Ein Lob den Dilettanten

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Etwas zu tun, obwohl man es nicht gut kann und es sinnlos ist: Das ist wahres Glück.

Man muss Thomas Gottschalk und seine bisherige Show „Wetten, dass...?“ nicht mögen, um ihr zumindest in einer Hinsicht Dank zu zollen: Alle paar Wochen gab sie uns einen Samstagabend ein paar Stunden lang die Gewissheit, dass unsere verunsicherte mitteleuropäische Gesellschaft doch nicht so zerrüttet ist, wie wir bisweilen fürchten.

Damit sei nicht die „Friede, Freude, Eierkuchen“-Stimmung gemeint, die Gottschalk bisweilen recht penetrant zu verbreiten suchte. Ich spreche vielmehr die Bestätigung dessen an, dass der Dilettantismus in deutschen, österreichischen und schweizerischen Breiten ungebrochen ist.

Obacht: „Dilettantismus“ sei hier nicht als verantwortungslose Inkompetenz verstanden, zu der ihr eigentlicher Wortsinn mit der Zeit verbogen wurde. Nein, als Dilettant wollen wir hier jemanden bezeichnen, der etwas einzig darum tut, weil es ihm Spaß macht. Denn im lateinischen Wort „delectare“, also „sich erfreuen“, hat er seine Wurzel. Ein Dilettant freut sich an Dingen, selbst wenn er sie nicht gut beherrscht oder sich vor den kalten Augen der Hochglanzgesellschaft lächerlich macht. Wie unwirklich die perfekte Waren- und Unterhaltungswelt ist, weiß jeder, der bei Google die Wörter „Photoshop“ und „Models“ eintippt. Dilettieren heißt in dieser unschuldigen ursprünglichen Form, etwas ohne Rücksicht auf jene zu tun, die sich ein Urteil anmaßen, ohne selber den Mut zur Selbstentblößung zu haben – ob es das Fußballspiel in der Wirtshausmannschaft ist, die Auftritte mit der Schulband oder das Unterscheiden verschiedener Klospülkästen am Klang des abrinnenden Wassers.

Der Dilettant ist wie Gottschalks Kandidaten: täppisch, schräg, dafür aber glücklich. Danke, Thommy.

E-Mails an: oliver.grimm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.12.2011)

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