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Die Peitsche, die Peitsche

(c) ORF
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Bürgers Sehnsucht nach der rohen Gewalt: was Hitler populär und attraktiv machte.

Die terroristische Gewalt des NS-Regimes war das notwendige Pendant zur Massenakklamation für Hitler. Von vornherein wurden Andersdenkende brutal ausgegrenzt, verfolgt, gefoltert, ermordet. Aber ich möchte hier die Frage nach der NS-Gewalt anders stellen: Inwiefern trug die NS-Gewalt selbst zu Hitlers Popularität bei? Inwiefern war diese Gewalt populär, erwünschtund attraktiv bei beträchtlichen Teilen der deutschen, später auch der österreichischen Bevölkerung?

Hitler war ein außerordentlich gewaltsüchtiger Mensch, kein Zweifel. Die Peitsche, die er in den 1920er-Jahren regelmäßig trug und die zu seinem bizarren Auftreten gehörte, war ein ganz offenes Zeichen davon. „Vernichtung“ galt von Anfang an als eins seiner Lieblingsworte. „Wenn wir ans Ruder kommen, rollen die Köpfe unserer Gegner“, drohte er unverblümt. Man müsse den Terror mit Terror beantworten, verkündete er. Die Gewalt richtete sich nicht nur gegen innenpolitische Gegner, sondern bereits potenziell nach außen. Hitler sprach ab Mitte der 1920er-Jahre von Raumgewinn „durchdas Schwert“. Russland war längst in seinem Visier als Ziel dieses Raumgewinns. Die Betonung von Gewalt ließ auch beim steilen Aufstieg der NSDAP ab 1930 nicht nach. Als ihm seine Gegner Intoleranz vorwarfen,machte Hitler eine Tugend daraus. Vor Zehntausenden begeisterten Zuhörern im Juli 1932 in Eberswalde in der Nähe von Berlin erwiderte er: „Wir sind intolerant. Ich habe mir ein Ziel gestellt, nämlich die 30 Parteien aus Deutschland hinauszufegen.“

Sollte heutzutage ein Politiker im Westen mit seiner Intoleranz prahlen oder ähnliche Gewaltausdrücke wie Hitler anwenden, würde das dem sofortigen politischen Selbstmord gleichkommen. Es war damals anders. Hitlers Popularität stieg unaufhaltsam auch unter den bürgerlichen Schichten, die gewöhnlich Wert auf Ruhe und Ordnung legten, obwohl die brutalen Straßenkämpfebeim Aufstieg der NSDAP schier zum politischen Alltag gehörten. Kein NS-Wähler konnte verkennen, dass Hitlers Partei geradezu von Gewalt lebte und dass Hitler selbst seine Politik unmittelbar auf Gewaltausübung baute. Es stellt sich daher die Frage, ob Hitlertrotz oder gerade wegen dieser Gewalt an Popularität gewann.

Hitlers Rhetorik klingt heute schockierend. Sein Aussehen, wenn alte Filmaufnahmen von ihm im Fernsehen vorkommen, wirkt sowohl komisch als auch abstoßend. Es fällt uns schwer zu verstehen, woran seine Faszination für die Massen damals lag, und besonders schwer ist einzusehen, dass die Gewalt, die er versprach und die seineBewegung schon hemmungslos ausübte, fürgroße Teile der deutschen Bevölkerung, dieja noch in einer liberalen Demokratie lebte, attraktiv war. Nicht für alle,gewiss. Hitler polarisierte mit seinem offen verkündeten Programm radikal die Meinungen in der Weimarer Republik. Auch damals fanden ihn viele in jeder Hinsicht abstoßend – und gefährlich. Bei freien Wahlen vor 1933 gewann Hitler bekanntlich nur ein gutes Drittel der Wähler. Aber nicht alle, die andere Parteien wählten, waren gegen alles, wofür er eintrat – einschließlich der versprochenen Gewaltmaßnahmen gegen politische und „rassische“ Feinde.

Wir müssen einen Gedankensprung machen, wollen wir uns in die damalige Mentalität versetzen. Politische Gewalt gibt es zwar heute noch in jedem Land. Aber in demokratischen Gesellschaften wird sie geächtet; sie geschieht am Rande des politischen Spektrums, nicht in der Mitte. Nur an den äußersten Extremen denkt man heute in unserer Gesellschaft, mit äußerster Gewalt gegen politische Gegner vorzugehen. Rassistische Einstellungen sind selbstverständlich verpönt. Ein großer kontinentaler Krieg istim heutigen Europa unvorstellbar. Die minimalen Ausgaben für Rüstung, verglichen mit den großen Ausgaben für soziale Wohlfahrt, zeigen, dass wir inzwischen von weitgehend militarisierten in echte Zivilgesellschaften verwandelt sind. Deswegen lässt sich die Attraktivität von Gewalt in der Zwischenkriegszeit in Deutschland – aber nicht nur dort – aus heutiger Sicht schwer verstehen. Und diese Gewalt war doch die Basis für die noch viel größere Gewalt, die während des Zweiten Weltkriegs von NS-Deutschland ausging und die zum Holocaust führte.

Auch damals war die Gewaltexplosionnach dem Ersten Weltkrieg für viele schockierend. Die Zeit vor dem Krieg erschien im Nachhinein idyllisch. In der Tat waren die Jahrzehnte vor dem Krieg innenpolitisch in West- und Zentraleuropa meist friedlich verlaufen, wobei die Gewalt vielfach in die Kolonien exportiert worden war und allenfallsauf dem Balkan und im russischen Reich zum Alltag gehörte. Der Ausgang des Ersten Weltkriegs brachte dann eine fundamentale Änderung, sowohl in demAusmaß der Gewaltanwendung als auch in der gesellschaftlichen Akzeptanz von Gewalt. Die massive Zunahme von Gewalt fand vornehmlich in den Verliererstaaten statt (oder in Staaten, wie Italien, die sich als Verlierer empfanden) und war gewissermaßen transnational, mit vielerlei Kontakten zwischen den Führern unterschiedlicher paramilitärischer Verbände. Sie war besonders in Ost- und Zentraleuropa ausgeprägt, wo der Krieg keineswegs mit dem Waffenstillstand vom November 1918 zu Ende ging und wo die Russische Revolution und der darauffolgende Bürgerkrieg nachhaltige Folgen hatten.

Die paramilitärische Gewalt war extrem brutal und in den ersten Nachkriegsjahren nicht nur im Baltikum, in der Ukraine und in Russland, sondern auch in Zentraleuropa, nicht zuletzt in Ungarn, Österreich und Deutschland, weit verbreitet. Rudolf Höß, der berüchtigte Kommandant von Auschwitz, erinnerte sich Jahrzehnte später an die Kämpfe im Baltikum: „Der Feind war überall. Und wo es zum Zusammenstoß kam,wurde es eine Metzelei bis zur restlosen Vernichtung. Unzählige Male sah ich die grauenhaften Bilder mit den ausgebrannten Hütten und den verkohlten oder angeschmorten Leichen von Frauen und Kindern.“

Solche paramilitärische Gewalt richtete sich vor allem und uneingeschränkt gegen Kommunisten und Juden, die häufig als identisch betrachtet wurden. Viele, die sich an furchtbaren Gräueltaten beteiligten, waren nachher sehr stolz darauf. Es war freilich zahlenmäßig eine kleine Minderheit der Gesamtbevölkerung, die sich hauptsächlich aus ehemaligen Offizieren und Soldaten bildete. Dennoch schufen der Erste Weltkrieg und die damit zusammenhängende RussischeRevolution ein neues Klima, in dem äußerste Gewalt gegen politische Gegner und auch gegen Juden für viele akzeptabel, sogar erwünscht war. Dazu half die einseitige Berichterstattung über den „roten Terror“, die in der rechtsextremen Presse tagtäglich zu lesen war.

In diesem Klima wuchs eine neue Generation auf, die Gewalt als legitimes politisches Mittel sah. Einige aus dieser neuenGeneration saugten in deutschen Schulenund Universitäten Werte auf, die eine rücksichtslose Zerschlagung von politischen sowie „rassischen“ Gegnern und deren Ausgrenzung von der „Volksgemeinschaft“ als Fundament hatten. Diese meist intelligenten,tüchtigen und aufstrebenden jungen Menschen bildeten später „die Generation des Unbedingten“ – das Führerkorps des Reichssicherheitshauptamtes, das die rassistische Säuberung in ganz Europa plante und die mörderischen Aktionen der Einsatzgruppen in der UdSSR ab 1941 leitete. Auch wenn die paramilitärische Gewalt in den unmittelbaren Nachkriegsjahren zwischen 1918 und 1923 bei der vorübergehenden Verbesserung der Wirtschaftslage stark nachließ, war die Saat gepflanzt. Der Keim des noch größeren späteren Unheils konnte auf fruchtbarem Boden weiter sprießen. In der Weltwirtschaftskrise ab 1930, bei der enormenSchwächung der liberalen und demokratischen Kräfte in fast ganz Europa, konnte der konterrevolutionäre Extremismus häufig die Oberhand gewinnen. Damit rückte die Gewalt in die Mitte des politischen Geschehens und wurde, solange sie sich gegen die im Bürgertum verhasste Linke und auch gegen die jüdische Minderheit richtete, von großen Teilen der Bevölkerung begrüßt.

In Deutschland war die Entwicklung besonders bedrohlich. Die Wirtschaftskrise in der wichtigsten Ökonomie Europas war tiefgreifender als anderswo; die liberale Demokratie brach zusammen; die konservativen Eliten erwiesen sich als geteilt und schwach; der Sieg der besonders radikalen Form des Faschismus war daher total. Von jetzt an gingdie Unterhöhlung von Rechtsnormen aus der NS-Herrschaft zwangsläufig hervor. Ein Prozess der kumulativen Radikalisierung setzte ein. Das Potenzial war vorhanden, die Gewalt in einer Phase der Machtkonsolidierung nichtnur, wie normal bei revolutionären Umwälzungen, gegen interne „Feinde“ zu verwenden, sondern sie auf Dauer zu etablieren, nach außen zu richten und daher innerhalbvon wenigen Jahren den Krieg erneut in ganz Europa zu entfesseln.

Der primäre Urheber dieses Krieges, Hitler, konnte bei seinem Aufstieg zur Macht von der zunehmenden Gewalt seiner Bewegung direkt profitieren. Bei der Bildung einer Massenbewegung spielte die Gewalt ohnehin eine äußerst bedeutende Rolle, wie eine Analyse von Hunderten Lebensläufen früher NS-Mitglieder deutlich zeigt. Tiefe Ressentiments gegenüber der Weimarer Demokratie (häufig als „jüdische Republik“ und „undeutsche Kultur“ gekennzeichnet), zusammen mit weitverbreitetem Antimarximus, der oft mit Antisemitismus verknüpft war, führten zu einer ausgesprochenen Gewaltbereitschaft, bei der das Feindbild oft aus völliger Entmenschlichung oder Dämonisierung entstand. Eine Mehrzahl der NS-Mitglieder war der Ansicht, dass ihre politischen Feinde allmächtig, Verräter, Untermenschen, Ungeziefer, Mörder wären und eine gegen Deutschland gerichtete Verschwörung bildeten. Bei einer solchen Mentalität war der Weg zur Entfesselung von grausamer Gewaltanwendung nur mehr ein kurzer.

Man kann freilich die Einstellung von frühen Aktivisten nicht unbedingt auf die Millionen von NS-Wählern vor 1933 und auf die weiteren Millionen, die Hitler bei seinen spektakulären Erfolgen in den Jahren nach der Machtübernahme zujubelten, gleich übertragen. Da es keine echten Meinungsumfragen gab, können wir über die tatsächliche Motivation von NS-Wählern keine konkreten Aussagen machen. Es ist aber kaum davon auszugehen, dass keinerlei Verbindung zwischen den Einstellungen von NS-Mitgliedern und von NS-Wählern bestand. Man müsste daher daraus folgern, dass in den Jahren 1930 bis 1933, als Hitler der weitaus populärste Parteiführer Deutschlands wurde, der Gewaltcharakter seiner Partei entweder ein positiver Faktor bei seinerwachsenden Anziehungskraft war oder dass die Gewalt zumindest niemanden davon abschreckte, die NSDAP zu wählen.

Solange die Gewalt sich gegen politische und „rassische“ Außenseiter richtete, war man, selbst in gutbürgerlichen Schichten, offensichtlich durchaus bereit, den Terror inKauf zu nehmen. Sobald allerdings die Gewaltnicht auf Gegner undunliebsame Minderheiten beschränkt bliebund die bürgerliche Ruhe und Ordnung störte, wurde sie unpopulär und kontraproduktiv. Daher erklärt sich,dass Hitlers Ansehen, allem Anschein nach, bedeutend anstieg, als er seine eigenen SA-Führer am 30. Juni 1934 ermorden ließ und die volle Verantwortung für das Massaker übernahm. Man sagte ihm nach, er wolle nur das Beste für das deutsche Volk und sei deswegen rücksichtlos gegen Missstände in der eigenen Bewegung vorgegangen. Wenn nicht alle Zeichen trügen, gewann Hitler an Popularität unmittelbar durch sein Bekenntnis zu politischem Mord.

In den darauffolgenden Jahren stieg mit dem wirtschaftlichen Aufschwung, und ganz besonders mit den spektakulären außenpolitischen Triumphen, Hitlers Popularität exorbitant in die Höhe. Die interne Gewalt ließ zwar in diesen Jahren – 1936/37 – einigermaßen nach. Beim „Anschluss“ Österreichs kehrte sie jedoch schlagartig zurück – sogar heftiger als in den Wochen nach der „Machtergreifung“ in Deutschland selbst. Gerhard Botz hat in seiner Studie über den Nationalsozialismus in Wien auf die Ausschreitungen gegen Juden, die Plünderung jüdischer Geschäfte, die Verhaftung Tausender politischer Gegner, vor allem aus der Linksopposition, und auf das Foltern und Töten in Konzentrationslagern bereits in den allerersten Tagen nach dem deutschen Einmarsch in Österreich hingewiesen. Alles wurde in Kauf genommen, wenn nicht ausdrücklich begrüßt, von Millionen Österreichern, die Hitler bei seinem Siegeszug nach Wien und in den Wochen danach zujubelten.

Auch in Österreich war Gewalt seit den Umwälzungen am Ende des Ersten Weltkrieges ein wesentlicher Bestandteil der innenpolitischen Entwicklung gewesen. Das beschränkte sich keineswegs auf die Nationalsozialisten. Eini-ge Führer der Heimwehr zum Beispiel hatten sich in den ersten Nachkriegsjahren an paramilitärischen Gräueltaten in Polen beteiligt. Die tiefen politischen Spaltungen in Österreich, die schließlich zum kurzen Bürgerkrieg, zur Unterdrückung der Sozialisten unter dem Dollfuß-Regime und zu wachsenden Auseinandersetzungen mit den Nationalsozialisten geführt hatten, bereiteten eine Atmosphäre vor, in der sich der Gewaltsturm unmittelbar nach dem „Anschluss“ entlud. Die weitgehende Akzeptanz – häufig sogar explizite Begrüßung – von extremer Gewalt gegen politische Gegner und gegen Juden hatte hier, so wie in Deutschland, tiefe Wurzeln.

Dass die Akzeptanz von offener Gewalt jedoch partielle Grenzen hatte, zeigte sich bei den reichsweiten Pogromen gegen die Juden am 9. und 10. November 1938, die in Wien ganz besonders schlimm waren. Die Gewaltaktion selbst stieß überall auf heftige Kritik, die allerdings mit dem Ziel des Pogroms, der Entfernung der Juden, übereinstimmte und die kaum aus menschlichen Gründen geäußert wurde, sondern vielmehr nur Entrüstung über die „wilde“ Zerstörung von Eigentum und Sachgütern zum Ausdruck brachte. In Wien zog man den Schluss,laut einem von Gerhard Botz zitierten Bericht des Gauwirtschaftsamtes, „dass Pogrome und Vandalismus nicht die Mittel sind, um die Judenfrage zu lösen, und dass Schändungen, Raub und Plünderungen in der Bevölkerung und in weiten Kreisen der Parteigenossenschaft nur Abscheu hervorgerufen haben“. Bezeichnend ist, dass Hitler, der, wie wir wissen, den Pogromen ausdrücklich zugestimmt hatte, sich nachher dazu nie äußerte und angesichts ihrer offenbaren Unpopularität keinerlei Verantwortung dafür übernahm.

Ab September 1939 wurde die Gewalt weitgehend exportiert und bald grenzenlos. Siegeseuphorie, verbunden mit antipolnischen Ressentiments, war nicht unbedingt dazu geeignet, Mitleid mit den unterjochten und misshandelten Polen zu erwecken. Die Bemerkung des US-amerikanischen Korrespondenten in Berlin, William Shirer, gegen Ende September 1939 ist sicher zutreffend: „Ichmuss den Deutschenerst noch finden, selbstunter denen, die das Regime nicht mögen“,schrieb er, „der irgendetwas schlecht findet an der Zerstörung Polens durch Deutschland. Solange die Deutschen erfolgreich bleiben und nicht zu viele Verluste erleiden, wird dies kein unpopulärer Krieg sein.“ Auch das zunehmende Unbehagen in kirchlichen Kreisen über die mörderische Aktion gegen unheilbare Geisteskranke war kein Hindernis für die Zustimmung zu Hitler, als der Triumphator nach dem glorreichen Sieg über Frankreich im Sommer 1940 nach Berlin zurückkehrte. Erst, wie Shirer geahnt hatte, der alarmierende Anstieg der deutschen Verluste in Russland bei der ersten großen militärischen Krise vor Moskau im Winter 1941 und die uferlose Ausweitung des Krieges, jetzt auch gegen die USA, brachten Einbrüche in Hitlers Popularität. Nach Stalingrad sank seine Beliebtheit deutlich ab. Nicht aber die Nachrichten, die von den durch deutsche Truppen begangenen Gräueltaten im Osten durchsickerten, haben Hitlers Popularität beeinträchtigt. Eindeutig ist die Aufzehrung seiner Popularität nicht auf die schreckliche Entgrenzung der Gewalt im Osten, sondern auf die Wende in der Kriegsgunst, auf die besorgniserregenden deutschen Verluste und auf das immer deutlicher werdende Unheil der unabwendbaren Katastrophe zurückzuführen.

Wenn die massive Eskalation der Gewalt im Osten zum Sinken von Hitlers Stern beitrug, war es wohl die zunehmende Angst vor feindlichen Repressalien nach einem verloren gegangenen Krieg. Man ahnte auch, ohne unbedingt konkrete Details zu wissen, was unter deutscher Herrschaft den Juden angetan wurde. Man hörte Gerüchte, aber auch mehr als Gerüchte. Man konnte den Erzählungen von Soldatenentnehmen, dass die Juden zu Abertausendenvon deutschen Truppen erschossen worden waren, auch wenn man von den Gaskammern weitweniger wusste. Obwohl der Massenmord an den Juden weitgehend verschwiegen wurde, kam es während der letzten Kriegsphase in der deutschen Bevölkerung häufig zu Bemerkungen über die kommende „Rache“ der Juden – selbst ein Indiz für die fortwährende Wirkung der NS-Propaganda. Die Erkenntnis wuchs, dass Hitler Deutschland einem schrecklichen Schicksal ausgeliefert hatte. Im Herbst 1944 wurde von einem SD-Abschnitt als allgemeine Meinung der Bevölkerung wiedergegeben: „Die Vorsehung hat beschlossen, das deutsche Volk zu vernichten, und Hitler ist der Vollstrecker dieses Willens.“

Man hat damit Einblick in eine in der letzten Kriegsphase und auch nach 1945 weitverbreitete Mentalität. Hitler wurde einstvon Millionen als Erlöserfigur bejubelt. Alles Positive im Dritten Reich hatte man auf das „Genie“ des Führers zurückgeführt. Mit der Katastrophe von 1945 kehrte sich dieses Ima- ge völlig um. Man schob nun jedes Unheil Hitler persönlich in die Schuhe. Man sah in Hitler allein die Ursache der Katastrophe, betrachtete ihn als die Verkörperung des Größenwahns, der durch Aggression, Krieg und Unterjochung von anderen Völkern das Deutsche Reich in eine Ruine verwandelt hatte. Es dauerte lange, bis man die Erkenntnis erlangte, dass die nach außen gerichtete Gewalt mit der Gewalt zu Hause eng verzahntwar. Viele, mit Blick auf die „guten Jahre“ des Dritten Reiches, meinten, Hitler habe zuerst Positives für Deutschland vollbracht, später aber einige „Fehler“ begangen – gemeint waren wohl Krieg und Holocaust. Noch lange nach dem Krieg betonte eine Mehrheit der Befragten wiederholt, der Nationalsozialismus sei ein gutes, nur schlecht ausgeführtes System gewesen – auf alle Fälle sei er demKommunismus vorzuziehen.

Das staatliche Gewaltmonopol kann unter Umständen heftige Gegengewalt hervorrufen. Dafür waren die chaotischen Zustände nach dem Ende des Ersten Weltkrieges ideal geeignet gewesen. Nach Hitlers Machtübernahme richtete sich dann die Gewalt nicht mehr gegen den Staat als Komponente eines „latenten Bürgerkrieges“. Von jetzt an übte der Staat selber die Gewalt in massiver Form als Unterdrückungsmittel aus. Die Extreme der Gewalt, die daraus hervorgingen, bilden, zusammen mit den Extremen der Gewalt in der Sowjetunion, ein schauderhaftes Merkmal des Zeitalters von Hitler und Stalin. Diese Zeiten gingen ab 1945 zu Ende und sind in Europa hoffentlich ein für alle Mal vorbei. Im sowjetischen Block dauerte eine erschreckende Staatsgewalt natürlich noch weiter an. Die Kriege und die ethnische Säuberung in den 1990er-Jahren im ehemaligen Jugoslawien zeigten uns weit darüber hinaus,dass die Gewalt auch in Europa noch das dünne Eis der Zivilisation durchbrechen undbei beträchtlichen Teilen der Bevölkerung durchaus populär werden kann. Die jetzige europäische Krise gibt uns allen weiteren Grund zum Nachdenken. Außerhalb von Europa gibt es ohnehin unzählige aktuelle Beispiele von der Attraktivität des Terrors. Es soll uns daher keineswegs überraschen, dass unter den ganz besonderen Bedingungen der Zwischenkriegszeit in Deutschland sowie in Österreich die für uns heute schockierende Anwendung von extremer nationalsozialistischer Gewalt äußerst attraktiv war undzu Hitlers lang anhaltender, immenser Popularität wesentlich beitrug. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.12.2011)