Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

KZ-Überlebender: 106 Jahre ungebrochener Wille

KZueberlebender Jahre ungebrochener Wille
Symbolbild KZ Buchenwald(c) AP
  • Drucken

Leopold Engleitner ist 106 Jahre alt und gilt als der älteste KZ-Überlebende der Welt. Lange wollte die Öffentlichkeit nichts von seiner Geschichte wissen. Heute tourt er durch Schulklassen.

Wenn Sie sich weigern, Kriegsdienst zu leisten, stehen Sie mit beiden Füßen im Grab“, fährt Leopold Engleitner 1939 ein Richter an, vor dem er sich wegen der Nichtbeachtung seines Einberufungsbefehls zu verantworten hat. „Und was ist an der Front?“, fragt Engleitner keck zurück. Die Provokation führt zur Verurteilung und Überstellung ins Konzentrationslager Buchenwald. Block 44, dreistöckige Holzbetten, 400Mithäftlinge, die wie Engleitner Zeugen Jehovas, damals „Bibelforscher“ genannt, sind.

Ebendort, ein paar Monate später: Nachdem Engleitner vom Bunkeraufseher brutal niedergeschlagen worden ist, hält dieser ihm seine Pistole an die Schläfe: „Ich drücke jetzt ab. Bist du gefasst?“, schreit er den Häftling an. „Ja, ich bin gefasst“, antwortet Engleitner. Der Aufseher senkt fassungslos die Pistole. Auch der Todesspritze, die ihm kurz danach nach einem Schwächeanfall droht, entkommt Engleitner im letzten Moment. „Ich hab damals meine letzten Kräfte zusammengenommen“, erinnert sich der gebürtige Salzburger.

Seine Stimme ist brüchig geworden, Hörapparate unterstützen die müden Ohren, die glasigen blauen Augen funkeln aber ungebrochen listig. „I bin a lustiger Bua“, sagt Engleitner später: „Zum Sterben hab i ka Zeit.“ Seit 106 Jahren nicht. Der am 23.Juli 1905 in Strobl am Wolfgangsee geborene Salzburger gilt heute als ältester KZ-Überlebender der Welt.

Noch immer tourt der Mann, der vor einhundert Jahren (!) in Bad Ischl eingeschult wurde, durch heimische Schulen, um den Jugendlichen von seinem unglaublichen Leben zu erzählen. Auch in den USA war er zwischen 2004 und 2009 dreimal auf Vortragstouren unterwegs. Engleitner sprach unter anderem an den Eliteuniversitäten Harvard, Stanford und Columbia sowie an verschiedenen Holocaust-Erinnerungsstätten in den USA und war auch schon nach Moskau eingeladen.

Seine von Bernhard Rammerstorfer verfasste Biografie „Ungebrochener Wille“ ist unter anderem in Englisch, Russisch und Französisch erschienen und wurde in überarbeiteter Version im vergangenen Oktober auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert. Ein Buch gegen das Vergessen. Eine Geschichte, die lange nicht gehört werden wollte. „Anfangs haben wir von Schulen nicht einmal eine Antwort bekommen“, erinnert sich Rammerstorfer. Mittlerweile hat das Duo für Vorträge insgesamt 130.000Kilometer zurückgelegt.

Lange braucht es nie, bis der kleine Mann mit der großen Lebensgeschichte die Jugendlichen in den Turnsälen, Mehrzwecksälen oder Aulen der besuchten Schulen in seinen Bann zieht. Es sind Namen, Episoden und Ereignisse, die die Schüler sonst nur aus ihren Geschichtsbüchern kennen. „Kaiser Franz Josef war ein schlechter Monarch, aber ein guter Jäger“, erinnert sich Engleitner an die Gamsjagden des Habsburgers. Ausschnitte von einem Hans-Moser-Film werden gezeigt, bei dem Engleitner als Statist mit dabei war. Ob er auch Adolf Hitler einmal gesehen habe, will ein Schüler wissen: „Nein, ich war aber auch nicht neugierig drauf“, kommt die trockene Antwort. Hass scheint bei Engleitner keine Denkkategorie zu sein, viel eher Genugtuung, es mit Grundsatztreue geschafft zu haben. „Die Nazis haben uns ja gedroht, dass wir niemals lebend aus dem KZ rauskommen werden, wenn wir unsere Einstellung nicht ändern.“ Eine Unterschrift hätte genügt. Engleitner hätte für seine Freilassung aus dem KZ Niederhagen nur eine Erklärung unterzeichnen müssen, dass er seinem Glauben abschwöre. Schutzhäftling Nummer 46 unterschreibt aber nicht. „Dann wirst du durch den Kamin gehen“, droht der Kommandant.

Soweit kommt es zwar nicht, aber die Tortur geht weiter. Im April 1943 wird Engleitner ins KZ Ravensbrück überstellt. Das dritte Lager binnen fünf Jahren und Endstation eines unglaublichen Martyriums. Denn im Sommer 1943 wird Engleitner dann doch aus dem KZ entlassen. Auf 28Kilo abgemagert, am ganzen Körper von Geschwüren befallen, kehrt er ins heimatliche Salzkammergut zurück. Einem Einberufungsbefehl in den letzten Kriegstagen entgeht er durch eine waghalsige Flucht ins Gebirge, wo er sich unter anderem in einer Höhle vor den Nazi-Spähtrupps versteckt. Engleitner trotzt auch in dieser Situation durch Mut und aus Überzeugung dem Schicksal sein Überleben ab. Als 102-Jähriger wird er dafür von den Bundespräsidenten Österreichs und Deutschlands mit hohen Verdienstorden ausgezeichnet.

Stolz? Ja, aber das Interesse der Schüler an seinem Leben scheint ihm mehr Freude zu machen. In Sachen Aufklärung hat Engleitners Biograf Rammerstorfer soeben ein Folgeprojekt abgeschlossen: Eine DVD, auf der neben Engleitner auch Kärntner Slowenen zu Wort kommen sowie Menschen, die im Auftrag der Nazis gefälscht haben oder sogenannte „Doppelverfolgte“ waren. Letztere standen sowohl im NS-Regime als auch später in der ehemaligen DDR als politisches Feindbild im Visier der Machthaber.

Glaubensfrage

Leopold Engleitner tritt 1932 aus der katholischen Kirche aus und lässt sich als Zeuge Jehovas taufen, die von den Nazis als „Bibelforscher“ verfolgt werden. Engleitner kommt ins Konzentrationslager.

Vortragstouren. 130.000 Kilometer ist Engleitner in den letzten Jahren für Vorträge über sein Leben durch die Welt gereist. Seine Biografie „Ungebrochener Wille“ ist in drei Sprachen erschienen. Klaus Höfler

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.12.2011)