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Die Sexschule der Industriellenvereinigung

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Die Falschmeldungen über das fehlerhafte Kafka-Schulbuch und die Sexschule waren politische Aktionen.

KULISSEN–GESPRÄCHE. Grubenhund nennen es Journalisten. Hoax heißt es neudeutsch: Man erfindet eine Geschichte und jubelt sie den Medien unter, die sie im Idealfall groß bringen und begeistert für bare Münze nehmen. So geschehen beim Fall einer angeblichen neuen Sexschule in Wien und davor bei einem mit Rechtschreibfehlern gespickten Kafka-Buch, das im österreichischen Schulunterricht verwendet werden soll. Normalerweise steht eine künstlerische Gruppe hinter solchen Aktionen – im konkreten Fall war es die Industriellenvereinigung (IV), konkret die Jugendorganisation „Junge Industrie“. IV-Generalsekretär Christoph Neumayer will zur Aktion aber nichts sagen.

In beiden Fällen berichteten viele österreichische Medien groß mit mehr oder weniger deutlicher Empörung über die hunderten fehlerhaften Bücher und die esoterisch angehauchte Schule namens Aisos. Von der gab es nur eine Homepage und eine Aussendung, in der „Schulleiterin Ylva-Maria Thompson“am 28. November mitteilte: „Ich bin unendlich stolz und glücklich, Ihnen die Eröffnung Europas erster Sex-Schule ankündigen zu dürfen.“ Der Start war mit 14. Dezember angekündigt. Knapp davor wurde der Fake mittels Aussendung geklärt, den davor hatte „Die Presse“ aufgedeckt.

Hinter den Aktionen stehe die Gruppe „The Birdbase“.Als Erklärung hieß es: Mit dem Fehler-Buch habe man auf die Schwächen in Österreichs Schulen hinweisen wollen, mit der Sexschule auf das Thema Pensionen – also dass ohne Sex kein Nachwuchs und ohne Nachwuchs kein Pensionsbeitragszahler möglich seien. Hinter „The Birdbase“ steht die „Junge Industrie“, die mit der Abwicklung der Aktion eine skandinavische Agentur betraut hat: Mit der Aktion wollte die Organisation mit dem Vorurteil aufräumen, dass sich Junge politisch zahm verhielten und keine Ideen hätten, auf ein Thema mit wenig Mitteln aufmerksam zu machen. Wie heißt es auf der Birdbase-Facebook-Site: „Egal, ob du uns liebst oder hasst, mach den Mund auf!“

 

E-Mails an: rainer.nowak@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.12.2011)