Christian Spatzek stemmt einen gewaltigen Monolog von Helmut Korherr über die Neurosen des Begründers der Psychoanalyse: berührend, etwas brav.
Migräne, Darm- und Herzbeschwerden, im wirklichen Leben sind die großen Menschen weniger souverän unterwegs als auf der Weltbühne - und das bietet immer wieder Stoff für Theater. Sigmund Freud (1856-1939) ist da besonders beliebt. Seinem (Privat-)Leben wurde zuletzt viel Aufmerksamkeit zuteil, z. B. im Schauspielhaus, im Akademietheater, wo der Briefwechsel mit seiner Martha vorgetragen wurde, und im Film: „A Dangerous Method" von David Cronenberg läuft derzeit im Kino.
Auch das Wiener „3raum-Anatomietheater" mischt sich mit einer Uraufführung von Helmut Korherr in die Freud-Aufarbeitung ein: Für „Freuds Neurosen" zeichnen Kaisermühlen-Blues-Stars verantwortlich, Brigitte Swoboda hat den Monolog inszeniert mit „Gustl Schimek", Christian Spatzek, als Protagonisten. Schauplatz ist der immer wieder beeindruckende ehemalige Anatomiesaal. In diesem unheimlichen Ambiente riecht man förmlich die Leichen, die den Weg zum medizinischen Fortschritt gepflastert haben. Die groben Umrisse von Freuds Biografie dürften nach den vielfältigen Annäherungsversuchen inzwischen allgemein bekannt sein, die fundierteste Biografie ist jene von Peter Gay, der auch das historisch-gesellschaftliche Umfeld am realistischsten beschreibt (Fischer-Verlag).
Flirt mit der feschen Schwägerin
„Freuds Neurosen" ist mehr eine Plauderei, die sich um die Alltagssorgen dreht, gewiss sorgfältig recherchiert, aber letztlich auch ein bisschen banal. Es ist letztlich unwichtig, ob Thomas Mann auch homosexuell war, Goethe, Schnitzler skrupellos Herzen brachen. Was privat ist, sollte auch privat bleiben, möchte man sagen. Andererseits: Korherr hat Freud nicht vom Sockel gerissen oder denunziert, er reiht einfach skurrile Episoden aneinander, über die man immer wieder schmunzelt, nicht zuletzt dank der bezaubernden Comics des Atelier Braunsteiner.
Freud macht es sich sommers mit seinem „lieben Gesindel", gemeint ist die Familie - sechs Kinder! - gemütlich in Aussee. Er reist mit seiner Schwägerin Minna nach Italien und betrügt beinahe seine Martha. Er wettert gegen die Wissenschaftskollegen, er will immer der Größte sein. Er raucht 20 Zigarren am Tag, weil er, wie er glaubt, von der Mutterbrust zu früh entwöhnt wurde - und klagt über zahllose Beschwerden, ohne die wahre Ursache zu sehen.
Er ist ein liebenswert abwesender Vater und ein leidenschaftlich seinen toten Enkel betrauernder Großvater. Vehement bekennt er sich zu seinem Judentum - und zum Atheismus. Christian Spatzek bewältigt den langen Text mit Bravour, die Regisseurin leitete ihn zu Warmherzigkeit an. Wer noch nicht all zu viele Freud-Erkundungen gesehen hat, wird dieses ansprechende, nicht zu anspruchsvolle Unternehmen genießen.
FREUDS NEUROSEN
Ein Ein-Mann-Stück von Helmut KORHERR
Weitere Vorstellung: 29., 30. November und 1. und 2. Dezember 19.30 Uhr
http://3raum.or.at/