindung durch Knowledge, also durch Wissen und Wissbegierde. Diese drei halten unsere Welt der emotionalen Beziehungen zusammen und können sich auch miteinander verweben.

Wenn sie durch ihr Gegenteil angegriffen werden, wird etwas an dieser emotionalen Bindung zur Welt zerstört. Das Gegenteil von L, Liebe, ist nicht Hass, denn Hass ist eine eigenständige Gefühlsverbindung – so, wie ein weiser Rabbi einmal gesagt hat: „Wer ist Gott näher, derjenige, der Gott liebt, oder der, der Ihn hasst? Natürlich derjenige, der Ihn hasst, denn wenn wir jemanden lieben, brauchen wir nicht fortwährend an ihn zu denken, aber wenn wir jemanden hassen, denken wir jeden Tag an ihn!“ Nein, nach Bion ist das Gegenteil von Liebe nicht der Hass, sondern die Gleichgültigkeit, die Wurschtigkeit, die sich als kaltes Desinteresse äußert. Das Gegenteil von Hass aber ist die Heuchelei, das Frömmelnde, das falsche Pietätvolle, das den Hass unter einem Deckmantel von selbstgerechter Verlogenheit verschwinden lässt. Undschließlich findet dieK-Verbindung, das leidenschaftliche Begehrennach Wissen und Verstehen, ihr Gegenteil im Zynismus, in einer Arroganz, gepaart mitIgnoranz, also in diesem ewig Besserwisserischen, das die eigentliche Suche nachneuem Wissen zerstören will.

Im neurotischen Bereich unseres Alltagslebens können wir diese Verbindungen wie auch ihre Angreifer in uns und in anderen spüren, aber selten als bewusstes Kontinuum, sondern mehr wie ein unterirdisches Wasser, das immer wieder hervorsprudeln kann. Im psychotischen Bereich bekommen diese drei Minus-Verbindungen eine Art gewalttätige Dominanz über die innere und äußere Welt. Die Wurschtigkeit und Gleichgültigkeit können bis zum katatonen Stupor gehen, die Heuchelei und Frömmelei sich in bizarren pseudoreligiösen Haltungen und Ritualen ausgestalten, während arrogante und ignorante Besserwisserei die Manie wie auch andere schizo-affektive Zustände beherrschen.


Jetzt zum dritten und letzten Baustein unseres Modells: zur Spaltung. So wie wir die Kernspaltung als aktiven Vorgang kennen, der in die atomare Struktur eingreift und große Mengen an Energie freisetzt, so kennen wir aus den Schriften Melanie Kleins auch den Vorgang der seelischen Spaltung als eine sehr früh entwickelte Operation, die sowohl das Selbst wie seine Objekte zunächstin zwei diskrete Hälften unterteilt, eine absolut gute und ideale und eine absolut böse und vollständig entwertete.

So werden in frühester Kindheit sowohl die Mutter als abwechselnd nährend und verstehend und dann wieder als böse und zerstörerisch erlebt, wie auch das eigene Selbst, das einmal großartig, weise und gütig erscheint, wie in der Manie, um sich dann wieder als gemein und verwerflich darzustellen, wie in der Depression.

Diese einfache und ursprüngliche Spaltung verstehen wir auch als notwendige Operation, damit wir nicht im Chaos der Ununterscheidbarkeiten verbleiben. Wir vollziehen solche einfachen Spaltungsoperationen ganz unbewusst, zum Beispiel, wenn wir auf einer Reise zum ersten Mal in ein neues Land kommen. Wenn das Flughafenpersonal zufällig freundlich ist, kann man sich leicht denken: Was für ein wunderbares Land, viel besser als das elende Zuhause! Ist ein Beamter aber pingelig und unangenehm,kann der Gedanke aufkommen: Was sind das für schreckliche Leute hier, warum bin ich hierhergefahren? Später lernt man Land und Leute anders kennen; zunächst aber kann man Neuland nur über eine erste Aufteilung oder Aufspaltung begehen.

Später also werden diese ursprünglichen Spaltungen modifiziert und differenziert, aber sie verlieren nie ganz ihren eigentlichen Charakter, das Gute vom Bösen zu unterscheiden, denn ohne Wertvorstellungen ist einem nichts mehr etwas wert, weder das Selbst noch die anderen. Nicht so in der Psychose. Hier findet, diesem Klein-Bionschen Modell zufolge, so etwas wie eine hypertrophe, übermäßige und zunehmend kleinteilige Spaltung statt. Das Selbst und auch die anderen werden, aus einer Vermischung von Angst mit Aggression, zersplittert, zerfallen in Fragmente, die Bedeutungen werden von ihnen abgelöst, alles mündet zurück in Undifferenziertheit.

Ich muss hier hinzufügen, dass ich die Psychiatrie aus den verschiedensten Perspektiven kennengelernt und das immer als Vorteil empfunden habe. Zunächst in Jugendjahren als Patient, dann im London der Sechzigerjahre als Mitarbeiter von Ronald Laing und David Cooper in der Antipsychiatrie, die ein Vorläufer der Arbeit Franco Basaglias in Triest war. Wir versuchten die Insassen von der Anstalt zu befreien – es gab damals infolge fehlender Medikation keine Drehtür-, sondern eine Langzeitpsychiatrie des Verwahrens und Vegetierens –, indem wir sie in unsere eigenen Wohngemeinschaften aufnahmen. Als ich mit meiner damaligen Frau in meiner Wohnung in der Portobello Road eine Melange von Hippies, Hells Angels und jugendlichen Psychotikern beherbergte, musste ich gelegentlich die gefährdeten Schizophrenennach Schottland zum Kloster des buddhistischen Meditationsmeisters Chögyam Trungpa bringen, der offenkundig eine bessere Hand mit ihnen hatte als wir.

In den Siebzigerjahren befand ich mich in Israel und begann in der stationären Psychiatrieim Krankenhaus Kfar Shaul, außerhalb von Jerusalem, zu arbeiten. Ohne jegliche formale Ausbildung, war ich dort als Hilfskraft angestellt. Das hieß zunächst, die besonders kräftigen manischen Patienten festzuhalten, wenn meine milde und gütige Stationsärztin, Rachael Chazan, ihnen eine Spritze verabreichen sollte, oder auch bei den inkontinenten Patienten die Exkremente aus dem Bett oder vom Fußboden zu entfernen.

Es war eine Akutstation. Die Patienten waren fast ausschließlich Neueinwanderer, die an der Integration in dieser neuen Heimat gescheitert waren. Sie waren von überallhergekommen, aus den USA, aus Rumänien, Marokko, Spanien, Äthiopien. Ich glaube, aufdieser Station war man in mindestens 14 Sprachen verrückt. Nicht nur ich, auch die meisten Patienten hatten noch nicht genug Hebräisch gemeistert, um es als Lingua franca benutzen zu können. Dieses Babel des Irrsinns hat der Besserung der Patienten nicht gedient – obwohl sie sich oft erstaunlich wohl dabei zu fühlen schienen, sie hatten immerhin ein Asyl gefunden! –, und mich hat es auch zunehmend krank gemacht. Ich habe dann begonnen, als Strategie gegen den eigenen Zerfall, diagnostische Einteilungen nach kulturellen Mustern zu treffen: Die echt Schizophrenen schienen vor allem aus New York zu kommen, die Depressiven aus Nordafrika, die Hysteriker aus Lateinamerika und die Maniker aus Rumänien. Vermutlich hatte diese primitive ethnozentrierte Krankheitszuschreibung keine objektive Geltung und war bloß eine kleine eigene Wahnvorstellung als Selbstheilungsversuch.


Doch wie dem Zerfall begegnen? Wie käme man am ehesten über ihn hinweg? Zunächst komme ich auf den Urahn Sigmund Freud zurück. Im „Unbehagen in der Kultur“ beschreibt er, wie auch für den normalen Menschen das Leben im Prinzip aus mehreren Gründen unerträglich ist. Es helfen nach seiner Meinung nur drei Dinge gegen diese Unerträglichkeit des Lebens: die Drogen, die Kunst und die Religion. Drogen seien wegen ihrer Nebenwirkungen und ihrer Suchtgefahr im Allgemeinen nicht empfehlenswert; die Kunst wiederum sei – so drückt er sich aus – im Prinzip „harmlos“; die Religion freilich sei der eigentliche Feind, da sie einen in eine infantile Unmündigkeit und Preisgabe der Vernunft zwingen würde. Natürlich setzte Freud Hoffnungen auf Aufklärung und Analyse, versprach uns aber nicht, dass diese uns auf jeden Fall glücklicher machen würden. Die Liebe, als eine vierte Möglichkeit, verwirft er ausdrücklich, da sie nicht nurdas größte Glück, sondern auch das größte Unheil anzurichten vermag.

Warum erwähne ich das? Weil im Zustand eines drohenden oder anlaufenden Zerfalls in der akutenPsychose wir die besondere Brisanz dieser drei Heilmittel wiedererkennen. Die Drogen, speziell die modernen Neuroleptika, haben viel dazu beigetragen, dass die Auswirkungen des psychotischen Zerfallsprozesses zumindest gemildert, vielleicht nur abgedämpft werden können. Ich möchte ebenso wenig von deren Gebrauch abraten wie von dem der Religion – gefährlich bleiben aber doch in beiden Fällen der Suchtcharakter und die unerwünschten Nebenwirkungen. Beide sind allerdings grundverschieden in der Wirkung. Dort, wo die Droge die produktiven Symptome der Wahnvorstellungen unterdrückt, mag sie nun eine furchtbare Leere hinterlassen. Im Gegensatz dazu nimmt der ausufernde religiöse Wahn den Charakter eines Allheilmittels an, das oft nahe am absoluten Unheil entlanggeistert.

Wir wissen sehr wohl von Heilungen durch Liebe, auch Freud wusste davon, und wir haben es vielleicht gelegentlich in der Psychiatrie erlebt, aber der verunsicherte Umgang mit der Sexualität von Psychiatriepatienten zeigt auch an, dass wir uns oft unsicher sind, ob dieses Medikament mehr schaden als helfen könnte. Das ist von Fall zu Fall ganz unterschiedlich. Bleibt uns nur noch die Kunst, die „harmlose“?

Nicht unbedingt. Erstens können wir uns durch Fortschritte in der Wissenschaft noch bessere, gesündere, wirksamere Medikamente vorstellen. Jedoch könnten diese Entwicklungen auch bloß die Kassen der pharmazeutischen Industrie auffüllen und den Menschen leer ausgehen lassen, beraubt von vielem, was er als wertvoll an seinem freien Willen, seiner Leidens- und Glücksfähigkeit empfindet.

Zweitens gibt es Religionen und Religionen. Viele der großen Religionsgründer und Heiligen waren selbst vermutlich in gewissem Ausmaß psychotisch und haben es besonders gut verstanden, einen hilfreichen ritualisierten Zugang zu diesen Zuständen zu etablieren. Der schöne Titel eines Buches des amerikanischen buddhistischen Psychotherapeuten Mark Epstein lautet: „Going To Pieces Without Falling Apart“. Und ich denke, dass auch andere religiöse Systeme vorhanden sind oder kommen werden, die es verstehen, den Zustand des Zerfalls zu bändigen, und einem das Gefühl von Geborgenheit und die Möglichkeit zur selbstständigen Entwicklung vermitteln, ohne auf fundamentalistische und wahnhafte Prinzipien zurückzugreifen.

Und was ist nun mit der „harmlosen“ Kunst? Wir können die Werke der Art-brut- Künstler hoch einschätzen, ohne deshalb anzunehmen, dass die Patienten durch diese Tätigkeit auf jeden Fall gesünder werden. Aber so harmlos die Beschäftigung auch sei, sie mag gewiss auch eine Art Linderung der Unerträglichkeit des Daseins – und des Verschwindens – uns bieten.


Was mich hier am Ende mehr anspricht,ist das Konzept einer Lebenskunst, die auch den Kunstcharakter des Lebens – seine Ernsthaftigkeit wie seine Absurdität – zu würdigen weiß. Genauso wie eine besondere Originalität in den Kunstsparten Malerei, Bildhauern, Schreiben und Musizieren das Werk aus dem Alltagssumpf des Kitsches oder der Pornografie erhebt, ist es auch bei dem, was ich als Lebenskunst beschreibe: Die Originalität unserer Lebensführung und Lebensansichten bürgt dafür, dass der Charakter nicht in Alltagspathos und Stumpfheit versinkt. – Wenn ich meine, der Psychotiker, der Mensch in der Krise,käme wohl am ehesten durch unsere Anerkennung über den Zerfall hinweg, versuche ichauch die Behauptungaufzustellen, dass derKranke – denn so wollenwir ihn trotzdem auch bezeichnen – vielleichtgar nicht möchte, dass man über ihn nachdenkt, seine Gedanken oder Gefühle interpretiert, und schon gar nicht hofft, dass er vom anderen verstanden wird, im Gegenteil,womöglich sogar alles tut, um solche Reaktionen zu vereiteln. Und trotzdem will und braucht er die Anerkennung, dass jemand da ist, der wahrnimmt, nicht bewerten oder erziehen will, aber ihn zumindest zeitweise nicht nur aushält – was manchmal schwierig genug sein kann! –, sondern auch auf eine besondere Weise in sich behält.

Der Rahmen für den Umgang mit diesen Prozessen ist der Innenraum in einem selbst, eine innere Welt, die an Erfahrung, Fantasie und Assoziationsfähigkeit reichhaltig genug ist, um bei den verschiedensten Wendungen und Wandlungen des Zerfallsprozesses mitzuhalten. Von Integration hier zu sprechen wäre bereits zu viel. Womöglich gibt es in jedem von uns psychotische Anteile, die wir in andere projizieren müssen, weil sie sich nie vollständig integrieren lassen. Ein Bekanntervon mir, der zufällig zwei sehr unterschiedliche Interessen hat, die Computertechnik unddie vergleichende Religionswissenschaft, erzählte mir, das Vorhaben der Integration sei in der Computertechnik wie in den Religionswissenschaften ein Schlüsselbegriff, es sei der schwierigste Moment überhaupt bei beiden, in dem am häufigsten alles wieder auseinanderbrechen würde.

Wir brauchen viel Platz und Ungestörtheit in unserem Innenraum, um dieses Geschehen in uns aufzunehmen und in uns zu behalten – denn jede andere Form von Anerkennung wäre bloß oberflächlich und floskelhaft. Mit anderen Worten, wir brauchen auch Leere in uns, durchaus im buddhistischen Sinne. Das Wort „Shunyata“, das diese Leere bezeichnet, kommt von der gleichen Wurzel wie das Wort für Gebärmutter – also ein Organ zum Aufnehmen und zum Austragen von Gedanken, Gefühlen, Handlungen, das aber auch nur so für sich ruhig verweilen kann, bereit, die Leere zu füllen und die Fülle zu entleeren.

Zurück zu Rilke. Wir ordnens wieder und zerfallen selbst. Wir wissen alle vom eigenen Tod und vom unvermeidlichen biologischen Zerfallsprozess unseres körperlichen Daseins und wollen es doch nicht wissen, nein, wir setzen diesem unausweichlichen Ende ein fantasiertes Jenseits, einen stumpfen Stoizismus oder einen unbändigen Lebenswillen entgegen. Auch bei der Psychose finden wir diese seltsame Gleichzeitigkeit von Wissen und Nicht-wissen-Wollen über den fortschreitenden seelischen Zerfallsprozess. Die Patienten erscheinen oft zugleich zutiefst bewegt und völlig unberührt von ihrem Zustand.

Dieser schizophrene Zustand ist in jedem von uns irgendwo vorhanden, indem wir unseren deutlichen Todesahnungen vorbeugenund sie zugleich negieren, durch leichte religiöse Wahnvorstellungen oder mithilfe einesdumpfen Alltagstrotts oder zuweilen auch durch hyperaktiven, oft lebensgefährlichen Übermut. Als Lebenskünstler bleibt unsnichts anderes übrig, als einen Weg zu finden, um mit einer solch paradoxen Lebens- und Todeseinstellung umzugehen. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.11.2011)