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Philippinen: Flut hinterlässt Spur der Verwüstung

Philippinen Flut hinterlaesst Spur
Philippines(c) AP (Bullit Marquez)
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Das verheerende Ausmaß der Katastrophe auf der Insel Mindanao wurde am Sonntag deutlich. Ortschaften sind teils unpassierbar, es werden 1000 Tote befürchtet. 35.000 Menschen wurden in Rettungszentren untergebracht.

Manila/Wien/Ag./Red. Es ist ein Bild des Grauens, das der Wüstensturm „Washi“ auf der philippinischen Insel Mindanao hinterlassen hat. Soldaten, Zivilschutz und Freiwillige durchkämmen die zerstörten Straßen auf der Suche nach Vermissten. Die Zahl der Todesopfer stieg am Sonntag auf mindestens 653 an. Nach Angaben des Roten Kreuzes wurden mehr als 900 weitere Personen vermisst. 35.000 Menschen wurden vorerst in Rettungszentren untergebracht.

„In viele der betroffenen Gebiete sind die Helfer aber noch gar nicht vorgedrungen“, sagte Rotkreuz-Chef Richard Gordon im Fernsehen. Erdrutsche und entwurzelte Bäume haben die Straßen teils unpassierbar gemacht. Das Rote Kreuz befürchtet nun insgesamt über 1000 Flutopfer.

„Washi“ war in der Nacht auf Samstag mit sintflutartigen Regenfällen über Mindanao im Süden des Landes mit bis zu 90 Stundenkilometern hinweggezogen und hatte die meisten Opfer im Schlaf überrascht. Mehrere Flüsse traten binnen kürzester Zeit über die Ufer, das Wasser schoss teils meterhoch durch die Straßen. Manche Einwohner konnten sich in letzter Minute auf ihre Dächer retten. Andere sprangen aus dem zweiten Stock in Rettungsboote.

Am schwersten betroffen waren die beiden Küstenstädte Cagayan de Oro und Iligan an der Nordküste der Insel mit zusammen fast einer Million Einwohner. Dort allein kamen mehr als 550 Menschen ums Leben. Benito Ramos, der Chef des Büros für Zivilverteidigung, rechnet mit einer weit höheren Zahl an Opfern. „Es ist sehr tragisch, so viele Vermisste“, so Ramos. „Viele Leichen sind ins Meer hinausgespült worden.“ Die Helfer unternähmen alles in ihrer Macht Stehende, um Überlebende zu finden. Klarheit wird wohl erst in den kommenden Tagen und Wochen herrschen.

Häuser und Autos weggespült

Wassermassen hatten Häuser und Autos fortgerissen. Bäume wurden entwurzelt und Strommasten umgeknickt. Helfer berichteten von überfüllten Kühlhäusern, in denen Leichen übereinandergestapelt würden. Zunehmend gebe es bei den vorherrschenden Temperaturen um 36 Grad auch Hygieneprobleme, berichtet ein Wiener der Austria Presse Agentur, der derzeit Urlaub in einem Vorort von Cagayan de Oro macht. Einige Bewohner des Katastrophengebiets konnten sich noch in letzter Minute retten: Eine 42-jährige Frau sagte, sie und ihre acht Familienmitglieder hätten auf dem Dach ihres Hauses überlebt – als dieses schon meilenweit aufs offene Meer hinaustrieb.

Eine andere Frau berichtete, sie habe sich zusammen mit anderen an Autoreifen klammern können und sei so 32km mitgerissen worden. „Der schlimmste Albtraum, den man sich vorstellen kann.“

Der philippinische Vizepräsident, Jejomar Binay, reiste in die verwüstete Region, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Vor Ort verteilte er Lebensmittelpakete und kümmerte sich um die Verlegung von Familien, die in hochwassergefährdeten Regionen wohnen.

Behörden schlecht vorbereitet

Im jetzigen Katastrophengebiet hat man mit solchen Stürmen nicht gerechnet, weil sie dort nicht häufig vorkommen. Üblicherweise ziehen die stärksten Winde eher durch den Norden. Daher war man auch schlecht vorbereitet. „Es ist das erste Mal, dass unserer Stadt so etwas geschehen ist“, sagte der Bürgermeister von Cagayan de Oro, Vicente Emano. Es habe keine Vorwarnung gegeben. Dem widersprach die Katastrophenschutzbehörde: Drei Tage vor dem Eintreffen des Taifuns habe es eine Warnung gegeben.

„Washi“ ist der 19.Tropensturm, der die Philippinen heuer heimsucht. Laut dem nationalen Wetterdienst liegt der Jahresdurchschnitt bei 20 Wirbelstürmen. In den Vorjahren waren die Stürme „Durian“ und „Fengshen“ am verheerendsten. Sie hatten im November 2006 und im Juni 2008 insgesamt fast 2800 Menschen das Leben gekostet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.12.2011)