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Slowenien: Kultur statt Kommerz

Symbolbild
(c) Www.BilderBox.com (Erwin Wodicka)
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Maribor/Marburg ist 2012 europäische Kulturhauptstadt. Die freie Kulturszene klagt freilich über mangelnde Unterstützung und zu wenig bezahlbare Räumlichkeiten.

Maribor/Marburg. „Hier könnte es sein.“ Tapiwa Chapo zeigt auf eines der vielen leer stehenden Häuser in der Unterstadt von Maribor. Seine Stimme übertönt nur mit Mühe den Verkehrslärm der breiten Straße, die vom Hauptplatz vorbei am ältesten Viertel der Stadt in das Quartier mit den vielen zweistöckigen verfallenden Häusern aus der k.u.k. Zeit führt. Die Bäckerei gegenüber hat geöffnet, die Werkstatt daneben wie viele andere Läden hier längst geschlossen. Von den grauen Fassaden bröckelt der Putz. Einige der für Maribor so typischen roten Ziegeldächer sind eingestürzt. Tapiwa ist Maler und Bildhauer. Studiert hat der Simbabwer in London. Dann ist er mit seiner slowenischen Ehefrau in ein kleines Dorf bei Maribor gezogen. „Die Leute kannten Afrikaner nur aus dem Fernsehen“, erzählt er lachend. „Die wollten mich anfassen, um zu prüfen, ob ich wirklich echt bin.“ Inzwischen haben sie sich an ihren „Tscherni“, ihren Schwarzen, gewöhnt. „Dwa piva“, zwei Bier, nennen sie den groß gewachsenen, schlanken Afrikaner hier oft, weil sich das in Slowenien leichter ausspricht als sein simbabwischer Name. Tapiwa träumt von einem afrikanischen Kulturzentrum in Maribor, in dem er und die Handvoll weiterer Schwarzafrikaner Kunst, Kultur und sogar Medizin aus Afrika vorstellen. „Jeder, der etwas über Afrika wissen möchte, kann dann zu uns kommen.“ Kunst ist für Tapiwa vor allem Begegnung und Austausch. Nur wo? Räume sind teuer im nur 120.000 Einwohner zählenden, kleinen Maribor. Eine renovierte 130-Quadratmeter-Wohnung kostet in einer guten Innenstadtlage schon rund 300.000Euro. Aber Luxus brauchen die Künstler nicht, nur Platz. Die Stadt habe Interesse am Afrika-Zentrum bekundet, seine Anfragen aber nie beantwortet, sagt Tapiwa. „Die wissen selbst nicht, welche Häuser ihnen gehörten“, vermutet er. Wie in den meisten ehemals „sozialistischen Ländern“ blockieren ungeklärte Eigentumsverhältnisse vieles. Zu Ostzeiten war Grundeigentum eher eine Last. Die Erhaltung der Gebäude kostete meist mehr, als die Mieten einbrachten. Nach der Wende wollten viele, die sich um ihren alten Besitz nicht gekümmert hatten, ihre Häuser zurück. Manche Gebäude stehen schon so lange leer, dass sie kaum noch zu renovieren sind.

Drüben, auf der anderen Seite der Drau, hat die jugoslawische Armee ein Fabriksgelände mit drei großen, alten Hallen hinterlassen. Nach dem Abzug der Soldaten besetzten junge Leute 1994 die schon zum Abbruch freigegebene ehemalige Brotfabrik. „Pekarna“, Bäckerei nennt sich das alternative, autonome Kulturzentrum, das sie dort aufgebaut haben. „Kultur statt Kommerz“, fasst Pekarna-Leiter Gregor Koši das Konzept zusammen. Entscheidend sei für ihn „der Inhalt und nicht der Markt“. Da gehe es vor allem darum, Kultur als Konsum von Stars zu verkaufen, statt über die Gesellschaft nachzudenken und sie zu verändern. Wichtiger als ein einzelnes Ereignis ist für Koši „der Prozess, in dem Kunst entsteht“. Sloweniens inzwischen größte Kultur-Nichtregierungsorganisation veranstaltet Tagungen, Konzerte, Festivals, Theateraufführungen – an die 300Events im Jahr. In den Hallen proben Bands, und einen Nebenraum haben die Pekarna-Leute zum Club umgebaut. Weil die meisten DJs ehrenamtlich auflegen, kosten die Partynächte hier – anders als in anderen Clubs – keinen Eintritt.

„Wir sind völlig pleite“, klagt der 35-jährige Gregor Koši. Seit drei Monaten könne Pekarna die Gehälter nicht mehr bezahlen. Geld komme nur über einzelne, von Stadt, Land oder Europäischer Union geförderte Projekte herein, dann allerdings zu wenig und zu spät. Obwohl die Kulturhaupstadtgesellschaft zumindest Gastateliers für auswärtige Künstler und sieben weitere Projekte auf dem Pekarna-Gelände im kommenden Jahr mitfinanziert, ist Koši skeptisch: „Ich sehe nicht, dass etwas Dauerhaftes dabei herauskommen wird.“ An der Mentalität der Verantwortlichen werde sich nichts ändern.

Slowenien-Infos

Allgemeine Auskünfte: Tourist-Info-Center Maribor Tourismus, Partizanska cesta 47, +386/2/234- 6600; www.maribor-pohorje.si

Slowenisches Tourismusbüro, Opernring 1/R/4/447, 1010 Wien, 01/715-4010; info@slovenia.info

Marburg 2012: www.maribor2012.info

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.12.2011)