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Jane Eyre, eine Heldin stark wie der Sturmwind

(c) Laurie Sparham
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Cary J. Fukunaga ist eine präzis-stimmige Verfilmung des Romanklassikers von Charlotte Brontë gelungen: Ausreichend Romantik, Schauer, Sozialkritik - vor allem aber gibt er dem Liebespaar die tiefen Blicke.

Leser, wenn Sie ein Herz haben, schauen Sie dieser Frau in die Augen! Mia Wasikowska ist bildschön und blutjung, aber was sie wirklich prädestiniert dafür, in Cary Fukunagas Kinofilm „Jane Eyre“ die Titelrolle zu spielen, ist ihr Blick. Er schafft Distanz und verrät zugleich auch tiefe Leidenschaft. Wer so schauen kann, der verspricht auch nach fast zwei Dutzend Verfilmungen von Charlotte Brontës Roman aus dem Jahre 1847 eine spannende Wiederbegegnung mit dem Klassiker, der immerhin auch schon Orson Welles und Joan Fontaine als Hauptdarsteller hatte. (Das war 1943, als sogar Hollywood in Noir abtauchte.)

Bei Fukunaga, der mit „Sin Nombre“ 2009 ein tolles Debüt hatte, herrschen Brauntöne und gedecktes Grün vor, nur die Bösen und Verhaltensauffälligen tragen grelle Farben. Der Regisseur wirft den Zuseher mitten hinein ins Geschehen: Eine junge Frau flüchtet aus einem Herrschaftshaus über Heide und Moor, es wispert der Wind, als wären es lockende oder drohende Stimmen in dieser unwirtlichen, feuchten Landschaft mitten in England. Erschöpft bleibt die Heldin liegen, findet dann Zuflucht im Haus eines Pastors und seiner Schwestern.

 

Die Peitsche für selbstbewusste Mädchen

Von diesem Punkt aus, spät in der Erzählung, beginnt hier der Film. Drehbuchautorin Moira Buffini hat den Roman geschickt collagiert. In rasch geschnittenen Bildern sehen wir erst, was diese Frau antreibt. Es gab Mächte, die wollten sie brechen, doch diese Jane lässt sich nicht unterkriegen. Sie dürstet nach Bildung, Anerkennung und Liebe. Sie hat einen starken Willen. In der Gegenwart wäre „Jane Eyre“ wohl die Erfolgsgeschichte einer Migrantin, doch diese Regie lässt sich auf viktorianische Verhältnisse ein, gibt reichlich Sentiment wieder, ohne schmalzig zu werden und trifft die Geschichte genau. Bei den Brontë-Schwestern aus Yorkshire, diesen starken Frauen in stark benachteiligenden Verhältnissen, geht es vor allem auch um Emanzipation.

Die Vorgeschichte wird rasant abgespult: Ein Mädchen (Jane Eyre als Kind wird von Amelia Clarkson gespielt) liest in einem Herrenhaus ein Buch, sie wird vom Cousin dafür gequält, verraten, von dessen Mutter hart bestraft, in ein Zimmer gesperrt, in dem es spuken soll. Eine Schülerin ist ungeschickt und kriegt dafür die Peitsche. Von Scheinheiligen. Jane bleibt furchtlos. Die geprügelte Freundin stirbt in ihren Armen. Das sind grausame Flashbacks, unterbrochen von intensiven Nahaufnahmen des Gesichts. Jane ist ein Waisenkind, das erst in die Fänge einer herzlosen Tante gerät (Sally Hawkins spielt diese hassenswerte Mrs. Reed mit kalter Reserviertheit). Dann wird das terrorisierte Mädchen in ein hartes Internat mit dem bezeichnenden Namen Lowood abgeschoben. Schließlich landet es als junge Frau im Pfarrhaus. Dazwischen aber und danach spielt sich das wirkliche Leben ab – Verliebtheit, Liebe, Enttäuschung und eine zweite Chance für eine tapfere Kämpferin.

Erwachsen geworden, ist Jane als Hauslehrerin nach Thornfield Hall gekommen, ein düsteres Haus, ideal für „Gothic Novels“. (Als Set dient Haddon Hall in Derbyshire, in dieser Gegend siedelt auch Brontë das Geschehen ihres ersten Romans an.) Die brave Haushälterin, Fairfax, eine entfernte Verwandte des Gutsherren, behandelt sie herzlich und wohlwollend. In wenigen Sätzen, mit Sorge drückt sie später jedoch auch aus, was das Schicksal untergebener Mädchen ist, die sich mit einem Gentleman einlassen. So viel Erfahrung liegt da im Ausdruck der unnachahmlichen Judi Dench. Doch was zählt das, wenn man die erste Begegnung von Jane mit ihrem Dienstherren Rochester (Michael Fassbender) sieht, auf dem Weg ins Dorf: Er ritt auf einem jungen Pferde... es strauchelt, er stürzt. Jedoch – die beiden scheinen füreinander geschaffen, der scharfsinnige, vom Leben enttäuschte Held und die geradlinige, kluge Heldin. Es ist auch eine Wahlverwandtschaft von Brütern.

 

Das abgefackelte Herrenhaus

Fassbender zeigt alle Facetten des faszinierenden Verführers, sogar Schüchternheit setzt er gewinnend ein. Jane rettet Rochester das Leben, als ein Feuer ausbricht, doch bereits hier ahnt man, dass er ein dunkles Geheimnis hat, das zur Flucht der jungen Frau führt. Böse Konkurrenz, Intrigen, mysteriöse Besuche, Verwundungen, die im letzten Moment dramatisch verhinderte Hochzeit, eine überraschende Erbschaft – der Film bringt präzis-stimmig alle Ingredienzien eines gut gebauten Romans. Selbst das Wetter scheint authentisch britisch zu sein. Die Zusammenarbeit mit der in Historien- und Literaturfilmen erfahrenen BBC hat sich bezahlt gemacht. Diese Spezialisten legen den Beginn der Geschichte in die Dreißigerjahre des 19.Jahrhunderts, der Frühzeit der Industrialisierung, Beginn eines enormen Umbruchs. Man fühlt sich dieser Epoche nah. Stilbrüche sind nicht zu erkennen.

Schließlich sieht man das abgebrannte Herrenhaus, aber da wird schon fast wieder alles gut. „Reader, I married him“, gesteht die Erzählerin des Romans unverblümt im 38. und letzten Kapitel. In solchen Sätzen ist kein Raum für Kitsch, und auch der Film findet zu einem passenden Schluss.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.12.2011)