Schnellauswahl

Tibet: "Wirtschaftsinteressen gehen vor"

(c) AP (Ashwini Bhatia)
  • Drucken

Penpa Tsering, der Sprecher des international nicht anerkannten Tibetischen Exilparlaments, zeigt im Interview mit der "Presse" Verständnis für die Protestselbstverbrennungen der vergangenen Monate in China.

Die Presse: China kritisiert, Sie würden eine Abspaltung Tibets propagieren; der Dalai-Lama beteuert, es gehe lediglich um Autonomie für Tibet. Sie sind Sprecher des Tibetischen Exilparlaments, wo stehen Sie?

Penpa Tsering: Wir wollen Autonomie. Auch heute noch nennt China Tibet eine autonome Region – doch wo ist die Autonomie? Aber wir müssen auch die Menschen innerhalb Tibets davon überzeugen, dass Autonomie eine gute Lösung ist. Es gibt viele, die über den friedlichen Dialog mit China frustriert sind, der bislang zu keinen konkreten Resultaten führt.

 

Sehen Sie eine Lösung?

Derzeit nicht. Der Dalai-Lama ist aus meiner Sicht der Schlüssel. Wenn dieser Dalai-Lama nicht nach Tibet zurückkommen kann, wird er eine riesige Wunde im Land hinterlassen. Die Ära des chinesischen Präsidenten Hu Jintao geht kommendes Jahr zu Ende. Er würde ein historisches Erbe hinterlassen, wenn es ihm gelänge, die tibetische Frage zu lösen. Wir haben immer wieder versucht, der politischen Regierungsspitze in Peking klarzumachen: Heute habt ihr wirtschaftliche Macht, militärische Macht, seid zur zweiten Großmacht neben den USA geworden. Aber China genießt wenig Respekt und kaum Vertrauen.

 

Ihr Exilpremier hat in einem Interview kritisiert, dass Chinas wirtschaftliche Stärke dazu führe, dass andere Staaten Tibet nicht auf die Tagesordnung setzen wollten, um Peking nicht zu verärgern.

Die ökonomischen Interessen stehen heute weltweit über den demokratischen Werten. Das Interesse an gewaltfreien Bewegungen ist zu gering.

 

Was haben Sie beim Österreich-Besuch erreicht?

Ich hatte gute Gespräche mit Parlamentariern. Wovor hat man Angst? Wir versuchen nicht, eine Kluft zwischen China und Österreich zu treiben. Denn die Lösung für Tibet kann nur aus China kommen. Aber mit Österreich gibt es historische Bande, seit der österreichische Bergsteiger Heinrich Harrer 1946 nach Lhasa gekommen ist.


In den vergangenen Monaten haben sich sechs Menschen in China aus Protest selbst verbrannt. Heißen Sie diese Protestform gut?

Wenn wir die Menschen dazu aufrufen, damit aufzuhören, sollten wir dann nicht etwas in der Hand haben? Chinas Regierung reagiert nicht, die Reaktionen der internationalen Staatengemeinschaft sind auch eher verhalten. Es gibt keine Verbesserung. Was sollen wir ihnen also sagen? Aber unsere Position ist klar: Wenn sich Aktivisten selbst verbrennen, dann löst das vielleicht unmittelbare Reaktionen aus, aber wir meinen, dass es besser ist, ein Leben lang für Tibet zu arbeiten, als sein Leben für Tibet zu geben.

 

Woher nimmt die tibetische Exilregierung, die in Dharmśālā in Indien sitzt, ihre Legitimität?

Wenn China mutig wäre, dann würde Peking ein Referendum erlauben und so unsere Legitimität überprüfen.

 

Es gibt einen Konflikt um den Stellvertreter des Dalai-Lama, den Panchen-Lama. China besteht darauf, dass es Gyancain Norbu ist, während der Dalai-Lama Gedhun Choekyi Nyima, der im Alter von sechs Jahren von der Bildfläche verschwunden ist, als Panchen-Lama sieht.

China hat keine Autorität, den Panchen-Lama zu bestimmen. Da müssten die Funktionäre der chinesischen Kommunistischen Partei schon ein wenig mehr über Buddhismus Bescheid wissen. Wir kritisieren auch, dass wir keine Informationen darüber bekommen, wie es dem vom Dalai-Lama erwählten Panchen-Lama geht. Der 14. Dalai-Lama hat jedenfalls klargestellt, dass seine Wiedergeburt in einem freien Land sein wird.

Peking sagt, man habe Millionen von Tibetern aus der Armut geholt, ihre Lebenssituation verbessert. In anderen chinesischen Landesteilen hört man immer wieder die Klage, dass zu viel Geld nach Tibet fließt.

China hat tatsächlich viele Menschen aus der Armut geholt. Aber was, wenn China nicht in Tibet einmarschiert wäre? Hätte es diese Fortschritte dann nicht gegeben? Dazu kommt: Peking meint, dass wirtschaftliche Entwicklung die Lösung aller Probleme ist. Aber es geht auch um Freiheit, um Kultur. Die Zeit drängt für uns: Es kommen immer mehr Han-Chinesen nach Tibet. Wenn wir die Autonomiefrage nicht klären, dann werden wir zu einer Minderheit im eigenen Land. Dann kann man uns höchstens noch bestaunen wie die Indianer in Nordamerika und die Aborigines in Australien.

Zur Person

Penpa Tsering ist Sprecher des international nicht anerkannten tibetischen Exilparlaments mit Sitz in Dharmśālā, Indien. Tsering setzt sich für die Autonomie von Tibet nach dem Vorbild von Hongkong oder auch Südtirol ein.

Tsering reist im Moment durch Europa – Italien, Wien, Brüssel –, um für die Interessen der Exiltibeter in der Europäischen Union zu werben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.11.2011)