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Ivica Dačić: Der Mann, der den Kosovo teilen will

(c) APN (Kerstin Joensson)
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Der Innenminister, in jungen Jahren ein Gefolgsmann Miloševićs, verwendet mittlerweile sogar das Wort „Krieg“. Er selbst scheint in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts stecken geblieben zu sein.

Belgrad. Ein Besuch bei Serbiens Innenminister Ivica Dačić ist wie eine Zeitreise. Wer zum zweitmächtigsten Mann des Landes vordringen will, hat das alte jugoslawische Regierungsgebäude im Plattenbau-Dorado von Novi Beograd aufzusuchen. Der 50Jahre alte kommunistische Protzbau heißt zwar heute „Palast Serbiens“, abgesehen von dieser durch die Zeitläufte diktierten Anpassung hat man im Inneren aber ständig das Gefühl, als könnte Tito höchstselbst sogleich um die nächste Ecke biegen. Viel scheint sich hier seit dem Tod des „geliebten Genossen“ nicht verändert zu haben.

Im großzügigen Sitzungszimmer begrüßt einen die Ahnengalerie des Hausherrn: die Konterfeis sämtlicher serbischer und jugoslawischer Polizeiminister seit 1811. Dass hier auch das Bild von Vlajko Stojilković hängt, der bis zu seinem Selbstmord 2002 wegen Kriegsverbrechen im Kosovo vom Haager Tribunal gesucht wurde, scheint niemanden zu stören.

Schließlich, Zeitreise Teil drei, Dačić selbst: Im 21.Jahrhundert könne man doch nicht mehr Zigtausende – gemeint sind die Serben im Kosovo – einfach umsiedeln, meint er. Der Satz, mit dem der Minister seine „moderne“ Denkweise belegen will, legt offen, dass er selbst in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts stecken geblieben ist.

 

Großserbische Träume

Mit dem Klein-Klein der gegenwärtigen Verhandlungen Serbiens mit dem Kosovo über praktische Fragen hält sich Dačić nicht lange auf. Ihm geht es um die große Lösung. Um die ganz große Lösung, und die sieht so aus: Der serbisch dominierte Nordkosovo schließt sich Serbien an, Albanien vereinigt sich mit dem Kosovo, und weil man schon einmal dabei ist, die Grenzen neu zu ziehen, spaltet sich auch die Republika Srpska von Bosnien und Herzegowina ab: „Den Serben das serbische Land, den Albanern das albanische, und Punkt. Ende der Konflikte“, resümiert Dačić im Gespräch mit europäischen Journalisten seine Ideen.

Damit dürfte er nicht wenigen Serben aus der Seele sprechen. Die Sache hat nur einen Haken: Indem er öffentlich die Teilung des Kosovo propagiert („Ziehen wir doch neue Linien“), verstößt Serbiens Innenminister gegen die Verfassung. In die wurde 2006 ein Passus aufgenommen, wonach der Kosovo „integraler Teil“ Serbiens sei. Nun arbeitet die Politik Belgrads seit geraumer Zeit offenkundig auf eine Teilung der Exprovinz hin, die sich 2008 endgültig losgesagt hat, doch zu sagen traut sich das bisher nur Dačić. Das klingt dann so: „Die offizielle Politik ist, dass ganz Kosovo ein Teil Serbiens ist. Realistisch ist das nicht.“

 

Ex-Milošević-Mann: „Wir wollen zur EU“

Dass ausgerechnet er öffentlich für ein Neuziehen der Grenzen anhand ethnischer Mehrheiten eintritt – die Frage, was bei einer Teilung mit den tausenden Serben in den Exklaven im Südkosovo geschehen würde, lässt er übrigens unbeantwortet –, ist bei seinem Vorleben durchaus pikant: In den 90er-Jahren diente Dačić dem Autokraten Slobodan Milošević ergeben als Sprecher von dessen Sozialistischer Partei. Mittlerweile bringt er Sätze wie „Wir wollen zur EU“ über die Lippen, ohne dabei rot zu werden.

Wie er die Wandlung vom strammen Milošević-Jünger zum Pro-Europäer bewerkstelligt habe, fragte ihn ein Bekannter. Dačić darauf nonchalant: „Hast du in deiner Jugend keine Fehler gemacht? Niemand ist perfekt.“ Mangelnde Flexibilität kann man dem heute 45-Jährigen, dessen Partei seit 2008 an der Regierung beteiligt ist, jedenfalls nicht vorwerfen.

Er bemüht sich um souveränes Auftreten, doch wirkt hin- und hergerissen zwischen zwei Welten: Jenen vor und nach dem Sturz Miloševićs. Einerseits gibt er den modernen, an Weststandards orientierten Polizeiminister. Sogar einstige Milošević-Gegner sagen, er führe die Sicherheitskräfte viel professioneller als seine Vorgänger. Dann aber wieder scheint er unvermittelt in seine „Jugendsünden“ zurückzufallen und meint, niemand solle behaupten, dass man um den Kosovo keinen Krieg führen wolle. Selbst für serbische Vorwahlkampf-Rhetorik ist das eine Spur zu kräftig aufgetragen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.12.2011)