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Nanni Moretti: »Ich bin froh, ein Atheist zu sein«

(c) Dapd (PROKINO Filmverleih)
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Nanni Morettis Vatikan-Komödie »Habemus Papam« kommt nächste Woche ins Kino. Ein Gespräch mit dem Italo-Regie-Star über die Kirche, ihre Skandale und Krach mit Michel Piccoli.

In Ihrem Film „Habemus Papam“ spielt Michel Piccoli einen Kardinal, der zum Papst gewählt wird: Da packt ihn die Panik, und er flieht aus dem Vatikan. Als Religionssatire ist das wesentlich milder als die Filme des Regisseurs Luis Buñuel. Von dem stammt ja das berühmte Zitat, er danke Gott dafür, ein Atheist zu sein. Wie ist das denn bei Ihnen?

Nanni Moretti: Ich bin froh, ein Atheist zu sein! Aber in meiner Jugend war ich gläubig, etwa bis ich 16Jahre alt wurde. Dann habe ich das Vertrauen verloren.

Warum haben Sie den Film dann im Vatikan angesiedelt? Für die Geschichte eines Mannes in der Krise hätten Sie ja nicht unbedingt auf die Kirche zurückgreifen müssen.

Bei der Arbeit am Drehbuch war mir das Bild für eine Szene gekommen, aus der ein Film werden konnte: Wie der Papst, nachdem seine Wahl angekündigt worden ist, es nicht schafft, die paar Meter zu gehen, um sich der wartenden Menge zu zeigen. Das war der Ausgangspunkt: Es ist eine Erzählung davon, dass es die Möglichkeit gibt, „Nein“ zu sagen. Wäre es ein Politiker oder ein Hochfinanz-Manager, der seine Rolle ablehnt, dann wäre es meiner Meinung ein etwas kleinerer, vielleicht sogar ein ärmlicher Film geworden.

Sie haben keine Drehgenehmigung im Vatikan bekommen. Mussten Sie denn Ihr Drehbuch vorlegen, als Sie angefragt haben?

Ich war glücklich, nicht dort drehen zu müssen. Aber ich habe mich schon erkundigt, was dort getragen wird und wie das Procedere ist – um einen Rahmen der Glaubwürdigkeit zu haben, in den ich meine Kardinäle, meinen Past und meinen Vatikan stellen kann.

Der Kirche stehen Sie kritisch gegenüber. Wie ist es mit der zweiten großen Kraft im Film, der Psychoanalyse? Sie spielen einen Psychoanalytiker, der in den Vatikan gerufen wird, um dem Papst in spe zu helfen.

Die Begegnung mit einem Analytiker kann für Menschen glücklich sein, aber es muss nicht immer so kommen. Vielleicht kann aber das Unglück des Patienten gemildert werden. Mir gefiel die Idee, dass Papst und Psychoanalytiker im Film die Rollen tauschen: Während der Papst aus dem Vatikan entkommt, ist der Analytiker dort gefangen. Der Heilige Vater, der doch unfehlbar sein soll, ist nur von Zweifeln und Fragen erfüllt – der Analytiker hingegen, der offen und forschend sein sollte, verhält sich zusehends dogmatisch.

Sie ziehen auch eine zweite Parallele: zwischen Kirche und Theater.

Diese Symmetrie ist nicht zufällig, aber wir haben sie beim Drehbuchschreiben nicht gesucht. Erst als ich den Film zur Gänze gesehen habe, ist mir aufgefallen, dass die Darstellungen im Theater und in der Kirche mit ihren Zeremonien ein ähnliches Gewicht haben.

Die Kirche macht ja weltweit derzeit vor allem wegen vieler Missbrauchsfälle Schlagzeilen. Wie ist da die Situation in Italien?

Mit merkwürdiger Verspätung haben unsere Zeitschriften in der ersten Hälfte 2010 sehr viel über die Probleme und Skandale berichtet, die sogar innerhalb der Kirche verdeckt wurden. Es schien, als hätte die Kirche alle Glaubwürdigkeit und Autorität verloren. Dann war der Sommer vorbei – und Italien hat alles vergessen! Der polnische Schauspieler Jerzy Stuhr, der in meinem Film den päpstlichen Pressesprecher spielt, erzählte mir, dass Johannes Paul II. sogar in seiner Heimat infrage gestellt wurde. Heuer wurde er seliggesprochen: Alle Zweifel sind verpufft. Der Skandal wurde geheim gehalten. Ein Papst, der 27 Jahre regierte, hat den sexuellen Missbrauch gedeckt: Es ist doch etwas seltsam, dass man so lange nichts davon zu hören bekam.

In Ihrem Film kommt es auch nicht vor.

Dabei hat man wohl genau das erwartet, als ich das Projekt angekündigt habe: Dass ich diese Geschichten wieder erzähle, die nun doch seit ein paar Jahren die Runde machen. Es sind auch sehr ernste und wichtige Themen – aber nicht mein Thema, und sie passen auch nicht zum Tonfall meines Films. Im realistischen Rahmen der Rituale, Gewänder und Prozessionen wollte ich eine erfundene Geschichte erzählen.

Warum musste sich Michel Piccoli bei Ihnen einem Test für die Rolle unterziehen?

Natürlich war mir klar, dass Piccoli ein großartiger Schauspieler ist! Ich war mir nur nicht sicher, ob er imstande ist, einen ganzen Film in der Fremdsprache Italienisch zu spielen. Ich wollte ihn nämlich keinesfalls synchronisieren: Erstens bin ich grundsätzlich gegen Synchronfassungen, und zweitens wäre es doch Schwachsinn, jemanden wie Piccoli zu holen und dann seine Stimme zu synchronisieren!

Wie war die Zusammenarbeit mit Piccoli?

Gut, aber es gab eine sehr anspruchsvolle und anstrengende Woche mit Nachtdrehs. An Orten wie Kaufhäusern konnten wir zur Arbeitszeit tagsüber nicht filmen. Wir drehten also von acht Uhr abends bis sechs Uhr morgens. Dann ging ich heim, schlief bis zwei Uhr nachmittags und war erholt – aber nicht Piccoli! Der wurde jeden Tag lästiger. Am Ende dieser Woche lief ich im Großkaufhaus herum und wollte noch mehr Szenen. Ich weiß eigentlich gar nicht warum! Wir hatten schon alles im Kasten, aber ich wollte einfach weitermachen. Da reichte es Piccoli: Er ist förmlich explodiert und begann herumzuschreien, und zwar auf Italienisch! „Basta, ich kann nicht mehr! Ich will in die wirkliche Welt zurück. Diese Kinowelt ist doch zum Scheißen!“ Am nächsten Tag telefonierte ich mit meinem 14-jährigen Sohn, um ihm diese Geschichte zu erzählen. Ich hoffte natürlich, dass er mich wieder aufrichten würde. Er hörte mir auch brav zu. Aber was sagte er, als ich fertig war? Einfach nur: „Grande Piccoli!“

Zur Person

1953
Nanni Moretti wird im Urlaub der römischen Eltern in Bruneck in Südtirol geboren.

1973
Der Student Moretti dreht kurze Filme auf Super8, aus denen entwickelt sich 1976 das programmatische Langfilmdebüt: „Io sono un autarchio – Ich bin ein Autarkist“. Morettis zweiter Film „Ecce bombo – Die Nichtstuer“ läuft 1978 in Cannes, ist in der Heimat ein Hit. Mit interventionistischen Tragikomödien wird Moretti ein Italo-Star und in Venedig, Berlin und Cannes prämiert.

2006
Der länger vor allem politisch engagierte Moretti dreht eine Satire auf Berlusconi: „Il caimano – Der Kaiman“ . 2011 folgt „Habemus Papam – Ein Papst büxt aus“: ab 8.12. im Kino.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.12.2011)