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Religiös bis zur Raserei

Getrommel und verdrehte Augen? Stephen Prothero vergleicht die neun wichtigsten Konkurrenten auf den Märkten der Sinngebung. Rolf Schieder wiederum registriert ein merkwürdiges „Kulturkampfgetöse“ in Mitteleuropa. Er fragt: „Sind Religionen gefährlich?“

Die Entdeckung einer bisher unbekannten „Weltreligion“ ist bis dato kaum bemerkt, geschweige denn gewürdigt worden. Wer hat schon etwas vom Joruba (englisch Yoruba) gehört? Der Religionswissenschaftler Stephen Prothero (Boston University) hat dem Phänomen ein informatives Kapitel in seinem kürzlich erschienenen Band über die neun wichtigsten Konkurrenten auf den Märkten der Sinngebung gewidmet und geschrieben: Die Joruba-Religion ist nicht nur groß, was die Zahl ihrer Anhänger und ihre geografische Verbreitung betrifft, sondern auch groß im Sinne von altehrwürdig und bewunderungswürdig.

An die 100 Millionen sollen es sein, die in Westafrika, Brasilien, auf Kuba, Haiti und Trinidad einen Joruba-Geistlichen aufsuchen, eventuell nach der Sonntagsmesse, wenn die Ehe wackelt oder das Geld knapp wird. Dann werden Palmnüsse oder Kaurimuscheln geworfen, bis die richtige Antwort kommt oder auch nicht. Die beteiligten Gottheiten bevorzugen Suppenschüsseln als Kraftorte, zumindest in Wien-Kagran, wo ich Gast eines Santeria-Priesters war, der hauptberuflich bei der UNO arbeitete.

Santeria (auf Kuba) ist eine der vielen Bezeichnungen für die afroamerikanischen Religionen, wie sie meist genannt werden. Stephen Prothero zeigt sich entschlossen, sie alle unter einen Hut zu bringen, mit Hinweis auf das Volk der Joruba in Nigeria, Benin, Togo und Sierra Leone. In der Neuzeit wurden Millionen von Joruba als Sklaven in die Neue Welt verkauft und waren intelligent genug, ihre Frömmigkeit mit dem Taufwasser anzufreunden und zum Beispiel das christliche Abendmahl als hochwirksames Voodoo mitzufeiern – was religionsgeschichtlich gesehen gar keine schlechte Idee ist.

Für Prothero ist die Joruba-Religion ein buntes, dennoch überblickbares Ensemble unterschiedlicher Verrichtungen und Überzeugungen, das einen gemeinsamen Nenner hat, nämlich die Auffassung, dass die Probleme der Menschen in der Trennung von ihrer Bestimmung zu suchen sind. Diesen Allgemeinplatz reichert Prothero durch Aufzählung und Erklärung von beschwörenden Kraftwörtern in der Joruba-Sprache an, die den Kontakt mit den Energiefeldern erleichtert, die der Mensch zum Leben braucht.

Die Joruba-Religion, meint Prothero, ist nicht einfach ein System der Kommunikation und des Austausches zwischen den menschlichen und den göttlichen Bereichen; sie ist darüber hinaus eine „Landkarte“ zu jedem Gipfel- oder Tiefpunkt der Alltagserfahrung, ein System von Zeichen und Wundern, das auch nebensächlichen Vorfällen Bedeutung verleihen kann.

Zum Kartenlesen werden jene Experten benötigt, die bei Bedarf aufgesucht werden. Sie können schädliche Einwirkungen lokalisieren, nutzbringende Reserven aktivieren, indem sie ihre Klientel darüber aufklären, was der Fall ist. Als Honorar wird eine Wassermelone angeboten, vielleicht auch ein Huhn oder eventuell ein Schafbock, je nach Schwierigkeitsgrad des Problems.

Die körpersprachlichen Kompetenzen der afroamerikanischen Sinnstiftungen streift Prothero leider nur am Rande, obwohl sie für jeden Touristen zugänglich sind, der einmal nach Brasilien gekommen ist und sich für Getrommel und verdrehte Augen interessiert. Was den eintönigen Gottesdiensten in Europa abgeht, ist in Salvador da Bahia ein Muss für das Abendprogramm. Dann fahren die Touristen nach Hause; auch Prothero wandert weiter. Er ist Religionswissenschaftler geworden, nachdem er den Glauben seiner christlichen Jugend verloren hatte. In der Einleitung zu seinem Buch bemerkt er, die heutige Welt sei religiös „bis zur Raserei“, mit Ausnahme allenfalls Westeuropas. Tausende Briefe und E-Mails hätten ihn erreicht, erzählt Prothero, in denen der Wunsch nach Allgemeinbildung in Religionsfragen laut wurde.

Also Religionsunterricht, allerdings nicht (wie in Österreich) als Unterweisung in einer bereits vorhandenen Konfession, sondern als Führung durch die auffälligsten Glaubensgebäude im Welterbe. Bei der Auswahl der Religionen für dieses Buch, so Prothero, unterlag ich selbstverständlich dem Einfluss meiner eigenen Befangenheiten. Damit wird eingeräumt, dass ein vollkommen irreligiöser Religionskundler einem vollkommen unmusikalischen Musikpädagogen gliche. Manche Religionswissenschaftler sind religiös, meint Prothero, aber der Beruf stellt keine Anforderungen an den Glauben; gleichwohl lassen Religionswissenschaftler ihre theologischen Vorlieben oft in ihre Arbeit einfließen.

Übrigens täten das auch rabiate Gottesleugner. So steht es im Kapitel über die letzte Weltreligion Protheros, nämlich den Atheismus. Er kommt nach den bekannten Hauptreligionen an die Reihe, dem Islam, dem Christentum, dem Konfuzianismus, dem Hinduismus, dem Buddhismus, dem Judentum, dem Daoismus. Den Atheismus nennt Prothero den „Weg der Vernunft“, was fast schelmisch wirkt, nach einem Seitenblick auf Papst BenediktXVI., der keine Gelegenheit auslässt, klares Denken in Ehren zu halten.

Prothero weiß, dass die Vernunftreligion des 18.Jahrhunderts Moos angesetzt hat. Er widmet sich daher lieber den sogenannten Hellköpfen (brights), die neuerdings im Internet räsonieren, mit Richard Dawkins („Der Gotteswahn“ 2008) als Oberkirchenrat. Als Religionsträger würde sich Dawkins freilich ungern bezeichnen lassen, weil er in seinem Bestseller die Weltreligionen mit Seuchen vergleicht, die der Menschheit das Hirn vernebeln, wie das Attentat auf die Zwillingstürme in New York gezeigt hätte.

Die Wortwahlen der atheistischen Hellköpfe erinnern Prothero an den Kampfgeist der Prediger im tiefen Süden der Vereinigten Staaten, wo die Fundis zu Hause sind. Fundis und Cowboys leben in einer manichäischen Welt, schreibt Prothero eher süffisant, in der die Mächte des Lichts in einer großen apokalyptischen Schlacht gegen die Mächte der Finsternis verstrickt sind. In den Köpfen der „Kahlschlagatheisten“ ginge es ähnlich zu.

Ist Prothero in einem Narrenturm gelandet? Mit dem Schreiben über Religion zerstört man Träume, hat er in der Einleitung bemerkt. Auch seine eigenen?

Es ist unmöglich, sich einen Spezialisten der Religionsgeschichte beim Gebet vorzustellen, schrieb E.M. Cioran über seinen Freund Mircea Eliade. Wenn er tatsächlich betet, dann widerspricht er sich selbst, schadet seinen Abhandlungen, in denen es keinen wahren Gott gibt, weil alle Götter als gleichwertig behandelt werden. Eliade (gestorben 1986) gilt als letzter Vertreter seines Fachs, der sich auch in dessen entlegensten Bereichen auskannte. Cioran (gestorben 1995), skeptischer Literat vom Feinsten, notierte: Wir alle, und Eliade als Erster, sind Möchtegern-Gläubige, religiöse Geister ohne Religion.

Dem strukturellen Zynismus seiner Tätigkeit („ein wirklich sonderbarer Beruf“) versucht Prothero mit einer Auffassung von Religion zu entgehen, die sehr breit angelegt ist. Die religiösen Menschen auf der ganzen Welt, so meint der Fachmann, stimmen überein, dass etwas schiefgegangen ist. In der Frage, was schiefgelaufen ist, gehen die Meinungen auseinander. Von Raserei (siehe oben) ist dieser milde Befund weit entfernt. Also bestens geeignet für Westeuropa, wo die Möchtegern-Gläubigen zu Hause sind.

In Deutschland sind sie neuerdings zunehmend nervös geworden, wie Rolf Schieder meint. Er ist für Religionspädagogik an der Humboldt-Universität Berlin zuständig und registriert ein merkwürdiges „Kulturkampfgetöse“, ausgelöst durch Thilo Sarrazins Aufreger „Deutschland schafft sich ab“ vom Vorjahr. Im Dauerstreit befindlich seien mittlerweile drei religionspolitische Parteien. Erstens die „Verfassungsliberalen“, angeführt vom Bundespräsidenten Wulff, zweitens die „Laizisten“, die Religion als Privatangelegenheit betrachtet sehen möchten, drittens die „Kulturalisten“, die dem Christentum die Vorrangstellung im öffentlichen Leben erhalten wollen.

Der Papierkrieg werde unter dem Zeichen des Halbmonds geführt, findet Schieder, und das sei unerfreulich. „Woher kommt die Obsession, alles und jedes auf den Islam zu beziehen? Vor 15 Jahren gab es in Deutschland zwei Millionen türkische Migranten. Inzwischen bezeichnen wir sie pauschal als ,Muslime‘. Die Gefahr muslimischer Parallelgesellschaften wird propagiert, obwohl Deutsche selbst jahrhundertelang in katholischen und in protestantischen Parallelgesellschaften lebten.“ Obsessionen, so Schieder weiter, seien Produkte verdrängter Mängel im Gesellschaftsgefüge, das Feindbilder benötigt, um Zusammenhalt zu lukrieren. „Was also fehlt? Nicht allen dasselbe.“ Den einen fehlt aufgeklärtes Denken, den anderen die Gebärfreudigkeit deutscher Mütter. Womöglich fehlt auch ein halbwegs zivilisierter Religionsbegriff. Schieder hat in seinem Zettelkasten eine Anleitung für den guten Ton im Umgang mit dem Übernatürlichen gefunden, unter dem Stichwort „Zivilreligion“. Das entsprechende Programm für die Erziehung des Menschengeschlechts: Zivilisierung der Religionen durch Bildung, Zivilisierung der Gesellschaft durch Religion. Rufzeichen. Ohne Heiligkeitsprädikat ist kein Staat zu machen, ohne Bildungsprivileg keine Frömmigkeit: „In den USA ist eine beeindruckende Lösung des Zivilreligionsproblems gelungen. Martin Luther King gilt zu Recht als Symbol und Beispiel einer Zivilreligion, in der Freiheit und Religion einander stützen.“ Auf nach Amerika?

Ein Billigflug nach Chicago genügt für eine gewisse Skepsis bezüglich Vorbildwirkung der USA in Religionsangelegenheiten. Schieder hat zwar das Fundamentalismusprojekt der Universität von Chicago studiert, aber die Pfingstgemeinden vergessen, die ebenfalls aus den USA stammen und die 400-Millionen-Grenze überschritten haben, weltweit. Ihr Nachholbedarf punkto höherer Bildung steht außer Zweifel.

Somit: „Religion in the Making“. Das hat Alfred North Whitehead (gestorben 1947) auf das Cover seines schmalen Büchleins setzen lassen, das eine religionskundliche Bibliothek ersetzt. Was wir Religion nennen, ist im Entstehen begriffen. Auf Wiedersehen beim Jüngsten Gericht. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.12.2011)