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"Wenn jemals einer die Todesstrafe verdient hat, dann Adolf Eichmann"

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Gabriel Bach, vor 50 Jahren stellvertretender Ankläger im Prozess gegen NS-Kriegsverbrecher Eichmann, lässt das Verfahren noch einmal Revue passieren.

Sie waren vor 50 Jahren stellvertretender Ankläger im Prozess gegen Adolf Eichmann. Wie verlief Ihre erste Begegnung mit dem Organisator der Judenvernichtung?

Gabriel Bach: Ich werde den Tag nie vergessen. Ich saß in meinem Büro, das sich in dem Gefängnis in Haifa befand, wo Eichmann untergebracht war, und las die Autobiografie von Rudolf Höß, dem Lagerkommandanten von Auschwitz, der 1948 in Polen gehenkt wurde. Ich war gerade bei der Stelle, an der Höß beschreibt, wie ihm manchmal die Knie zitterten, wenn er und seine Kollegen jüdische Kinder in die Gaskammern stießen. Er fügte hinzu, dass er sich für diese Schwäche geschämt habe. Denn Obersturmbannführer Eichmann habe ihm erklärt, dass man Kinder zuerst töten müsse, weil sie könnten die Keimzelle für den Wiederaufbau der Rasse sein. In diesem Moment klopfte ein Polizeioffizier an meine Tür und sagte: „Eichmann möchte Sie sprechen.“ Dann saß er mir gegenüber, so wie Sie mir jetzt gegenübersitzen.

Was empfanden Sie in diesem Moment?

Mir schoss der Gedanke durch den Kopf, dass es auch anders hätte kommen können. Ich hatte mit meiner Familie Berlin nur zwei Wochen vor der „Reichskristallnacht“ verlassen, Holland dann nur einen Monat vor der deutschen Invasion. Wir kamen auf einem Schiff, der „Patria“, nach Palästina, das bei seiner nächsten Fahrt versenkt wurde, es gab 250 Todesopfer. Wir waren immer nur einen Schritt voraus. Was ich beim Anblick Eichmanns empfand? Hauptsächlich Abscheu.

 

Sie ließen noch vor Prozessbeginn einen psychologischen Test bei Eichmann durchführen. Was war das Ergebnis?

Ich dachte, Eichmann könnte auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren. Deshalb ließen wir ihn anonym untersuchen, von israelischen Psychiatern und einem Schweizer Experten. Der Schweizer wusste nicht, dass es sich um Eichmann handelte. Er forderte zusätzliches Material: Er habe in seiner ganzen Laufbahn noch nie einen Fall von solch mörderischen Trieben gesehen.

 

Die Philosophin Hannah Arendt beobachtete den Prozess. In ihrem berühmten Buch darüber merkte sie an, dass sie beim besten Willen keine teuflisch-dämonische Tiefe bei Eichmann erkennen könne. Sie beschrieb ihn als Befehlsempfänger, als Schreibtischtäter, einmal sogar als Hanswurst.

Hannah Arendt kam einige Tage vor dem Prozess. Ich habe ihr mitteilen lassen, dass ich gern zu einem Gespräch bereit wäre. Doch sie wollte nicht mit jemandem von der Staatsanwaltschaft sprechen. Das hat mich verwundert. Sie war von Anfang an gegen den Prozess eingestellt. Trotzdem gab ich Anweisung, ihr Einblick in alle Dokumente der Staatsanwaltschaft und der Verteidigung zu gewähren. Als das Buch kam, war ich schockiert: Arendt hatte Hauptdokumente absolut verfälscht wiedergegeben.

 

Können Sie ein Beispiel geben?

Ein wichtiger Punkt im Prozess war die Frage, ob Eichmann nur ein Befehlsempfänger war oder ob er besessen war von der Vernichtung der Juden. Als die deutsche Armee in Ungarn einmarschierte, glaubte der dortige Reichsverweser Admiral Horthy, dass der Krieg schon verloren sei. Da traf sich Hitler mit ihm an der Grenze und versuchte, ihn mit Drohungen und Versprechen zum Weitermachen zu bewegen. Es gab damals noch eine halbe Million Juden in Ungarn. Die Deutschen wollten sie nach Auschwitz deportieren. Erst willigte Horthy nicht ein, aber dann stimmte er zu, allerdings nur unter der Bedingung, 8700 jüdischen Familien aus Budapest die Ausreise in neutrale Länder zu gestatten. Der deutsche Botschafter in Budapest beschrieb das Abkommen in einer Depesche an Außenminister Ribbentrop und fügte hinzu, dass Adolf Eichmann außer sich sei, weil jüdisches genetisches Material geschont werde. Deswegen gab Eichmann die Instruktion, die Deportationen aus Budapest so zu forcieren, dass keine 8700 Familien mehr übrig waren. Diese Depesche war ein Beweis, dass Eichmann kein Befehlsempfänger war. Er versuchte sogar, einen Befehl Hitlers zu hintergehen. Arendt verdrehte dieses Dokument.

Eichmann war Überzeugungstäter.

Gegen Ende des Krieges sagte Eichmann: Ich weiß, der Krieg ist verloren, aber ich werde meinen Krieg noch gewinnen. Dann fuhr er nach Auschwitz, um die Tötung der Juden hinaufzusetzen: von 10.000 auf 12.000 pro Tag. Später meinte Eichmann einmal, er werde lachend in sein Grab springen, in dem Bewusstsein, fünf bis sechs Millionen Juden umgebracht zu haben.

Vor Gericht sagte Eichmann jedoch, dass der Holocaust eines der schwersten Vergehen der Geschichte sei. War das nicht ein Zeichen von Einsicht oder gar Reue?

Ich bin überzeugt, dass das nur ein Lippenbekenntnis war, um sein Leben zu retten. Wir hatten Beweise, dass ihn 1956 in Argentinien ein holländischer Journalist, ein Faschist, besucht hatte. Willem Sassen nahm Eichmanns Lebensgeschichte auf Tonband auf, um sie nach dessen Tod zu veröffentlichen. Es waren viele Seiten, abgetippt, mit handschriftlichen Verbesserungen von Eichmann. Eichmann sagte zu Sassen: „Ich habe die Züge gesehen, mit denen Juden von Holland nach Auschwitz transportiert wurden. Was für eine Pracht, das zu sehen!“ Der Holländer fragte dann: „Tut es Ihnen nicht doch manchmal leid, was Sie getan haben?“ Und Eichmann antwortete: „Ja, eines tut mir leid: Dass ich nicht hart genug war und diese verdammten Interventionisten nicht genug bekämpft habe.“

Was hat Sie in diesem Prozess am meisten mitgenommen und berührt?

Die Geschichte mit dem roten Mantel: Eichmann hatte in Ungarn Anweisung gegeben, dass die ersten Juden Postkarten aus Auschwitz an ihre Familien schreiben müssen, dass sie an einem schönen Ort seien und herrliche Ausflüge in die Gegend unternähmen. Ich hörte von einem Israeli, der noch eine dieser Postkarten hatte, und lud ihn als Zeugen ein. Vor Gericht hörte ich seine Geschichte zum ersten Mal. Er war mit seiner Frau, seinem zweieinhalbjährigen Töchterchen und seinem Sohn mit hunderten anderen Menschen in Auschwitz-Birkenau angekommen.

Dort wurden sie selektiert: Die Frau und das Töchterchen nach links. Dann hat man ihn nach seinem Beruf gefragt. Er war Ingenieur in der Armee gewesen. Man wollte ihn deshalb noch für Arbeit ausnutzen. Der SS-Mann fragte dann, wie alt der Sohn sei. 13 Jahre. Das wollte er noch mit seinem Vorgesetzten besprechen. Es dauerte. „Lauf zu deiner Mutti“, sagte der SS-Mann schließlich. Und dann verschwand der Sohn des Zeugen in der Menge, wie zuvor schon dessen Frau. Doch er sah noch sein Töchterchen, sie hatte einen roten Mantel, und dieser rote Punkt wurde nun immer kleiner: So verschwand die Familie aus seinem Leben.

Zufällig hatte ich meiner eigenen zweieinhalbjährigen Tochter zwei Wochen zuvor einen roten Mantel gekauft. Als der Zeuge seine Geschichte erzählte, verschlug es mir die Stimme. Ich habe kein Wort mehr herausbekommen. Die Richter gaben mir ein Zeichen weiterzumachen, die Kameras waren auf mich gerichtet, aber ich blätterte in meinen Dokumenten herum, zwei oder drei Minuten lang. Bis heute, egal, wo ich bin, kriege ich Herzklopfen, wenn ich einen kleinen Jungen oder ein kleines Mädchen mit einem roten Mantel sehe.

 

In Steven Spielbergs „Schindlers Liste“ kommt eine ähnliche Szene vor. Basiert sie auf dieser Aussage?

Spielberg hat die Aussage des Zeugen im Protokoll gelesen. Er war so beeindruckt davon, dass er die Szene mit dem roten Mantel in den Film eingebracht hat.

Folgenreich war auch die Aussage eines Zeugen, der als Kind schon in der Gaskammer war. Die Tür wurde verschlossen, die Kinder sangen, als es dunkel blieb, weinten sie und schrien. Die Tür öffnete sich wieder. Es war gerade ein Transport mit Kartoffelsäcken angekommen, und es gab nicht genug SS-Leute für die Entladung. Der Kommandant befahl, ein paar von den Kindern zu benutzen, bevor man sie vergaste. Man hat also 20 Kinder, die nahe der Tür waren, herausgeholt, den Rest hat man gleich vergast. Die anderen mussten helfen, dann hat man auch sie vergast. Über den Zeugen hat man aber behauptet, er hätte einen Schaden an einem der Lastwagen angerichtet. Da hat der Kommandant gesagt, dass man ihn peitschen sollte, bevor er mit den Nächsten vergast werden sollte. Der SS-Mann, der ihn auspeitschen sollte, hatte aber eine Zuneigung zu ihm und behielt ihn bei sich, als Schuhputzer und Diener. So blieb er am Leben.

Im Vernichtungslager gab es ein Tor, durch das die Kinder durchgehen mussten. Und wer nicht groß genug war, wurde gleich ermordet. Der Zeuge war sehr klein, also nahm sein großer Bruder Steine und gab sie ihm in die Schuhe, damit er größer wurde. Ein SS-Mann sah das, der Bruder wurde vergast. Als der Zeuge mit seiner Aussage fertig war, baten die Richter um eine Pause. Ich ging in mein Büro. Der junge Verteidiger von Eichmann kam herein und brach in einen hysterischen Weinkrampf aus.

 

Hat Eichmann in solchen Momenten Regungen gezeigt?

Wir haben einen 45-minütigen Dokumentarfilm über die Todeslager zusammengestellt. Aus Fairness zeigten wir dem Angeklagten den Film, bevor ihn das Gericht zu sehen bekam. Ich kannte den Film schon, also habe ich Eichmann angesehen, weil ich wissen wollte, wie er reagiert, wenn er diese grausigen Sachen sieht. Er verhielt sich stoisch, reagierte gar nicht. Plötzlich aber war er ganz aufgeregt und sprach mit seinem Wächter. Später habe ich den Wächter gefragt, wieso. Eichmann protestierte dagegen, dass er einen grauen Anzug tragen musste, obwohl ihm versprochen worden war, immer seinen dunkelblauen Anzug tragen zu dürfen, wenn er in den Gerichtssaal kommt. Das beschäftigte ihn mehr als die Bilder, die man ihm zeigte.

Was hat Eichmann angetrieben?

Ich glaube, am Anfang als Experte für Judenangelegenheiten dachte er, es sei gut für seine Karriere in der SS. Doch wenn man jahrelang mit der Tötung von unschuldigen Menschen beschäftigt ist, muss man entweder wahnsinnig werden oder man überzeugt sich davon, dass das für die Geschichte von Bedeutung ist. Und dann kann man auch nicht mehr aufhören. Das ist bei ihm passiert. Es gab immer wieder den Versuch, jüdische Familien oder Personen zu retten. Eichmanns Antwort war jedes Mal fatal.

 

War die Ermordung von Juden für Eichmann eine abstrakte Angelegenheit, oder war er auch Zeuge von Tötungen?

Bevor es die Gaskammern gab, schickte ihn Himmler einmal zu einer Tötung von Juden durch Einsatzgruppen. Eichmann beschrieb, wie hunderte Juden getötet wurden. Wörtlich: „Als ich die Blutgeysire gesehen habe, bin ich fast aus den Pantinen gekippt.“ Ich halte es nicht für unmöglich, dass ihm die physische Seite des Tötens nicht so zugesagt hat. Ich weiß aber, dass er öfter nach Auschwitz gefahren ist, um sich das anzusehen. Und auch das sadistische Katz-und-Maus-Spiel bereitete ihm Befriedigung. In Ungarn bat er die jüdischen Führer zu sich. Er habe gehört, dass Torarollen in den Synagogen geschändet worden seien, sagte er. Das sei ja furchtbar. Am nächsten Tag schickte er sie in den Tod.

War für Sie von Anfang an klar, dass Sie für die Todesstrafe plädieren werden, oder hatten Sie dagegen prinzipielle Bedenken?

Interessant, dass Sie fragen. Ich habe, zehn Jahre bevor Eichmann gefasst wurde, in England eine Arbeit über die Todesstrafe geschrieben. Ich habe eine Nacht mit einem Mann zugebracht, der am nächsten Tag hingerichtet wurde, mit ihm Karten gespielt. Ich war gegen die Todesstrafe, mit einer Ausnahme: Völkermord. Eichmann ist der einzige Mensch, der je in Israel zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde. Auch heute muss ich noch sagen: Wenn jemals einer die Todesstrafe verdient hat, dann Eichmann.

Worin liegt Ihrer Ansicht nach die historische Bedeutung dieses Prozesses, in dem Sie Ankläger waren.

Es ist der einzige Prozess, in dem der Holocaust in allen Aspekten gezeigt wurde. Hätte man mir gesagt, ich könnte nur einen Mann für den Holocaust vor Gericht stellen, hätte ich Eichmann gewählt. Er war während des ganzen Krieges als Leiter der Judenabteilung im Reichssicherheitshauptamt für jedes Stadium der Judenvernichtung verantwortlich. Die Vorgesetzten merkten, dass er sich fanatisch mit der Aufgabe identifizierte, Juden zu vernichten.

Vor dem Prozess wollten viele junge Israelis nichts über den Holocaust hören. Sie konnten nicht verstehen, wie sich Hunderttausende abschlachten ließen, ohne Widerstand zu leisten. Wir wollten unserer Jugend zeigen, dass ihr Schamgefühl nicht berechtigt war.

Für das Selbstbewusstsein Israels war der Prozess also ein Wendepunkt.

Über den Eichmann-Prozess wurde jeden Abend im Fernsehen berichtet. Die Kinder wollten danach die Todeslager besuchen, interessierten sich für Literatur und Geschichte der Juden, auch in Deutschland. Nach dem Eichmann-Prozess gab es eine Kettenreaktion von Prozessen. Gerade wegen der deutschen Gründlichkeit haben wir jetzt gerichtliche Dokumente mit allen Einzelheiten. Das ist heute wichtig im Kampf gegen jene, die bestreiten, dass der Holocaust stattgefunden hat.

Ich werde den ersten Moment des Prozesses nie vergessen: Als die Richter in den Saal kamen, das israelische Wappen hinter sich, und dieser Mann, dessen einziges Bestreben in der Welt es war, dieses Volk zu vernichten, dann aufstand und Haltung annahm vor dem Gericht eines souveränen israelischen Staates.

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