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Das kollektive Defraudantentum Europas und seine geistigen Väter

Vor uns liegt vermutlich ein Jahrzehnt, in dem wir deutlich mehr arbeiten und deutlich weniger konsumieren werden, um die Spuren der Schuldenparty der letzten Jahrzehnte zu beseitigen.

Die Europäer, behauptete jüngst der schottische Historiker Niall Ferguson, seien heute „die Faulpelze der Welt. Im Durchschnitt arbeiten sie weniger als die Amerikaner und viel weniger als die Asiaten.“ Weltweit wirklich führend, feixt der Professor, seien die Europäer bloß bei der jährlichen Anzahl der durch Streik unproduktiv gemachten Tage; die Zahlen geben Ferguson recht.

Warum Europas Wohlstand – oder besser gesagt: scheinbarer Wohlstand – trotz dieser latenten Neigung zur Minderleistung bisher auf ziemlich hohem Niveau verharrt ist, beschreibt der tschechische Außenminister Karl Schwarzenberg in der Hamburger „Zeit“: „Die Politiker in Europa haben über Generationen mehr Geld ausgegeben, als sie eingenommen haben. Politiker haben vor Wahlen Zuckerln verteilt. Dass diese bezahlt werden müssen, haben wir geflissentlich vergessen.“ Schwarzenberg nennt das korrekt den „moralischen Urgrund der Krise“. (So einen Politiker hätte man gern in diesem Lande, nebenbei.)

Legt man die Analysen Schwarzenbergs und Fergusons nebeneinander, wird gut sichtbar, was Europa krankgemacht hat: Die Europäer fressen zu viel und arbeiten zu wenig, die Differenz zwischen dem (niedrigeren) erarbeiteten und dem (höheren) konsumierten Wohlstand nehmen sie Jahr für Jahr als Kredit bei ihren Gläubigern auf, in der stillen Hoffnung, ihre Kinder würden dereinst die von den Eltern hinterlassenen Rechnungen begleichen. Deutsche weniger, Griechen oder Österreicher mehr, aber die Tendenz ist europaweit die gleiche.

Den intellektuellen Unterbau für dieses kollektive Defraudantentum haben seit den 1960er-Jahren die Sozialdemokraten in allen Parteien, Vulgär-Keynesianer, christlich-soziale Umverteilungspolitiker, rechte „Kleine-Leute-Versteher“ und all die anderen Architekten des feisten Wohlfahrtsstaates auf anderer Leute Rechnung gelegt. Die zentralen Dogmen dieser ökonomischen Voodoo-Lehre: Weniger Arbeit schafft Wohlstand, Konsum auf Pump schafft Wohlstand, der Staat schafft Wohlstand. Und notfalls bedrucken wir halt Papierzettel bunt („Geld“), und alles wird gut.

Geglaubt wurde und wird dieser Unfug so gern, weil er das kollektive Defraudantentum zur staatspolitischen Tugend umdefiniert hat und damit die Faulpelze und Schuldenjunkies zur ökonomischen Avantgarde erhebt. Konsum auf Pump als moralisch hochwertiger Dienst an der Allgemeinheit – da glüht die Kreditkarte doch gleich viel unbeschwerter.

Was derzeit unter dem irreführenden Titel „Eurokrise“ zu besichtigen ist, das ist nicht weniger als der Kollaps dieser schon ein halbes Jahrhundert vorherrschenden Ideologie der Verantwortungsentsorgung in das Endlager „Zukunft“. Es wird noch viel Vermögen und Erspartes vernichtet werden unter den Trümmern dieses politischen Lügengebäudes, doch am Ende dieses Zusammenbruchs wird wenigstens eine gute Nachricht stehen: die vom Ableben des bisherigen Wohlfahrtsstaates nach Schuldenmacherart. Nicht aus Einsicht der Politiker, sondern schlicht mangels Kredits. Und das ist gut so.

Es wird vermutlich ein Jahrzehnt oder länger dauern, bis die Spuren der Schuldenparty und des grassierenden Morbus Faulpelz in Europa getilgt werden können. Es wird ein Jahrzehnt sein, in dem mehr gearbeitet und weniger konsumiert werden wird – eine Zeit des Sparens und des Verzichts.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.12.2011)