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Litauen setzt auf Atomkraft

(c) APA/HANS KLAUS TECHT (HANS KLAUS TECHT)
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Die Baltenrepublik und 3,2-Millionen-Einwohner-Land ist abhängig von russischen Energieimporten – zu abhängig, findet die Regierung. Sie sucht nach Wegen zu mehr Energiesicherheit.

Vilnius. Audrius Brūzga versucht erst gar nicht zu beschönigen. Seine Heimat Litauen, jene südlichste der drei Baltenrepubliken, ist in einer energiepolitisch misslichen Lage. „Wir haben viel Zeit verschwendet“, sagt er. „Nun zahlen wir den Preis dafür.“ Brūzga leitet das staatliche Energiesicherheitszentrum. Er ist ein Herr im Anzug, dessen Kopf trotz rasanten Sprechtempos kühl bleibt. Kein Alarmist, sondern ein besonnener Rechner.

Das 3,2-Millionen-Einwohner-Land hat ein Problem: Politisch und wirtschaftlich ist die Republik in Europa integriert, aber in puncto Energieversorgung hängt es am „Energie-Imperium der früheren Sowjetunion“, wie es der konservative litauische Premierminister Andrius Kubilius drastisch formuliert. 100Prozent seines Erdgases bezieht das Land von einer russischen Pipeline, die über Minsk nach Vilnius führt. Im weißrussisch-russischen Gasstreit musste Litauen Liefereinbußen hinnehmen. Seit Litauen sein Atomkraftwerk Ignalina vor zwei Jahren abgeschaltet hat – eine Bedingung für den EU-Beitritt – importiert es zudem 60Prozent seines Stroms aus Russland.

„Wir sind umso verletzlicher, je weniger Optionen wir haben“, erklärt Brūzga. Die jetzige Regierung hat das Thema Energiesicherheit zur nationalen Priorität erhoben, man will möglichst schnell möglichst unabhängig werden. „Wir haben viel Zeit verschwendet“, wiederholt Brūzga. „Aber noch ist es nicht zu spät.“

 

Zauberformel Atomkraft

Die litauische Zauberformel für mehr Energieunabhängigkeit von Russland heißt Atomkraft. Auch nach dem Störfall im japanischen Fukushima hält man an den Ausbauplänen fest. Unweit von Ignalina soll bis 2020 das AKW Visaginas entstehen – ein Reaktor mit einer Leistung von 1300Megawatt. Das Projekt, in das Lettland, Estland sowie Polen investieren wollen, soll bis Ende des Jahres fertig verhandelt sein. 40 bis 50Prozent der Elektrizität könnten künftig aus eigener Gewinnung kommen.

Man sei in Europa weiterhin in guter Gesellschaft, erklärt Premier Kubilius, schließlich sei Litauen nicht die einzige Nation, die in Atomkraft investiere. Dass ausgerechnet Deutschland unter dem Eindruck der Katastrophe im Sommer den stufenweisen Atomausstieg beschloss, war für die Litauer dennoch eine schlechte Nachricht: ein großer Verbündeter weniger.

Die nur ein paar Monate später, Anfang November eröffnete neue Gaspipeline Nord Stream, eine Direktverbindung zwischen Russland und Deutschland, bezeichnen hier manche böse als energiepolitischen „Molotow-Ribbentrop-Pakt“. Die Gaspipeline umgeht das Baltikum. Sie isoliere die ganze Region, heißt es in Vilnius, und baue Russlands Dominanz in der europäischen Energieversorgung weiter aus.

Aber auch Litauen hat noch einiges zu tun, bis es tatsächlich weniger energieabhängig von Russland wird: Ein LNG-Terminal für Flüssiggas soll bis 2014 im Ostseehafen Klaipeda gebaut werden, auch ein Anschluss an eine polnische Gaspipeline ist im Gespräch. „Wir müssen uns mit den bestehenden europäischen Netzwerken verbinden“, lautet Audrius Brūzgas Maxime. „Sonst bleiben wir eine Energieinsel.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.11.2011)