Integration. Während die Schlagkraft des neuen Deutschkurses für Migranten-Kinder ab Dienstag evaluiert wird, fordern Kindergärtnerinnen und Lehrer-Gewerkschafter eine intensivere Sprachausbildung für Erstklassler.
WIEN. Mit dem Schulbeginn am Montag (Ostösterreich) und in einer Woche in Westösterreich starteten ca. 9000 Kinder ihre schulische Laufbahn - mit einem großen Handicap. Mit mangelnden Deutsch-Kenntnissen, die oft so gravierend sind, dass ein Kind dem Unterricht nicht folgen kann.
Am massivsten ist das Problem in Wien: Rund 17 Prozent der 15.061 Taferlklassler kämpfen mit Verständigungs-Problemen, während es im Burgenland und der Steiermark nur 7 Prozent sind. Um dieses Problem zu bekämpfen wurde heuer erstmals ein 120-Stunden-Deutschkurs für Kinder mit Sprachproblemen durchgeführt - von März bis Juni. Ab heute, Dienstag, wird die Wirksamkeit dieser Kurse erhoben. Die Ergebnisse werden in wenigen Wochen vorliegen, doch eine erste Tendenz lässt sich bereits ablesen, wie die "Presse" von Betroffenen erfahren konnte.
Der Sprachkurs lindert das Problem, ist mit vier Monaten aber deutlich zu kurz: "Das ist zu wenig Zeit, damit die Kinder sprachlich spitze werden", formuliert es Michaela Blabensteiner diplomatisch, die als Kindergärtnerin künftige Taferlklassler mit Sprachschwierigkeiten betreute.
Die Situation nach dem Sprachkurs: Die Kinder würden Deutsch zwar besser verstehen, meint die Pädagogin. Falls ein Kind aber nie Deutschunterricht gehabt hätte, würde es für mehr als ein paar Sätze nicht reichen. Trotzdem sorge der Sprachkurs samt Unterricht für einen wichtigen Effekt: "Die Kinder werden selbstständiger und können sich in eine soziale Gruppe einordnen. Das gehört zur Schulreife."
"Vier Monate sind einfach zu wenig Zeit, damit die Kinder sprachlich spitze werden."
Pädagogin Michaela BlabensteinerWalter Riegler, Chef der Pflichtschullehrer-Gewerkschaft, wünscht sich ebenfalls eine umfangreichere Frühförderung in Form eines verlängerten Sprachkurses: "Diese Phase soll ausgebaut werden." Es sei klar, dass nicht-deutschsprachige Kinder nach 120 Stunden kein perfektes Deutsch beherrschen würden: "Aber es ist wenigstens ein Anfang." Konkret: "Der Sprachkurs ist eine Erleichterung für Lehrer von ersten Klassen, die oft 10 bis 25 Kinder ohne Sprachkenntnisse hatten. Aber man könnte früher beginnen. Im Idealfall ein ganzes Jahr früher."
Damit formuliert Riegler die Forderung nach einem zusätzlichen Kindergartenjahr. Verpflichtend? "Eher auf freiwilliger Basis. Wenn es aber nicht anders geht, dann verpflichtend."
Vizebürgermeisterin Grete Laska kann sich eine Vorverlegung der Schulpflicht um ein Jahr vorstellen: "Es soll aber bundesweit einheitlich sein." An den Kosten könnten sich die Länder über den Finanzausgleich beteiligen. Aussagen über den Effekt der Deutschkurse will Laska erst treffen, wenn die Evaluierung am Tisch liegt. Das Bildungsministerium dagegen steht einer Ausweitung der Sprachstunden, die in Wien in Kindergärten stattfinden, skeptisch gegenüber: "Wir sind für Kindergärten nicht zuständig. Wir können Aktionen anregen und fördern." Deshalb sei im Rahmen des 120-Stunden-Deutschkurses jedes Kind mit 80 Euro gefördert worden: "Obwohl es nicht in unserer Verantwortung liegt, Kinder in Kindergärten zu fördern. Wenn ein Bundesland mehr Stunden anbieten will, kann es das jederzeit machen." Nachsatz: "Zur Sprachförderung haben wir außerdem 330 zusätzliche Lehrerposten österreichweit zur Verfügung gestellt." Für das Ministerium ist die Aktion "ein voller Erfolg": Von 9000 ausgegebenen Sprachtickets wurden 8000 verwendet."