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"Der Islam wird nach den Revolutionen einfach sichtbar"

(c) AP (Hasan Jamali)
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Die Politologin Krämer über den Aufstieg islamistischer Parteien: "In dem Moment, in dem politische Systeme demokratischer werden, treten die realen Verhältnisse deutlicher hervor als zuvor."

Die Presse: Die Umbrüche im arabischen Raum sorgten in Europa zunächst für Euphorie. Mittlerweile geht das Gespenst Islamismus um – fast so, als hätten die arabischen Autokraten recht gehabt, als sie sagten: Wir oder die Islamisten.

Gudrun Krämer: Es gibt in diesen Ländern eine Strömung, die an einer offenen Gesellschaft orientiert ist. Zugleich herrscht in der Bevölkerung eine starke islamische Grundströmung. Die kann sich so äußern, dass Menschen sich ausgesprochen stark als Muslime fühlen. Sie kann aber auch bedeuten, dass Menschen den Islam als gesellschaftspolitisches Programm verstehen. Die Islamisten, die dafür einstehen, waren auf den Demonstrationen zu Jahresbeginn kaum zu sehen. Nun sind sie aber in den Vordergrund getreten und werden das Geschehen mitbestimmen. Die überwiegende Mehrheit der Islamisten, die sich jetzt einbringen, sind aber nicht die militanten Untergrundkämpfer, vor denen die alten Regimes gewarnt haben. Man kann nicht die Wahlerfolge von Islamisten in Tunesien und Ägypten zum Anlass nehmen, um nostalgisch auf die alten Regimes zu blicken.

Eine dieser islamistischen Parteien hat in Tunesien die Wahlen gewonnen. Wie bewerten Sie diese Partei?

Die Ennahda-Partei in Tunesien ist seit den Achtzigerjahren eine vergleichsweise moderate Strömung innerhalb der islamistischen Großbewegung. Sie propagiert keine Gewalt, tritt in Hinblick auf die politische Ordnung, das Geschlechterverhältnis und Anwendung der Scharia (islamisches Recht) zurückhaltend auf und redet einer demokratischen parlamentarischen Ordnung das Wort. Sie befindet sich an einem Ende des großen politischen Spektrums der Islamisten. Am anderen Ende sind die Salafisten. Beide stehen einander sehr kritisch gegenüber.

In den ersten Durchgängen der Parlamentswahl in Ägypten schnitten nicht nur die Muslimbrüder wie erwartet sehr gut ab, sondern überraschenderweise eben auch die Salafisten.

Die Muslimbruderschaft hat starken Rückhalt, weil sie auch jenseits der Politik operiert. Sie ist in Moscheen aber auch immer als wohltätige Organisation aufgetreten. Dadurch hat sie eine Präsenz, die andere, rein politisch orientierte Kräfte nicht haben. Sie ist aber auch in sich zersplittert. Einige jüngere Männer und Frauen wollen einen moderneren Islam in einer modernisierten Gesellschaft durchsetzen. Dass auch die Salafisten so gut abgeschnitten haben, ist tatsächlich erstaunlich. Wie viel dabei auf ihre Überzeugungskraft zurückzuführen ist, und wie viel auf die materielle Unterstützung durch Saudiarabien, kann man nicht genau sagen.

Was bedeuten diese Entwicklungen für religiöse Minderheiten?

Für die Kopten in Ägypten ist diese stärkere Betonung des Islam Anlass zur Sorge. Immer wenn davon die Rede ist, dass die Scharia eine Rolle in Gesetzgebung und Rechtsprechung spielen sollte, sind Kopten beunruhigt. Weil sie befürchten, dass sie dann bestimmter Rechte beraubt werden. Und wenn wir eine klassische Interpretation der Scharia zugrunde legen, dann ist das auch so. Nun argumentieren die Muslimbrüder, die in der ursprünglichen Scharia angelegten Sonderkonditionen für Nichtmuslime, etwa Kopfsteuer, seien heute nicht mehr relevant, weil man in einem modernen Nationalstaat lebe und alle die gleichen Bürgerrechte genössen. Aber die Angriffe auf Kopten in den vergangenen Monaten, die den radikalen Islamisten angelastet werden, säen natürlich Angst.

Bedeuten diese Umbrüche in der Region eine Reislamisierung?

In dem Moment, in dem Gesellschaften sich öffnen und politische Systeme demokratischer werden, treten die realen Verhältnisse deutlicher hervor als zuvor. In den Gesellschaften, in denen der Islam eine wichtige Rolle gespielt hat, wird er einfach sichtbarer. Ich glaube nicht, dass man das mit einer Islamisierung gleichsetzen sollte, sondern nur mit einer Sichtbarmachung bestimmter Tendenzen. Es gibt in all diesen Gesellschaften auch Kräfte, die gegen eine Islamisierung auftreten. Wenn sich diese Gesellschaften ernsthaft demokratisieren, werden diese Kräfte dann auch mehr Möglichkeiten erhalten, sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Wird sich durch das stärkere Zutagetreten islamistischer Parteien das Verhältnis dieser Länder zu Israel ändern?

Das Verhältnis wird sich auf alle Fälle ändern, aber nicht nur wegen der Islamisten. Generell ist die Bevölkerung Ägyptens Israel gegenüber kritisch. Das gilt für Liberale, Nationalisten und Säkularisten genauso wie für Islamisten. Da darf man sich keine Illusionen machen. Sie alle kritisieren die Politik Israels heftig und treten dafür ein, dass sich der ägyptische Staat viel unnachgiebiger gegenüber israelischen Forderungen stellt. Und sie unterstützen die Palästinenser. Die Demokratisierung Ägyptens sorgt dafür, dass diese kritischen Stimmen gegenüber Israel deutlicher hörbar werden, und das wird sich sicher stärker als bisher in Politik umsetzen. In Tunesien gibt es auch eine solche Grundströmung. Aber Tunesien ist schon rein geografisch weniger in den Konflikt eingebunden.

Ich habe im Februar auf dem Tahrir-Platz eine junge Frau getroffen, die sich augenzwinkernd als kosmopolitische Islamistin bezeichnet hat. Sie war religiös, trat zugleich für Religionsfreiheit ein, studierte Gentechnik und liebte Romane von H. G. Wells. Ist diese Verbindung von Westlichem und Religion typisch für eine neue Generation?

Durchaus. Dieses Nebeneinander von Weltgewandtheit und breitem Wissen über andere Gesellschaften auf der einen und einem starken Bekenntnis zum Islam auf der anderen Seite, ist für eine bestimmte Schicht kennzeichnend – eine städtische privilegierte Schicht. Dazu kommt das Bestreben, einen eigenen Weg zu gehen und nicht einfach nur – wie es früher hieß – Papagei des Westens zu sein. Dieser Weg ist dann in vielen Fällen islamisch geprägt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.12.2011)

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