Kein Volk Europas ist adipöser als die Briten. Vielleicht ist das Anlass für eine Brotrevolte der anderen Art.
Die fettesten Frauen Europas leben in England. Das ist weder Behauptung noch Vorwurf, sondern Auszug aus einem Bericht des EU-Statistikamtes Eurostat. 23,2Prozent aller Engländerinnen über 18Jahren sind adipös. In Österreich trifft das nur auf 13,2Prozent zu. Auch die englischen Männer haben zu viele Kilos auf den Rippen und um die Hüften, werden aber knapp von den Maltesern geschlagen (mit 24,7 zu 22,1Prozent).
Woran liegt das? Wäre ich Slavoj Žižek, würde ich sagen, dass die angelsächsische Fettleibigkeit ein Ausdruck der inneren Widersprüche des Spätkapitalismus ist, an dem er ebenso ersticken wird wie deutsche Hypothekarbanken an doppelt gesättigten Ramschanleihen. Aber erstens bin kein Marxist, und zweitens sieht Žižek selbst so aus, als würde er ungesund speisen.
Doch jede Expedition nach London stützt den Verdacht, dass die segnende Hand des Marktes die Erfinder des Kapitalismus nicht gut zu nähren vermag. Klar lässt sich in London toll essen – wenn man es sich leisten kann. Die meisten Briten aber stehen vor der Auswahl aus „Bella Italia“, „Costa“, „Caffè Nero“, „Pret à Manger“ und diverser US-Ketten. Das Angebot ist skalenökonomisch optimiert: billige Kohlenhydrate, unbequeme Stühle, um dem nächsten Kunden (denn zu Gast ist man hier nicht) nicht zu blockieren, dazu Dauerbeschallung mit Hitparadendreck, der wohl irgendwelche Rezeptoren im Gehirn animiert, noch mehr Zucker zu mampfen. „Arme Briten“, hielt die Schöne fest, „futtern teure Sandwiches von Pret à Manger und glauben auch noch, das sei französische Küche“.
Zeit, dass Jamie Oliver eine Revolution anzettelt. Aber bitte leise: Denn Lärm macht fett – schau nach in Londons Imbissketten.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.11.2011)