Das Coupé ist eine Insel der Kunstsinnigkeit inmitten bizarrer Automoden. Umso mehr, wenn ein Benzinmotor mit Verve und Manieren zu Werke geht, wie im Mercedes C350 Coupé.
Mercedes hat einen Lauf. Nicht nur, dass die Geschäfte glänzend laufen. Die Welt (wiewohl mit Einschränkungen) schreit nach teuren Autos, und auf dem Gebiet hat man ja durchaus einen Namen. Der globale Absatzrekord in diesem Jahr sollte gut darüber hinwegtrösten, dass man beim Überdrüber-Ableger Maybach die Pforten schließt. Für die Superreichen wird künftig ein Stern reichen müssen.
Ende der Biederkeit
Das trifft die Marke in einem günstigen Augenblick. Denn vor allem hat Mercedes sein gesamtes Portfolio radikal erneuert, verjüngt, dynamisiert. Die Designabteilung hat den Biederkeitswettbewerb eingestellt, das Ergebnis ist nicht zu übersehen. Noch vor Kurzem gab es Modelle, die richtig ekelhaft aussahen oder komplette Schnarchnasen waren. Oder beides. Designchef Gorden Wagener, der mit gerade einmal 39 Jahren sein Amt angetreten hat, kann man vielleicht den Vorwurf machen, Effekten nicht ganz abgeneigt zu sein. Aber das kommt gut an. Wagener hat der Marke wieder etwas verpasst, was man Glamour oder auch Dramatik nennen kann, und zwar quer durch alle Baureihen. Ja, sogar in der B-Klasse kann man sich neuerdings zeigen.
Eindeutiger als bei der aktuellen C-Klasse, die toll aussieht und fantastisch zu fahren ist, lässt sich der Wandel aber nicht darstellen. Die vorherigen C-Generationen – ein Jammerdesign, niemals werden daraus Klassiker wie noch der 190E als Begründer der Baureihe.
Folgerichtig ist die Klasse mit dem schönsten Coupé der Marke geadelt worden. Schön, dass man nicht ganz auf den Vorgänger CLK vergessen hat, der vor allem in erster Generation eine Heckpartie ausführte, der man heute noch gern nachschaut.
Wir hatten mit ansprechender Motorisierung das Vergnügen, dem einzigen Sechszylinder, der für das Coupé zu haben ist. Ein frei saugender Motor gehört in dieser Leistungsklasse schon zu den bedrohten Tierarten. Auch hier wird bald ein Turbo am Werk sein, und vielleicht tut es dann auch weniger Hubraum als jene 3,5 Liter, die in der Modellbezeichnung schon angekündigt sind. Wo alle Welt derb dieselt, ist ein solcher Motor ein regelrechtes Kulturereignis. Ist der V6 beim Rangieren so gut wie lautlos, mischt die Auspuffanlage in Fahrt einen angenehmen Grundton bei, mit etwas Drehzahl knurrt es schon vernehmlicher. An der Ampel fällt der Drehzahlmesser dank Start-Stopp-Automatik ab. Geschmeidiges, federleichtes Wiederanwerfen, das (und anderes) ist mit Diesel nicht zu haben.
Bei Mercedes bleibt es auch mit einem Sportpaket, das eine Tieferlegung beinhaltet, noch schön komfortabel. Ein Grund dafür sind Stoßdämpfer, die in etwa erkennen können, ob es den Fahrer gerade juckt, und die ihre Dämpferkräfte blitzartig variieren können. Es passt zum erwachsenen Charakter des Autos, dass man eine Sporttaste dagegen vergeblich sucht. Das ist eine andere Philosophie, als sie BMW mit dem „Fahrerlebnisschalter“ vertritt. Derlei haftet immer etwas Kindisches an. Sportlich wird es im C Coupé, sobald die Straße leer ist, der Fahrer fester aufs Gas steigt und entschlossener am Lenkrad dreht. Die übrige Zeit ist man eine angenehme Erscheinung für alle Straßenbenutzer.
Das schließt den Fahrer ausdrücklich ein, der einem Cockpit vorsitzt, das an Funktionalität ebenso wie an Stilsicherheit kaum zu übertreffen ist. Im Grunde ist das C Coupé in allen Belangen gelungener als das teurere Coupé der E-Klasse. Welch volksnaher Zug von Mercedes.
Auf einen Blick
Mercedes C350 Coupé
Maße: L/B/H: 4590/1770/1406 mm. Radstand:2760 mm. Gewicht: 1615 kg. Kofferraumvolumen: 450 l.Wendekreis: 10,84 m.
Motor: V6-Zylinder, 3498 cm. 225 kW (306 PS) bei 6500 U/min, 370 Nm ab 3500 U/min. 0–100 km/h in 6,0 sec. Vmax 250 km/h.
7-Gang-Automatik. Heckantrieb. Start-Stopp-Automatik.
CO: max 164 g/km lt. Norm.
Testverbrauch 11,0 l/100 km.
Preis: ab 53.800 Euro.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.12.2011)