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„Happy Feet 2“: Die Einsamkeit der Pinguine

(c) Courtesy of Warner Bros. Picture (Photo courtesy of Warner Bros. P)
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Der Animationsfilm „Happy Feet 2“ ist eine gute Komödie. Aber in der Fortsetzung seines Oscar-Pinguin-Musicals schlägt Regisseur George Miller auch wieder dunkle Töne an.

Kein Filmgenre ist in den letzten 20 Jahren so gravierend degeneriert wie der Familienfilm. Während noch in den 1980ern Fantasten wie Joe Dante (Gremlins – Kleine Monster) oder John Carl Buechler (Troll) die düsteren, beunruhigenden und revolutionären Komponenten von Märchengeschichten in das kinderfreundliche Spektakelkino hinüberretten, regiert mittlerweile der von Risikofreude und Wagemut bereinigte Unterhaltungsgedanke. Kaum ein computeranimierter Multimillionendollarfilm mehr, der sich traut, aus ausgetretenen Pfaden auszuscheren.

Auf den ersten Blick war auch George Millers Pinguin-Musical Happy Feet (2006) ein pflegeleichter, unauffälliger Kinderfilm um eine tanzwütige Pinguinkolonie. Wer Lust hatte genauer hinzusehen, konnte im Entwicklungsroman des flauschig-kulleräugigen Königspinguinbuben Mumble allerdings eine „Empowerment“-Dramaturgie erkennen, die den populären Tanzfilmen der späten 1970er und frühen 1980er (wie Dirty Dancing oder Saturday Night Fever)ähnlich war: Die proletarischen Pinguine swingen, jiven, hiphoppen und steppen sich die harte Wirklichkeit von der Seele. Das ist in der Fortsetzung immer noch so: Die beginnt gleich mit einer atemberaubend choreografierten Musicalnummer zu einem von Popstar P!nk eingesungenen Medley. Zuvor sieht man allerdings schon die Erdkugel im Weltraumpanorama, unterlegt von einem beunruhigenden Brummen, das die Stimmung von Happy Feet 2 schön auf den Punkt bringt: Wenn plötzlich ganze Eisberge gen Pinguinland treiben und die lebensfrohen Viecher von ihren Fischquellen abschotten, dann ist nichts mehr gewiss, dann regiert die Verunsicherung.

 

Hiobsbotschaften und schwule Shrimps

Mit Happy Feet2 inszeniert George Miller zum dritten Mal in seiner außergewöhnlichen Karriere eine Fortsetzung. Und wenn man sich die radikalen motivischen und atmosphärischen Brüche seiner Sequels Mad Max2 und Schweinchen Babe in der großen Stadt im Vergleich zu ihren Vorgängerfilmen ansieht, dann weiß man auch, dass die Pinguine diesmal zu einem anderen Takt tanzen werden. Happy Feet2 macht, was alle guten Komödien machen: Die harte Wirklichkeit wird in weichen Pulverschnee verpackt. Aber wie sich die Schatten des Eisbergs über die Gemeinschaft schieben, wie falsche Prediger Heilsbotschaften durch die Luft tröten, wie ein Seeelefant – überrascht von den sich verschiebenden Landmassen – in eine Eisspalte stürzt und seine glupschäugigen Söhne ihm nachheulen, das ergibt eine deutlich düsterere Färbung des Tonfalls als im Vorgänger.Der Irritationseffekt der inhaltlichen Schwere setzt sich in der dramaturgischen Zerfurchung fort. Wie einzelne Eisberge treiben die starken Figuren und ihre jeweiligen Lebensgeschichten durch Millers erzählerisches Meer, die Perspektiven reichen von zwei (homosexuellen) Shrimps über eine Seeelefantenkolonie hin zu einem Schwarm räuberischer Vögel.

Alle suchen sie einen Sinn in der Welt, in der sie leben: Von Pantheisten und Propheten hin zu Buddhisten, Hedonisten und Musiktherapeuten jongliert der Regisseur mit spirituellen und existenzialistischen Strömungen. Dahinter lauert allerdings, und dafür muss man vielleicht wieder ein zweites Mal hinschauen, eine schreckliche Leere und Einsamkeit. Am Ende blickt man erneut auf die Weltkugel, die sich in der gigantischen Leere des Alls vor sich hindreht. Alles was bleibt, ist Einsamkeit und das Geräusch von tanzenden Pinguinen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.12.2011)