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Ein verfehlter Ehrenmord

Die Deutsch-Türkin Şengül Obinger wurde mit 18 Jahren zwangsverheiratet und jahrelang missbraucht.

Refik ist ein routinierter Schläger. Er prügelt seine Frau Şengül und seine neugeborene Tochter mit so viel Präzision, dass weder Blessuren noch andere sichtbare Spuren zurückbleiben. Seine Spezialität, schreibt Şengül Obinger, ist das brutale Einschlagen auf den Hinterkopf. Aber nicht immer hält sich Refik an seine ausgefeilte Prügeltechnik. Manchmal ist es auch ein Fausthieb ins Gesicht. Wenn Şengül dann auf ihr blaues Auge angesprochen wird, dann ist sie die Treppe hinuntergefallen, ausgerutscht, „was geschlagene Frauen sich sonst noch einfallen lassen“. Und selbst schuld, wie sie sich einredet, denn sie hat ihren Mann provoziert.

Şengül ist 18, als sie mit Refik, einem entfernten Verwandten aus der Türkei, zwangsverheiratet wird. Er zieht zu ihr nach Nürnberg, wo ihr fünfjähriges Martyrium beginnt. Als Şengül die Scheidung einreicht, stürmt Refik – verletzt in seiner Ehre – in das Haus seiner Schwiegereltern und schießt wild um sich. Mehrere Kugeln verfehlen Şengül, Refik begeht anschließend Selbstmord.

Şengül Obingers neu erschienene Autobiografie „Löwinnenherz“ ist eine reale Horrorgeschichte, die den Leser bisweilen aus der Fassung bringt. Die Autorin erzählt von ihrer Mutter, die sie „besonders gerne“ mit den Stöckeln ihrer Schuhe prügelte; ihrem Vater, einem amtsbekannten Raufbold; ihrer Tochter, die aufgrund der Gewalt ihres Vaters behindert ist. Sie erzählt aber auch von ihrem Ehrgeiz: Sie will lernen, arbeiten, überleben. Und Frieden schließen mit jenen Personen, die ihr das Leben zur Hölle gemacht haben. duö

Şengül Obinger: „Löwinnenherz“, Herder Verlag, 220 Seiten, 17,95 €.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.11.2011)