Der Grazer Pfarrer Wolfgang Pucher hat sich mit seiner Vinzigemeinschaft dem Kampf gegen die »hässliche Armut« verschrieben. Nach Graz will er nun verstärkt in Wien armen Menschen helfen.
Wolfgang Pucher hat sich nicht gerade die leichteste Aufgabe ausgesucht. Er sammelt weder für kranke Kinder, noch bittet er um Hilfe für armutsgefährdete Familien. Auch für Tiere hat er wenig übrig. Und Asylwerber, die an seiner Tür klopfen und um einen Bissen Brot oder Unterschlupf bitten, schickt er ohnehin weiter.
„Asylsuchende haben mit Ute Bock eine große Lobby. Die vermitteln wir oft weiter“, sagt Pater Pucher. Der Grazer Pfarrer hat sich der „hässlichen Armut“, wie er sie nennt, verschrieben. Das sind für ihn vor allem jene, für die Privatpersonen eher selten die Brieftasche öffnen, um die Spendenbox zu füllen. Obdachlose Alkoholiker etwa. „Zu Weihnachten werden die vielen Zahlscheine sortiert. Eingezahlt wird nur für die ,schöne Armut'“, sagt der Pfarrer. Auch wenn er dafür Verständnis hat, hinnehmen will er das nicht.
Die „hässlichen Armen“ bleiben nicht nur in puncto Spenden auf der Strecke. Auch bei sozialen Einrichtungen finden sie oft keinen Platz. Sei es, weil sie sich der Hausordnung, speziell dem Alkoholverbot, nicht unterordnen wollen oder können. Oder weil sie aufgrund von rechtlichen Bestimmungen – etwa der Staatsbürgerschaft – nicht aufgenommen werden können.
Revoluzzer-Naturell.
Genau für jene Menschen kämpft Pucher seit den 1970er-Jahren. Dass das kein leichter Job ist, hat er schon mehrmals am eigenen Leib erfahren. Die Frage „Wieso kümmerst du dich um das Gsindel“ gehört da noch zu den nettesten Reaktionen. Aufhalten lässt sich Pucher davon nicht. Im Gegenteil. Dem Steirer haftet eine Art Revoluzzer-Naturell an. Kritiker, die ihm Geltungsdrang unterstellen, rufen bei ihm eine „Jetzt erst recht“-Reaktion hervor. „Deshalb diese Menschen zurückzuweisen wäre ein Verrat an der Nächstenliebe.“
Und er scheint mittlerweile zu wissen, wie man solche Anliegen vermittelt. Auf die Frage nach dem Warum gräbt er sofort Geschichten aus seiner Kindheit hervor. „Das erzähl ich dann immer, das hören die Leute gerne“, leitet Pucher seine Schilderungen ein. Die Mutter – arm und verwitwet – gab jedem Hungernden, der an ihrer Tür klopfte, zumindest ein Stück Brot oder einen Apfel. Auch ein Platz auf einem Strohsack fand sich meist in der Küche des 32 Quadratmeter großen Hauses. Apropos Strohsack: Der war nicht nur für die Hilfesuchenden gedacht. Auch Pucher selbst diente er als Matratze. „Als ich dann im bischöflichen Seminar war, war ich der Einzige unter 300 Buben, der nicht auf einer Matratze schlafen konnte. Ich war so sehr an den Strohsack gewöhnt“, sagt Pucher.
Hohelied auf die Bescheidenheit.
Generell singt Pucher auf die Bescheidenheit ein Hohelied. „Es braucht nicht viel, um einem Menschen ein Stück Würde zurückzugeben“, sagt er. Und als ob es in einer Art Drehbuch so geplant gewesen wäre, hat Pucher beim Gespräch mit der „Presse am Sonntag“ auch gleich die Gelegenheit, seine Begeisterung für Bescheidenheit und seine Abneigung gegenüber Verschwendung zu demonstrieren. Ein Grillhuhn, das der Pater aus seiner Aktentasche zieht – immerhin ist es Punkt zwölf Uhr mittags –, fällt mitsamt vorbereitetem Teller zu Boden. Mitarbeiter des Vinzi-Port eilen zur Hilfe, um das Schlamassel zu beseitigen. „Seid's wahnsinnig, das ess ich noch. Das kann man ja nicht wegschmeißen“, wird Pucher fast wütend.
Emotional wird Pucher auch bei einem Rundgang durch die Notschlafstelle Vinzi-Port in der Wiener Linzerstraße. Vor allem der Damenschlafsaal hat es ihm angetan. „Das ist so lieb, überall sind Teddybären.“ Tatsächlich haben sich die Damen mehr Mühe gegeben, die Schlafstätte heimelig zu gestalten, als die Herren. Auch Kreuze oder Heiligenbilder schmücken Nachtkästchen oder Wände. „Die Menschen hier sind religiöser als der Durchschnitt meiner Pfarrgemeinde.“
Derzeit arbeitet Pucher an einer weiteren Vinzi-Einrichtung für Wien. In den nächsten zwei Jahren soll eine Notschlafstelle für EU-Bürger (Vinzi-Port) oder für In- und Ausländer (Vinzi-Bett) in der Bundeshauptstadt entstehen. Drei Standorte stehen zur Auswahl, ein Sponsor soll das Haus errichten. Wo und wer das sein wird, will Pucher nicht verraten. Zu oft hatte er schon Schwierigkeiten mit Anrainern, die eine solche Einrichtung in ihrer Nachbarschaft vermeiden wollten. Auch vor Drohungen mit Kirchenaustritten wurde dabei nicht zurückgeschreckt.
1000 Obdachlose in Österreich.
Die Zahl der Obdachlosen steigt derzeit. Caritas-Direktor Michael Landau sprach erst kürzlich von 3000 Menschen, die sich pro Jahr allein in Wien an die Caritas wenden. Laut Pucher gibt es in Österreich rund 1000 Obdachlose, die keinen Unterschlupf in einer Einrichtung finden. „In Wien leben derzeit 250 Menschen auf der Straße. Ein Drittel davon sind Inländer, die sind sicher leicht unterzubringen. Bei den restlichen zwei Dritteln ist es rechtlich schwieriger“, sagt Pucher. Um genau sie will er sich kümmern. Vorfälle, wie jener des unlängst in Graz erfrorenen Obdachlosen, gehen ihm dabei besonders zu Herzen.
Und sie bestärken Pucher in seinem Kampf gegen die „hässliche Armut“. „Das ist nicht nur eine Frage des Geldes, sondern auch der Toleranz.“ Was Ersteres betrifft, hat er es besonders in Wien schwer. Finanzielle Unterstützung aus öffentlicher Hand gibt es hier nicht, „da wir nicht den Standards entsprechen“. In Graz hat es der Steirer da schon etwas leichter. „Dort werden die Einrichtungen mittlerweile toleriert. Es gibt in Graz niemanden mehr, der die Einrichtungen weghaben will. Das ist auch ein kleines Wunder.“ Und auch die braucht es wohl im Kampf gegen die „hässliche Armut“.
Dieser Ausgabe liegt ein Zahlschein bei.
International
Insgesamt 45.000 Gruppen in 175 Ländern kümmern sich weltweit ehrenamtlich um Arme und Obdachlose.
Österreich
Der Hauptrat ist der Dachverband der 120 Vinzenzgemeinschaften in Österreich.
Eggenburg
1990 gegründet, um Obdachlosen eine Unterkunft zu bieten, die nirgends aufgenommen werden, weil sie etwa Alkoholiker sind.
1939 geboren in Zerlach in der Steiermark. 1969 kümmert sich Pucher in Istanbul um Straßenkinder am St.-Georgs-Kolleg. 1973 Pfarrer in der St. Vinzenz Kirche in Graz. 1990 Gründung der Vinzenzgemeinschaft Eggenberg. 1993 Eröffnung des ersten Vinzi-Dorfs in Graz, in dem erstmals Alkohol erlaubt wurde. 2004 Eröffnung der ersten Einrichtung in Wien, der Vinzi-Rast. 2011 Derzeit finden 450 Personen in den 32 Vinzi-Einrichtungen Unterkunft.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.12.2011)