Antarktis: Polarfieber

Am 14. Dezember 1911 erreichte Roald Amundsen in einem Rennen auf Leben und Tod als Erster den Südpol. Heute sind Antarktisreisen Abenteuer de Luxe.

Wenn das der alte Amundsen erlebt hätte! Der große norwegische Abenteurer würde sich für schneeblind halten. Gerade hat das segellose Schiff mit wehender Norwegen-Fahne den südlichen Polarkreis überquert. Fünf Tage lang ist es unaufhaltsam nach Süden vorgedrungen, hat problemlos das windgepeitschte Kap Hoorn und dann die berüchtigten Wellenberge der Drake Passage hinter sich gelassen. Nun durchpflügt es das Treibeis.
Oben auf Deck 7 der MS Fram planschen drei angetrunkene Norwegerinnen in bunten Badeanzügen in einem der beiden Außen-Whirlpools. Fröhlich kudernd räkeln sie sich im dampfenden 38 Grad warmen Wasser. Für heute haben sie sich satt gesehen an der Wunderwelt der Eisberge, an den Kathedralen aus türkis schimmerndem Kristall, an rundgefressenen Robben auf glitzernden Schollen und Heerscharen von Pinguinen vor majestätischen Gletscherwänden. Noch einmal zieht ein verwunschener Palast aus Eis an dem Expeditionsschiff vorbei, ein Märchenschloss mit einem Innenhof aus ungeschliffenem Saphir und einem Turm, der dem Matterhorn gleicht. Die vergnügten Skandinavierinnen sehen ihn nicht mehr.

Gelassen pflügt sich die MS Fram ihren Weg durch das eisbedeckte südliche Polarmeer, zerreißt Scholle um Scholle, als seien sie aus Papier. Leise knirschend gibt das ewige Eis den Weg nach Süden frei. Der gewaltige Schneepanzer birst wie feuchte Zuckerwürfel. Selbst Amundsen, der grenzerfahrenste, abenteuersüchtigste und verwegenste der Polarpioniere, würde vor so viel Gelassenheit in der lebensfeindlichen Welt der Antarktis Augen machen.
Vor genau hundert Jahren war schon einmal ein Schiff mit dem Namen „Fram“ – norwegisch „vorwärts“ –  unterwegs in Richtung Südpol. Der norwegische Dreimastschoner galt in seinem Baujahr 1892 als hochmoderner Eisbrecher. Kein Schiff aus Holz drang jemals weiter nach Norden und Süden vor und kein weiteres entdeckte um die Jahrhundertwende so viel Neuland. Eine ausgeklügelte Bautechnik machte die legendäre Pionierfahrt von Norwegens Nationalhelden Fridtjof Nansen und Otto Sverdrup, die das Schiff 1893 in der Laptew See vor Sibirien vom Eis einschließen und drei Jahre lang mit dem Packeis am Nordpol vorbei nach Spitzbergen treiben ließen, erst möglich. Weltberühmt wurde die Fram aber als Expeditionsschiff von Roald Amundsen. Sie sollte dem ehrgeizigen Polarforscher das letzte verbliebene, große Abenteuer der Menschheitsgeschichte ermöglichen: die Eroberung des Südpols.

Minus 50 Grad. „Amundsen hatte ein enormes Selbstvertrauen, er war ein grandioser Planer und ein exzellenter Anführer“, sagt der Polarforscher Olav Orheim. „Wäre er in einem größeren Land als Norwegen geboren worden, er hätte zu einer Person werden können, die die Geschichte verändert.“ Für Orheim war Amundsen schon als Jugendlicher ein Idol. Der 69-jährige Glaziologe aus Bergen war Teilnehmer von nicht weniger als 17 Expeditionen in die Antarktis. Auf der MS Fram hält er Vorträge über Umweltthemen und die Geschichte der Polarforschung. Als Vorsitzender des Fram-Museums in Oslo und ehemaliger Direktor des Norwegischen Polarinstituts weiß er einiges über die frühen Abenteurer in der Antarktis zu erzählen.

Als Orheim das erste Mal die Antarktis betrat, war er gerade einmal 23 und noch Geologiestudent an der Universität Bergen. „Es war ein großer Traum“, erzählt der Forscher, „das Norwegische Polarinstitut hatte mich ausgewählt, zum Südpol zu fliegen. Ich bekam sogar ein Gehalt. Aber natürlich hätte ich das Angebot auch ohne Geld angenommen.“ 53 Jahre nachdem Amundsen seinen Fuß auf den südlichsten Punkt der Erde gesetzt hatte, empfand sich Orheim immer noch ein wenig wie ein Pionier. „Minus 50 Grad klang wirklich schlimm und in der dicken Kleidung fühlte ich mich wie auf dem Mond.“ Am 14. Dezember 1911 erreichte Roald Amundsen in einem dramatischen Wettlauf gegen seinen britischen Rivalen Robert Falcon Scott als erster Mensch den Südpol. Als Scott nach einem zweieinhalbmonatigen Fußmarsch dort eintraf, flatterte bereits die norwegische Flagge im eisigen Polarwind. Amundsen war ihm um nur fünf Wochen zuvorgekommen, die Schlacht um den Pol war für Großbritannien damit verloren. „Das Schlimmste ist eingetreten“, notierte der verzweifelte Brite in seinem Tagebuch, „all meine Träume sind dahin. Großer Gott, dies ist ein schrecklicher Ort!“
Doch es sollte noch schlimmer kommen. Auf dem Rückweg zum Basislager kämpften die Expeditionsmitglieder mit eisigen Stürmen und schweren Erfrierungen. Hunger und Schneeblindheit raubten ihnen die letzten Kräfte. Scotts letzte Tagebuchnotiz vom 29. März 1912 endet mit den Worten: „Letzte Eintragung. Um Gottes Willen – kümmert Euch um unsere Hinterbliebenen!“ Die Nachricht von Scotts tragischem Tod im Eis ging wie ein Lauffeuer um die Welt. Sein Tagebuch wurde ein Bestseller und der Abenteurer trotz seiner gescheiterten Mission zum Nationalhelden.

Indessen wurde Amundsen in der norwegischen Presse gefeiert wie ein Superstar. König Haakon VII. persönlich empfing den Abenteurer zu einem Festessen in seinem Schloss. Dabei hatte die Fram-Expedition zum Südpol mit einer dreisten Lüge begonnen. 20.000 Kronen erbat sich der Polarforscher vom norwegischen Königshaus, um das Nordpolarbecken zu erforschen. Doch als er erfuhr, dass der Amerikaner Peary bereits den Nordpol erreicht haben wollte, steuerte er das Schiff kurzerhand in Richtung Süden, wo die Eroberung des Pols noch ausstand. „Amundsen war viel besser vorbereitet als Scott“, sagt Orheim, „Er hatte auf seinen zahlreichen Reisen in der Arktis von den Inuit gelernt. Ihr Wissen half ihm, im Eis zu überleben.“ Scott hatte bei seiner Expedition auf Motorschlitten und Ponys aus Sibirien gesetzt. Beide erwiesen sich jedoch als ungeeignet. Mit Schlittenhunden kam Amundsen viel schneller voran und schreckte auch nicht davor zurück, die meisten von ihnen an jene paar Artgenossen zu verfüttern, die er noch für den Rückweg brauchte.

Auf der MS Fram gibt es zum ersten Mittagsbüffet südlich des Polarkreises Räucherlachs, Garnelen und Pute statt gefrorenen Pemmikan. Gegen 14 Uhr erreicht das Schiff Detaille Island, „eine echte Zeitkapsel“, wie Orheim verspricht. Auf der kleinen Insel vor einer tief verschneiten Gebirgskette kann man neben einer Kolonie von Eselspinguinen eine ehemalige britische Forschungsstation aus den 1950er-Jahren besichtigen. Sie wurde bei Wintereinbruch 1959 Hals über Kopf verlassen und seither nie wieder bezogen. Viel hat sich seit damals nicht geändert: In verstaubten Regalen stapeln sich vergilbte Bücher und Zeitschriften, auf einer Wäscheleine hängt eine kratzige Wollstrumpfhose, als habe sie ein früher Abenteurer gerade erst dort aufgehängt.

Die Amerikanerin Liesl Schernthanner verbringt mit einem Team des Antarctic Heritage Trust die Sommermonate hier, um das unter Denkmalschutz stehende Gebäude instand zu setzen und die Alltagsgegenstände zu katalogisieren. „Als wir hier ankamen, waren einige Fenster zerbrochen und in den Räumen lag Schnee“, erzählt sie. Nun ist ihr Team dabei, das Dach neu zu decken und die Haupthütte für den Wintereinbruch fit zu machen.

Schernthanner hat bereits 2006/07 als Managerin auf der Amundsen-Scott-Station am Südpol überwintert – eine „großartige, einzigartige Erfahrung“ für die heute 44-Jährige. „Ich würde hier unten gern mehr Frauen sehen“, sagt sie. Als echte Pionierin empfindet aber auch sie sich nicht. „Wenn man heute am Südpol steht, staunt man, wie alles sich verändert hat. Man fühlt  sich fast schuldig, wie einfach es einem gemacht wird, hierher zu kommen. Hundert Jahre nach den Pionieren, die am Rand des Ross Meeres überwintern mussten, um im  antarktischen Sommer zum Pol aufzubrechen, werden Touristen eingeflogen und bekommen Eiscreme serviert.“ Auf Detaille Island erzählt sie den Passagieren von Kreuzfahrtschiffen gerne über die harten Anfänge der Polarforschung. „Es ist schon irre, dass die Leute heute mit diesen riesigen Schiffen anreisen. Wenn Amundsen und Scott das hier sehen würden ...“

Ungebrochener Enthusiasmus. Auf dem Rückweg Richtung Norden macht die MS Fram Station vor Port Lockroy. Sturmvögel begleiten das Schiff zu der britischen Forschungsstation. Sie wurde in den 1940er-Jahren als eine der ersten britischen Militärstützpunkte auf Wiencke Island, westlich der antarktischen Halbinsel, gegründet. Hinter einer gewaltigen Gletscherwand erheben sich die schroffen Gipfel eines majestätischen Gebirgszugs. Die kleinen, schwarz gestrichenen Gebäude der Station mit den rot gerahmten Sprossenfenstern wirken vor der gewaltigen Bergkulisse wie Spielzeughäuschen.

Der Koordinator des British Antarctic Heritage Trust, Tudor Morgan, verbrachte vier Sommer und vier Winter in der Antarktis. „Wenn ich in Port Lockroy an Land gehe, ist es wie nach Hause kommen“, sagt der Waliser. Seine Faszination für die Antarktis begann mit einer Tretbootfahrt als Kind im Roath-Park seiner Heimatstadt Cardiff. Dort steht mitten im See das Captain-Scott-Denkmal. Von Cardiff aus war Scott 1910 zu seiner Polexpedition aufgebrochen. Der kleine Morgan wollte es ihm irgendwann gleichtun, verschlang das Tagebuch des Abenteurers und bewarb sich nach seinem Geologiestudium für ein Polarforschungsprogramm. Heute ist er verantwortlich, die historischen Denkmäler der britischen Forschungsgeschichte in der Antarktis zu erhalten.

„Der Enthusiasmus für die Pioniere ist bis heute ungebrochen“, sagt er, „und wir freuen uns, wenn wir sie an Besucher weitergeben können“. Anders als seinem tragischen Vorbild brachte Morgan seine Antarktis-Leidenschaft Glück. 1996 verliebte er sich bei der Überwinterung im Eis in eine Polarforscherin. Die beiden heirateten zwei Jahre später.

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