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Bank gewinnt (fast) immer: Hollywood zeigt den Crash

Margin Call Wenn Spielgeld
© Filmladen (Walter Thomson)
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DiePresse.com hat "Margin Call", den bisher besten Hollywood-Film über die Finanzkrise, auf seinen Realitätsgehalt getestet.

Der "Margin Call" ist der Augenblick, in dem es ernst wird. Es ist die gefürchtete Aufforderung des Brokers, dass man Geld nachschießen muss, um zu verhindern, dass Verluste realisiert werden. Mit anderen Worten: Dann wird aus Spielgeld echtes Geld. Ein aktueller Film mit dem gleichnamigen Titel zeichnet nun die Ereignisse des Septembers 2008 nach, als die Finanzwelt am Abgrund stand. Die Parallelen zur Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers sind unverkennbar. Der Name des Bankchefs Tuld (gespielt von Jeremy Irons) im Film ähnelt nicht zufällig jenem des ehemaligen und legendären Lehman-Herrschers Richard Fuld.

"Margin Call" ist der bisher beste Hollywood-Film über die Finanzkrise im Jahr 2008. Hatte sich vor allem der renommierte Regisseur Oliver Stone mit seinem Versuch "Wall Street II" im scheinbar undurchschaubaren Finanzgewirr der Banker verheddert, gewährt "Margin Call" Einblick in eine Welt, die sich von jener der normalen Menschen gut abzuschotten weiß.

Anhand von fünf Film-Zitaten soll im folgenden versucht werden, den Realitätsgehalt von "Margin Call" zu testen:

Risiko-Manager als ungeliebte Spielverderber

Ich leite die Abteilung Risikomanagement und ich begreife nicht, wieso eine Stelle wie die meine als erste eingespart wird.

Eric Dale (Stanley Tucci)

Als im Film gleich zu Beginn unzählige Köpfe rollen, befindet sich darunter ein hochrangiger Mitarbeiter des Risiko-Managements. Aus der Abteilung bleiben schließlich gerade einmal zwei junge Karrieristen übrig. Der "Margin Call" erfolgt daher in allerletzter Minute - durch das hausintern ungeliebte Risiko-Management. Das spiegelt den Stellenwert, der Risiko-Managern an der Wall Street bis 2008 zugemessen wurde, ziemlich gut wieder, wie der Vergleich mit den Ereignissen rund um die Lehman-Pleite zeigt.

Tatsächlich begründet sich der Untergang der US-Investmentbank Lehman Brothers hauptsächlich in Fehlern im Bereich Risiko-Management. Während der Risikohunger 2007 zunehmend stieg, wurde gleichzeitig die Risikomanagerin Madelyn Antoncic im dritten Quartal 2007 durch Rick O'Meara ersetzt, der in diesem Bereich keine Erfahrungen aufweisen konnte.

Antoncic, die 2005 als Risiko-Managerin des Jahres geehrt wurde, hatte es laut Lawrence McDonald, dem ehemaligen Vizepräsidenten im Wertpapierhandel von Lehman, innerhalb der Bank nicht leicht. Immer wenn wichtige Entscheidungen anstanden, sei sie aus dem Raum geschickt worden, schrieb er dazu in seinem Buch "Dead Bank Walking: Wie Lehman Brothers zusammenbrach": "Sie wollten nicht wissen, was sie wirklich dachte".

Anfang 2008, als Fehler offensichtlich wurden, reduzierte man nicht das Risiko, sondern erhöhte die Risikolimits. Belohnt wurden zudem Lehman-Mitarbeiter, die Gewinn machten - Risikofaktoren wurde da nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt.

Unwissenheit als Geschäftsmodell

Sprechen Sie zu mir wie zu einem Kind - oder zu einem Golden Retriever.

John Tuld (Jeremy Irons)

Das fordert im Film Firmenboss Tuld in einer der stärksten Szenen von Peter Sullivan (Zachary Quinto), dem Aufdecker des drohenden Finanzdesasters. Auch sein direkter Vorgesetzter Sam Rogers (Kevin Spacey) hält Sullivan angesichts einer scheinbar unerklärlichen Zahlenflut dazu an, sich doch bitte klar auszudrücken. Dieser Kunstgriff dient zwar vor allem dazu, den Kinogehern komplexe Inhalte leicht verständlich näher zu bringen. Doch es steckt mehr Wahrheit dahinter.

Tuld gibt im Film zu, dass er nicht aufgrund seines Wissens auf seinem Posten sitze. Er dient dazu, die Bank nach außen hin zu verkaufen. Die Ähnlichkeiten zu dem realen ehemaligen Lehman-Boss Richard Fuld sind kaum zu übersehen. Auch dieser galt an der Wall Street als eine Art Gottheit. Den Bezug zum Tagesgeschäft hatte er aber längst verloren.

Der Film bringt mit diesem Zitat auch ein Merkmal auf den Punkt, das die Finanzkrise 2008 wesentlich charakterisierte: Die Unwissenheit vieler Akteure. Ob es nun die Bankmitarbeiter waren, die das Monster "Collateralized Debt Obligation" (CDO) erst schufen, oder die Ratingagenturen, die keine Ahnung davon hatten, wie sie diese neuen Marktinstrumente bewerten sollten. Oder eben die Bankchefs selbst.

Denn es hätte sie alle erwischen können, wie US-Journalist Andrew Ross Sorkin in seiner Chronik des Versagens "Die Unfehlbaren" schrieb. "Jeder der Bankbosse hätte am Ende der Bösewicht sein können, wenn sie nicht alle von der Regierung gerettet worden wären", sagte Sorkin im "Spiegel"-Interview.

Der Elite-Club Wall Street

Das waren gute Männer, die einen guten Job gemacht haben - aber Sie waren besser.

Sam Rogers (Kevin Spacey)

Die Finanzwelt offenbart sich in "Margin Call" als eine abgeschlossene Clique, die sich als Elite empfindet. Es zählt der Blick nach vorn. Zeit für Nachdenken bleibt nicht, wie auch der folgende Appell von Sam Rogers an die versammelte Mannschaft verdeutlicht: "80 Prozent unserer Abteilung wurden nach Hause geschickt - und zwar für immer. Wir mussten uns leider von ihnen verabschieden. Das waren gute Männer, die einen guten Job gemacht haben - aber Sie waren besser. Jetzt sind sie weg und wir sollten nicht mehr an sie denken. Dies ist ihre einmalige Chance".

Dass die Finanzbranche nicht so tickt wie andere Branchen, weiß Regisseur J.C. Chandor aus erster Hand. Sein Vater arbeitete jahrelang für die US-Bank Merrill Lynch. "Es ist eine der wenigen Branchen, in der sogar in den besten Jahren fünf bis zehn Prozent der Mitarbeiter gefeuert werden - nur zur Motivation", sagte er in einem Interview über die Kultur an der Wall Street.

Main Street vs. Wall Street

Scheiß auf die normalen Leute.

Will Emerson (Paul Bettany)

Seit 2008 ist ein Streit über den Nutzen der "Wall Street" für die "Main Street" entbrannt - also die Frage, was die entkoppelte Finanzbranche zur Realwirtschaft beiträgt. Als Paul Sullivan im Film bedauert, dass die normalen Menschen da draußen betroffen sein werden, zeigt die Filmfigur Will Emerson (Paul Bettany) wenig Verständnis.

Der einzige Grund, warum die Menschen da draußen wie Könige leben könnten, sei, weil Wall-Street-Typen wie er die Finger an den Knöpfen hätten, argumentiert er. Würde er seine Hand wegnehmen, würde die Welt sehr schnell sehr gleich werden, aber niemand wolle das wirklich. "Sie wollen, dass wir ihnen geben, aber sie wollen auch unschuldig spielen und so tun also wüssten sie nicht woher es kommt. Das ist mehr Scheinheiligkeit als ich vertragen kann. Scheiß auf sie. Scheiß auf die normalen Leute", sagt Emerson. Es ist einer der wahrhaftesten Momente des Films, weil er so deutlich zeigt, wie nahe der Wunsch nach Wohlstand und Gier zusammenliegen.

Die Bank gewinnt (fast) immer

Wir verkaufen an willige Käufer zum aktuellen Marktpreis um zu überleben.

John Tuld (Jeremy Irons)

"Wenn Sie das tun, killen Sie den Markt für Jahre. Es ist vorbei. Und Sie verkaufen etwas von dem Sie wissen, dass es keinen Wert besitzt", warnt Sam Rogers in einer Stelle des Films Banken-Boss Tuld. Dieser kontert: "Wir verkaufen an willige Käufer zum aktuellen Marktpreis um zu überleben". J.C. Chandor rüttelt damit am Mythos transparenter Märkte.

Die vergangenen drei Jahre haben gezeigt, dass die Banken zu den Profiteuren der Krise zählen. Während Gewinne weiterhin an die Bank gehen, werden Verluste sozialisiert: Für Bankenrettungen mussten in vielen Ländern die Steuerzahler aufkommen. Der Titel einer Dokumentation des deutschen TV-Senders ZDF trägt daher auch den Titel: "Die Bank gewinnt immer". Fast immer - denn auch Lehman-Herrscher Richard Fuld hatte bis zur letzten Minuten nicht daran geglaubt, dass seine Bank tatsächlich pleite gehen könnte.