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Empörung über Sturm auf britische Botschaft im Iran

(c) EPA (ABEDIN TAHERKENAREH)
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Proteste gegen Sanktionen eskalieren und bringen die britisch-iranischen Beziehungen auf einen Tiefpunkt. London kündigt harte Reaktion an, der UN-Sicherheitsrat verurteilt die Aktion.

[Teheran/Kas/Keet/sei] Die Bilder erinnern an den 4. November 1979, als im Zuge der iranischen Revolution die US-Botschaft überrannt und 52 Diplomaten 444 Tage lang gefangen gehalten wurden. Gestern Dienstag, 32 Jahre und 25 Tage später, stürmte ein Mob die britische Botschaft in Teheran, zerbrach Scheiben, Demonstranten riefen „Tod für England!“ – und raubten ein Bild der Queen, während die Polizei zusah.

Zeitweise sollen sich Botschaftsangehörige in der Gewalt der Demonstranten, angeblich Studenten, befunden haben. Später hieß es aus britischen Diplomatenkreisen, von „Geiselnahme“ könne man nicht sprechen; es sei halt eine „konfuse Lage“ gewesen.

Demonstranten führten ein Bild des mit einer Autobombe getöteten Atomforschers Majid Shahriari mit, der vielen Iranern als Märtyrer für Irans A-Programm gilt. Zuvor war ein weiterer iranischer Nuklearexperte ähnlich umgekommen. Viele Iraner glauben, dass Israels Geheimdienst „Mossad“ hinter den Anschlägen steckt.

Polizei sah einfach zu

Obwohl Bereitschaftspolizei vor Ort war, griff diese erst frühestens eine halbe Stunde nach dem Sturm ein und begann, Demonstranten des Geländes zu verweisen. Zudem stürmten zur selben Zeit Hundertschaften eine andere Einrichtung der Briten im Norden Teherans. Dort sind neben Gästehäusern aber auch französische und deutsche Schulen. Bis zum späten Abend war die Lage unklar, es soll aber nirgends Verletzte gegeben haben – allerdings berichtete Irans Nachrichtenagentur IRNA, dass die fremden Objekte in Nord-Teheran von Mitgliedern der „Bassij-Milizen“ gestürmt worden seien – die sind eine regimetreue (und im Grunde Schläger-)Truppe.

Aus London gab es schärfsten Protest: Irans Regierung werde für die Übergriffe und deren Verhinderung verantwortlich gemacht, sagte Außenminister William Hague. Teheran sei laut Völkerrecht verpflichtet, diplomatische Einrichtungen zu schützen und müsse „ernsthafte Konsequenzen“ fürchten. Briten wird vor Reisen in den Iran abgeraten. Auch der UN-Sicherheitsrat verurteilte die Übergriffe: Iran habe diplomatische und konsularische Einrichtungen zu schützen, sagte der Ratsvorsitzende José Moraes aus Portugal.

Iran "bedauert" Vorfälle

Selbst aus Österreich gab es Kritik: Außenminister Spindelegger verurteilte die Angriffe – damit stelle sich Iran „außerhalb des internationalen Rechtsrahmens.“ Schon zuvor habe man dessen Botschafter mitgeteilt, dass man die häufig schlechte Behandlung europäischer Diplomaten nicht goutiere.

Am Abend hieß es dann aus Irans Außenamt, man bedauere die Vorfälle und werde sie untersuchen. Einige Demonstranten hätten „inakzeptabel gehandelt“.
Die Attacken dürften Folge der jüngst bilateral verschärften Sanktionen zwischen den USA, Kanada und Großbritannien einerseits und dem Iran wegen dessen Atomprogramms sein – vor kurzem hatte die Internationale Atomenergieagentur IAEA in Wien klar davon gesprochen, dass Teheran wohl an der Atombombe geforscht habe. Nun haben aber die USA seit langem keine Botschaft in Teheran, und jene Kanadas wurde von den „Demonstranten“ wohl noch nicht „entdeckt“. Am Montag aber hatte Irans Parlament ein Gesetz verabschiedet, das die Herabstufung der Beziehungen zu Großbritannien und die Ausweisung des Botschafters vorsieht – die Antwort auf die Sanktionen Londons wegen Irans Atomprogramm.

Der Iran legt sich auch mit anderen Ländern immer stärker an: In seiner Freitagspredigt erhob Ayatollah Jannati seine Stimme gegen die saudische Dynastie. König Abdullah müsse abdanken, sonst erwarte ihn das gleiche Schicksal wie Ägyptens Präsident Mubarak. Ein Sturm auf die saudische Botschaft in Teheran wurde unlängst knapp verhindert. Jannati ist nicht irgendein Ayatollah: Seit 30 Jahren hat er höchste Ämter inne, Präsident Ahmadinejad wurde von ihm beeinflusst.

Droht Nato-Bündnisfall?

Auch die Türkei wurde attackiert: Der Luftwaffenchef der iranischen Revolutionsgarde, Amir Ali Hajizadeh, sagte, bei einem feindlichen Angriff würde man zuerst das im Aufbau befindliche Raketenabwehrsystem der Nato in der Türkei angreifen. Das würde laut Nato-Vertrag den „Bündnisfall“ auslösen: Auch Nato-Staaten wie Deutschland, Spanien, Belgien, Polen, Italien oder USA müssten reagieren und der Türkei helfen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.11.2011)