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Kopten zerrieben zwischen Armee und Islamisten

(c) EPA (AMEL PAIN)
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Der ägyptische koptische Kardinal Naguib warnt vor ultrakonservativen Salafisten. Von 80 Millionen Ägyptern gehört der Großteil der acht bis zehn Millionen Christen der koptisch-orthodoxen Kirche an.

Wien. „Ich würde noch nicht von Christenverfolgung sprechen – wir haben aber viele Probleme“, sagt Patriarch Antonius Kardinal Naguib. Das Oberhaupt von 250.000 uniert-katholischen Kopten steht einer „Minderheit in der Minderheit“ vor. Von 80 Millionen Ägyptern gehört der Großteil der acht bis zehn Millionen Christen der koptisch-orthodoxen Kirche an.

Trotzdem sieht sich Kardinal Naguib als Sprachrohr für alle Christen seines Landes und spricht von schwierigen Zeiten: „Zu Beginn des Arabischen Frühlings demonstrierten Christen und Muslime noch gemeinsam am Tahrir-Platz. Doch diese Vereinigung hat nicht gehalten.“ Heute würden sich Islamisten in Politik und Medien gegenüber Christen offensiv bis feindlich verhalten. „Kürzlich sagte ein salafistischer Führer, dass Christen im neuen Parlament Ägyptens keinen Platz haben“, zeigt sich Kardinal Naguib empört. Ein Massenexodus stehe aber nicht bevor. Das ist freilich relativ. Seit Mubaraks Sturz haben bereits 100.000Christen Ägypten verlassen. „Auswandern ist nicht einfach. Die meisten haben keine andere Wahl, als zu bleiben. Und sollte es doch zu Verfolgungen kommen – wir werden das durchstehen.“

 

Kommt Revolution der Armen?

Kämen die ultrakonservativen Salafisten an die Macht, wären die Christen in Gefahr, aber der Kardinal beruhigt auch: „Radikale Islamisten würden sich nicht lange halten. Deren Denkweise entspricht nicht der ägyptischen Mentalität.“ Eine Machtübernahme durch die Muslimbrüder werde von christlicher Seite hingegen nicht sehr gefürchtet. Denn sie gelten als „reformorientiert“.

Wolfgang Böhm, Lektor für „Internationale Entwicklung“ der Uni Wien, sieht das größte Problem ägyptischer Christen darin, dass sie „als Spielball der Mächtigen“ missbraucht werden. So würden Eskalationen zwischen Muslimen und Christen oft absichtlich nicht verhindert. Das Militär profitiere besonders davon: Menschen, die sich gegenseitig in religiösen Konflikten aufreiben, würden kaum an einen Umsturz denken.

Tatsächlich geschieht in Ägypten meist immer noch, was die Militärs wollen: Am Dienstag wurde bekannt, dass Regierungschef Kamal al-Ganzouri vom Militärrat mit neuen, präsidialen Vollmachten ausgestattet werden soll. Gegner des Militärrates deuten dies als Versuch, den Übergang zur Demokratie zu verschleppen.

Ägypten könnten noch aus einem weiteren Grund unruhige Zeiten bevorstehen: „Die Menschen fürchten nicht die Fundamentalisten, sondern eine Revolution der Armen. Damit muss die nächste Regierung erst einmal umgehen können“, sagt Böhm.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.12.2011)