Entführung nach Hexomanien, Wutausbrüche des Zauberers und stinkende Vampire. Allerhand wundersame Gestalten tummeln sich in den Kinderbüchern der Saison. Was sie verbindet? Allen fehlt die „Lizenz zum Erziehen“.
SCHWIERIGE AUSBILDUNG ZUR HEXE
„Löwenzähnchen Küchenschell, Rübenkraut, gefleckt und hell, Pfefferminze, Seidelbast, immer langsam, keine Hast!" Die Steirerin Helga Bansch ist eine der profiliertesten Kinderbuch-Illustratorinnen. Die ehemalige Volksschullehrerin und frei schaffende Künstlerin seit 2003 hat viele Auszeichnungen bekommen, zuletzt 2007 und 2008 den Österreichischen Staatspreis für Kinder-und Jugendliteratur. Ihr neues Buch hat sie selbst geschrieben und illustriert. Es ist eine Art poetische Version der allseits beliebten Bibi-Blocksberg-Serie: Alle sieben Jahre suchen sich die Hexen ein Kind aus, um es zu entführen und im Lande Hexomanien zur Hexe auszubilden. Dabei kann allerhand schief gehen, z. B. siehe Harry Potter, beim Reiten auf dem Besen. Aber es sind kaum dunkle Mächte im Spiel. Die Alt-Hexen schauen zwar ziemlich gefährlich und bizarr aus, sind aber meist ganz nett.
Helga Bansch „Hexlein", Bilderbuch, Verlag Jungbrunnen, 32 S, 13.90 Euro, ab 4J
ASYL AUF DEM BAUCH DES BÄREN
„Hier kannst du nicht schlafen", sagte die Krähe. „Das ist mein Nest! Such dir ein anderes Bett!" Frühlings-und Sommergeschichten im Winter? Ja, wenn sie so liebenswert sind wie dieses Buch auf den Spuren von Pu-Bär und seinen Freunden. Die Maus muss ihre überflutete Höhle verlassen und auf Herbergssuche gehen. Als sie völlig erschöpft ist, findet sie Asyl auf dem Bauch eines Bären. Eine kleine Katze lernt fliegen, zum Glück mit Fallschirm. Ein Frosch wird von einem Fisch geküsst. Igel-Kinder streunen im Wald umher und werden vom Fuchs bedroht. Die Eule hilft. Die Maus lädt die kleinen Stachler zu sich ein. Neun Geschichten bewegen sich so im Kreis, geeignet zum Vor-oder selber lesen. Kinder-Idylle pur.
Erwin Moser „Wo wohnt die Maus? Frühlings-und Sommergeschichten", 152 Seiten, Nilpferd/Residenz, 19.90 Euro. Viele weitere Bücher des Wiener Malers und Autors Erwin Moser gibt es beim Verlag Beltz & Gelberg, etwa „Fantastische Gute-Nacht-Geschichten", 240 S, 14.95€, alle ab 4J
WUTAUSBRÜCHE DES ZAUBERERS
„,Krötenbauchfleisch in Schierlingsblättern, lecker, lecker', erklärte der Zauberer. ,Nein danke', sagt der Hase sehr höflich." Die Tiere des Waldes haben Angst vor den Wutausbrüchen des Zauberers Kotzmotz, auch wenn seine Schimpfworte sehr fantasievoll sind. Nur der „kleine, immer zerzauste Hase mit dem Knick im Ohr" lässt sich nicht einschüchtern und besucht Kotzmotz. Der grässliche Magier wird bekehrt - wie einst in Oscar Wildes Märchen der „Selbstsüchtige Riese". Der Frieden bricht aber deswegen nicht aus, denn, nachdem der Zauberer sich mit dem kleinen Hasen angefreundet hat, will er ihn keine Minute mehr missen. Als der Löffelzwerg Freunde besuchen möchte, kommt es zu einem bösen Eklat. Natürlich geht trotzdem alles gut aus - irgendwie.
Brigitte Werner „Kotzmotz, der Zauberer", illustriert von Birte Müller, 112 S, Carlsen-Verlag, 7.20 Euro, ab 5J
MIX AUS DEM SCHATZ DER MYTHEN
„An jenem schrecklichen Tag wird tiefer Winter über allen Welten liegen. Die Tore Niflheims werden sich öffnen, und die Kreaturen der Nacht werden daraus hervor brechen." Fantasy speist sich zu einem Gutteil aus historischen Mythen. Wer über diese mehr wissen will, ist mit diesem Prachtband gut bedient, in dem nordische, keltische, germanische, ägyptische, kleinasiatische Sagen nacherzählt werden. Russland, China, Asien hätten vermutlich umfangmäßig den Rahmen gesprengt. Vielleicht werden sie später nachgereicht. Was auffällt: Kein Wunder, dass heutige Autoren mundgerechte Mythen-Mixturen anbieten, die ursprünglichen Geschichten sind oft schwerer zu verstehen, aber vieldeutiger. Daher sollte man sie nicht vergessen.
Katharina Neuschaefer (Text), Felix Eckhardt (Bilder) „Die schönsten Sagen aus aller Welt", 208 S. Ellermann, 20.60, ab 5J
STINKENDER KINDERVERSTEHER
„Bitte, Miss Chloe", versuchte Mr. Stink sie zu ermutigen: „Ich möchte deine Geschichte so gern hören. Sie klingt schon ganz großartig. Du sagtest also, es war einmal, vor langer, langer Zeit . . ." In dieser Geschichte geht es um Vampire, das ist aber das einzige Abgedroschene an diesem entzückenden Buch: Das Mädchen Chloe ist einsam und freundet sich im Park mit einem Strotter an. Mr. Stink ist zwar eine wandelnde Geruchsbelästigung, aber mit Kindern kann dieser verständnisvolle, diskrete, tolerante Mann umgehen. Chloes Mama ist entsetzt. David Walliams ist Comedian und als Co-Autor der Sketch-Show „Little Britain" über die Exzentrik der Briten bekannt geworden. Sein Buch ist durchaus auch als Satire auf eine gnadenlose Leistungsgesellschaft zu sehen.
David Walliams „Gestatten, Mr (sic!) Stink", illustriert von Quentin Blake, übersetzt von Dorothee Haentjes, 232 S, Aufbau-Verlag, 14.99 Euro, ab 9J
ABSCHEULICH JUNG FÜHLEN
„Ihre Pferde waren ebenso bleich wie die Reiter, mit aschfarbenem Fell, das ihre fleischlosen Knochen wie zerschlissener Stoff bedeckte." Erfolgsautorin Cornelia Funke („Tintenherz") wildert im Harry-Potter-Revier. Doch Gänsehaut-Feeling ist nicht die hauptsächliche Qualität ihres neuen Buches, sondern angelsächsischer Witz, den sie seit ihrer Übersiedlung von Deutschland nach Los Angeles perfektioniert hat: Der elfjährige Jon wird von seiner Mutter, die einen neuen Freund gefunden hat, ins Internat verfrachtet: „Als ich in Salisbury meinen Koffer aus dem Zug zerrte, fühlte ich mich zugleich abscheulich jung und hundert Jahre älter als bei meiner Abfahrt." Funke hat im britischen Salisbury recherchiert. Die gruseligen, nur ganz leicht kitschigen Illustrationen von Friedrich Hechelmann legen die Spur zur gewiss baldigen Verfilmung.
Cornelia Funke „Geister Ritter", illustriert von Friedrich Hechelmann, 256 S, Dressler-Verlag, 17,50Euro, aber 11J
DIE FAMILIE ALS ÜBERLEBENSTRAINING
„Traurig, aber wahr: Auch Erwachsene knutschen. Bei jungen, gut aussehenden Menschen ist das normal und völlig in Ordnung, aber bei Erwachsenen . . . oberpeinlich!" Katie Sutton ist 13 Jahre alt und selbst ernannte „weltweit führende Expertin in der Erforschung von Erziehungsberechtigten". Das Familienleben ist für sie eine Überlebensübung, bei der man den richtigen, aber nicht allzu oft den roten Knopf drücken sollte: Wer selbst je eine 13jährige zu bändigen hatte, weiß, in diesem Alter ist das Talent zur Manipulation besonders frisch. Als Katies Mutter einen neuen Mann heim bringt und der Ausnahmezustand ausbricht, ist Katie mit ihrem Latein fast am Ende. Post-Emanzipatorische Kinderliteratur. Amüsant!
Jenny Smith „Katies unverzichtbare Gebrauchsanweisung für die katastrophenfreie Steuerung deines Erziehungsberechtigkeiten", übersetzt von Anke Knefel, 320 S, Cecilie-Dressler-Verlag, 14.40 Euro, ab 12J,
IN LEBENSGEFAHR
„Er sagt kein Wort. Schaut nur. Nimmt jede Einzelheit von mir auf. Speichert mich für später ab. Er ist voll durchgeknallt." Caryn beobachtet, wie eine Jugend-Gang in London einen pakistanischen Burschen zu Tode prügelt. Der Anführer hat sie gesehen. Jetzt wird es für das Mädchen lebensgefährlich. In ihrem Briefkasten findet sie einen toten Vogel als deutliches Signal. Abenteuer-Bücher sehen heute anders als zu Karl Mays Zeiten. Sie sind realistische Milieu-Schilderungen, meist gründlich recherchiert bis zu den Musik-Nummern. So wirkt zumindest dieses Buch, das auch in Zusammenhang mit den jüngsten Jugend-Krawallen in London interessant ist. Die Autorin ist Lehrerin und arbeitet im teils verkommenen Londoner Eastend, in dem auch ihr Roman spielt.
C. Z. Nightingale „Ich hab dich gesehen", übersetzt von Ulla Höfker, 243 Seiten, Ravensburger, 6.90 Euro, Junge Erwachsene.
BILDERBÜCHER
WEIHNACHTLICHES
„Bei der nächsten Weg-Biegung sprang der Räuber mit einem gewaltigen Satz auf den kleinen Hirten los." „Der kleine Hirte und der große Räuber", eine charmante Weihnachtsgeschichte von Lene Meyer-Skumanz, illustriert von Constanze von Kitzing (Sauerländer). Meyer-Skumanz, Wienerin, Jg. 1939 hat zahllose Kinderbücher mit ihrer versonnenen-versponnenen Fantasie ausgestattet (13.95 Euro).
„Die Tannenzweige waren gerade fertig geschmückt und die Kerzen angezündet, als es an der Tür klopfte . . ." Turbulente Weihnachten feiern die Hühner. Erst lockt das große Abenteuer in den Schnee, dann bringen sie den Dachboden durcheinander, weil Mutter Tilda sie wegen Fest-Vorbereitungen aus der Küche gejagt hat. Dann wird ein junges Huhn von Feuerwerksraketen erschreckt und muss zum Arzt gebracht werden: „Die Hühnerweihnacht", amüsant und flott, von Mecka Lind und Lars Rudebjer, Zeichentrickfilm inklusive, Ellermann (12€).
„Ich finde vier Schildkröten, eine Echse und einen Pfau, zwei kleine Herzen in funkelndem Blau . . ." Haben ihre Kinder immer noch nicht genug von Piraten? Dann ist dieses Buch das Richtige: „Der Piratenschatz" vom Fotografen Walter Wick aus dem Kosmos-Verlag, der u. a. auf Wissensbücher für Heranwachsende spezialisiert ist. Die weiteren Bücher der Serie befassen sich mit Dinosauriern, Gespenstern, Märchen, Spielzeug, etc. (12.95€)
„Doch hinter den Bäumen im Abendwind spielte das fröhliche Sandmännchenkind. Es hatte drei herrliche Kuchen gebacken, zwei runde und einen mit Sternenzacken . . ." Ein besonders hübsches, altmodisches und altmodisch illustriertes Buch für die Kleinsten von Nils Werner und Heinz Behling, die Originalausgabe stammt aus den 1960er Jahren: „Als der Sandmann noch ein Kind war" erschien im Eulenspiegel-Verlag (8,95 €)
Ein Bilderbuch ohne Worte, vielleicht ist das die Zukunft? Dieses funktioniert ganz konventionell, ist aber reizend illustriert: „Der rote Regenschirm" von Ingrid & Dieter Schubert: Ein Hund findet im Sturm einen roten Regenschirm, als er ihn auf auf spannt, reißt ihn der Wind in die Lüfte: Über die Wolken, bis nach Afrika und noch weiter - irgend wann kommt er heim, erschöpft, lehnt den Schirm an einen Baum, wo er ihn fand, die Katze nähert sich, greift nach dem Schirm . . . (Sauerländer, 14.95 Euro)
„Heute hat Finn schlechte Laune", er ist nämlich im Trotz-Alter, auch dieses Buch lebt vor allem von den wunderbar skurrilen Illustrationen, die in witziger Weise auf total Übertreibung setzen bis am Ende, wie oft bei kleinen Kindern, die Tobsucht jählings verraucht ist, als wäre sie nie da gewesen - und die Sonne wieder scheint: David Elliott, Timothy Basil Ering „Finn tobt", (Klett, 13.30€)
KUNST UND KIDS
Eine wachsende Schiene des Kinder-und Jugendliteraturmarktes sind Kunstbücher für Kinder: Eines der gelungensten, „Niki de Saint Phalle", eine Lebensgeschichte von Bettina Schümann, die sich mit vielen privaten Details, die auch manchen Erwachsenen Kunst-Fan überraschen dürften, der Pop-Artistin und Erfinderin der runden, bunten Nana-Figuren widmet; diese sind ein radikaler Gegen-Entwurf zum teilweise tragischen Leben ihrer Schöpferin (ab 10J, Prestel, 9.99Euro). Ebenfalls beim Kunstverlag Prestel sind kenntnisreiche und leicht satirische Comics, etwa von Albrecht Dürer oder Vincent Van Gogh, herausgekommen (14,99 Euro, ab 8J).
RATEKRIMI
„,Du musst dir keine Gedanken machen,' erklärte Professor Berkley: ,Clumsy hat sich nichts zuschulden kommen lassen.'" Der pensionierte Kriminologie-Professor Albert Carolus Berkley, nunmehr Hobby-Detektiv, wird in „Der Hexer von Winfield" von einem Verwandten, dem Buben Timmy, besucht. Timmys Hund soll einen Passanten umgestoßen haben. Nicht alle Fälle sind so harmlos wie dieser in der Berkley-Reihe. Acht Bücher sind bisher erschienen. Leser sollen sich an der Aufklärung der Verbrechen beteiligen. Die Serie von Corinna Harder und Jens Schumacher erschien bei Ravensburger (ab 6J, 5,10 Euro)
LUSTIG
Bevor die Schul-Sekretärin Gunna in den Ruhestand tritt, schickt sie noch ein paar Briefe ab, an die falschen Adressaten: Die Taugenichtse finden sich im IQ-Camp wieder, wo eigentlich die Intelligenz-Bestien hingehören: Anna Lisa und Raggi begreifen allerdings rasch, dass es in diesem angeblich wissenschaftlichen Institut Biokids vor allem um Geschäfte und überhaupt nicht mit rechten Dingen zugeht. Die Top-Kinderbuch-Autoren kommen auch nach Astrid Lindgren oft aus dem hohen Norden: „Die IQ-Kids und die geklaute Intelligenz" von Yrsa Siguroardottir - richtig geraten, sie ist Isländerin - ist ein pfiffiges Buch, das gewiss bald eine Fortsetzung finden wird (ab 10J, 13.40 Euro, Fischer Schatzinsel)
JUNGE ERWACHSENE
„Die Wörter rattern aus meinem Mund wie aus einem Maschinengewehr. Ich bin im Sturzflug, zu schnell, meine Geschosse zischen ins Leere . . ." Eine Gruppe Jugendlicher darf eine Art Ego-Shooter (Kampfspiel für Computer) testen, doch die Übung am Gerät wird zum realen Boot-Camp. Die Burschen und Mädchen kämpfen tatsächlich ums Überleben: Der Schweizerin Alice Gabathuler ist mit „dead.end.com" ein packender Thriller mit leicht moralischer Note gelungen: Hinterher weiß man, Computerspiele können gefährlich sein, eine Botschaft, die vermutlich nicht bei allen Jugendlichen auf fruchtbaren Boden fällt (ab 14J, Thienemann-Verlag, 12.95 Euro)
„,Nun, Soldat, genießen Sie den Aufenthalt bei uns?'", fragte Dr. Kwong und schaute von Matts Krankenblatt auf: ,Die Schwestern berichten mir, dass Sie jeden Tag kräftiger werden." Matt, Soldat im Irak-Krieg, wurde verletzt, liegt mit einem Schädel-Hirn-Trauma im Lazarett und kann sich an nichts erinnern, außer an Ali, den Buben, mit dem er sich angefreundet hatte - und der vor seinen Augen zerrissen wurde. Wie erleben Menschen hautnah den Krieg, den wir am liebsten alle vergessen würden, was uns die wie in Folie eingeschweißten, oft sterilen TV-Bilder („Embedded Journalism") auch enorm erleichtern? „Versehrt" von Patricia McCormick ist bei Fischer Schatzinsel erschienen (ab 14J, 13.95 Euro).
„Ich hatte soeben einen der sagenumwobenen Männer der schwarzen Helikopter kennen gelernt, die durch Verschwörungstheorien geisterten und angeblich eine neue Weltordnung wollten - und er war verdammt schnuckelig." Dakota Frost hat die Schule abgebrochen, verdient gutes Geld mit Tattoos und soll bei der Aufklärung eines grausigen Verbrechens helfen: Ein Stück fleckige Haut, auf ein Holzbrett geheftet, wird gefunden. Sind Tattoos magisch, werden sie lebendig -und wie funktioniert das genau? Gruselige Mischung von „Das Schweigen der Lämmer" und „Die unheimlichen Fälle des FBI": „Skin Dancer" von Anthony Francis, Knaur, 9.90 Euro, ab 15J)