Kapitalbeschaffung: Europäische Banken wollen Beteiligungen abstoßen. "Die Banken machen große Versprechungen für nächstes Jahr, aber sie finden keine Käufer."
Wien/Bloomberg/Red. Europäische Banken haben Schwierigkeiten, Unternehmensteile und Tochterfirmen zu verkaufen. Aktiva im Wert von 32 Milliarden Dollar (24 Mrd. Euro), die für den Verkauf vorgesehen sind, finden keine Abnehmer. Dies könnte dazu führen, dass die europäischen Banken Unternehmensteile zu Ausverkaufspreisen veräußern müssen.
Kreditinstitute der Eurozone, wie die Deutsche Bank und die französische Société Générale, haben angekündigt, in den nächsten zwei Jahren Aktiva in der Höhe von einer Billion Euro verkaufen zu wollen, um ihr Kapital zu stärken. Berichten zufolge stehen derzeit mindestens 50 Sparten und Tochterfirmen europäischer Banken zum Verkauf. „Die Bewertungen für viele dieser zum Verkauf stehenden Aktiva werden aber gesenkt werden müssen“, sagt Eric Richard, Analyst bei der Credit Suisse. „Es gibt einen großen Rückstau.“
Bei einigen dieser Aktiva handelt es sich um wertvolle Tochtergesellschaften europäischer Banken in China und Osteuropa. Trotzdem schrecken potenzielle Käufer noch zurück. Der Grund: Die Unsicherheit über die Zukunft der Eurozone wächst und auch Investoren verfügen derzeit nur über begrenzte Finanzierungsmöglichkeiten. Aber vor allem, weil sie wissen, dass die Banken verkaufen müssen – wenn nötig auch mit Verlusten. Die europäischen Geldhäuser stehen unter großem Druck, da sie Abschreibungen auf Staatsanleihen vornehmen müssen. Dazu sind die Banken gezwungen, ihr Kapital um 115 Mrd. Euro aufzustocken, um die neuen Vorschriften der Europäischen Bankenaufsicht EBA zu erfüllen.
Insider berichten von konkreten Problemen beim Verkauf der Denizbank und der in Warschau angesiedelten Bank Millenium. Erstere ist die türkische Tochter der insolventen belgischen Großbank Dexia, Zweitere eine Sparte von Banco Comercial Portugues. In beiden Fällen dürften Bieter wieder abgesprungen sein. Die verzweifelte Lage mancher Institute lässt potenzielle Investoren auf Dumping-Preise hoffen. Für einige Banken könnte die Entfernung kapitalintensiver Sparten aus der Bilanz so wichtig sein, dass man die Nachteile eines Verkaufs zu Niedrigpreisen in Kauf nimmt. Auch staatliche Banken sind gewillt, mit Verlust zu verkaufen. So hat die dem Milliardär Richard Branson gehörende Virgin Money Holding im November die vom Staat gerettete britische Bank Northern Rock für 875 Millionen Euro erworben – rund 470 Mio. unter dem Betrag, den der Staat in die Bank investiert hat.
In Kontinentaleuropa ist die Lage noch düsterer: „Kaum ein Investor will in die Eurozone“, sagt UBS-Analyst Edouard de Vitry. „Interesse gibt es vor allem für die Auslandsaktivitäten der Eurobanken in Amerika und Asien.“ Santander, die größte spanische Bank, versucht ihr Kapital durch einen teilweisen Rückzug aus Südamerika zu stärken, wo sie derzeit noch 62 Prozent ihres Einkommens erwirtschaftet.
Potenzielle Bieter sind übervorsichtig
Verkaufsobjekte sind vor allem in den Sparten Vermögensverwaltung und Private Banking zu finden. Diese Sparten können aufgrund aufsichtsrechtlicher Vorschriften leichter auch von Nichtbanken übernommen werden. So hat die Deutsche Bank Verhandlungen mit Interessenten für ihre Vermögensverwaltung aufgenommen. Ein Verkauf der Sparte dürfte der Bank aber weniger als drei Mrd. Euro einbringen.
„Staatsfonds und Private-Equity-Gesellschaften können eine Rolle in der Vermögensverwaltung und im Private Banking spielen, aber eine Beteiligung im traditionellen Privatkundengeschäft dürfte wegen der rechtlichen Bestimmungen schwierig werden“, sagt Eric Richard von der Credit Suisse.
Zum Verkauf stehen dürfte auch der Termin-Broker Newedge, der den französischen Banken Société Générale und Crédit Agricole gehört. Allerdings steht mindestens ein Teil der Sparte, deren Wert früher mit rund zwei Mrd. Euro beziffert wurde, bereits seit einem Jahr zum Verkauf. Heute dürfte die Sparte nur noch 800 Mio. bis 1,2 Mrd. Euro wert sein.
„Die Banken machen große Versprechungen für nächstes Jahr, aber sie finden keine Käufer“, sagt Chris Wheeler, Analyst für die Finanzbranche bei Mediobanca in London. „Welcher CEO würde in diesen Tagen mit Fusionen und Übernahmen Lorbeeren einheimsen? Die verpassen vielleicht fantastische Gelegenheiten. Aber heute geht es vor allem darum, vorsichtig zu sein.“
Auf einen Blick
Die europäischen Großbanken brauchen dringend mehr Kapital. Mindestens 115 Milliarden Euro, um den Anforderungen der europäischen Bankenaufsicht gerecht zu werden – wahrscheinlich aber noch viel mehr. Deswegen wollen die Institute in den kommenden zwei Jahren Beteiligungen und Tochterfirmen im Wert von einer Billion Euro verkaufen. Aber potenzielle Investoren sind sehr vorsichtig und greifen derzeit nur zu Dumping-Preisen zu – wenn überhaupt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.12.2011)