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Nordkorea: Experten befürchten Machtkampf

SOUTH KOREA NORTH KOREA
Zeitungsberichte zum Tod des nordkoreanischen Diktators Kim Jong-il(c) EPA (Yonhap)
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Nach dem Tod des nordkoreanischen Diktators Kim Jong-il sollen bereits hunderte Beamte bei "Säuberungen" hingerichtet worden sein. Ob die nordkoreanische Elite geschlossen hinter Kim Jong-un steht, ist unsicher.

Nach dem Tod des nordkoreanischen Diktators Kim Jong-il mehrt sich die Angst vor einem Machtvakuum. Dass dessen Sohn Kim Jong-un sich an der Spitze behaupten kann, wird nämlich von vielen Seiten bezweifelt. Der Grund: Der verstorbene Diktator hatte nicht genügend Zeit, um seinem Sohn eine breite Machtbasis zu schaffen. Chung Young Tae vom südkoreanischen Institut für Nationale Wiedervereinigung erwartet daher einen „Machtkampf an der Spitze".

Denn dass die nordkoreanische Elite geschlossen hinter Kim Jong-un steht, ist unsicher. Besonders der Schwester Kim Jong-ils, Kim Kyong Hui, und deren Mann Jang Song Thaek, die wichtige Posten in der Partei bekleiden, wird unterstellt, nach höheren Positionen zu streben. Das berichtete die „Asia Times" am Dienstag. Auch Schwedens Außenminister Carl Bildt zeigte sich skeptisch: „Allein die Tatsache, dass man die Todesmeldung erst nach zwei Tagen zu veröffentlichen wagte, zeigt, wie unsicher die Lage in Nordkorea ist."

Die nordkoreanische Regierung dürfte im Beamtenapparat  eine Bedrohung für Kim Jong-un orten. Laut Angaben von Amnesty International sollen seit dem Tod des Machthabers bereits eine Reihe von Säuberungen durchgeführt wurden sein. Hunderte Beamte sollen hingerichtet oder in Straflager verbannt worden sein. Die Menschenrechtsorganisation befürchtet, dass Kim Jong-un „jede kritische Stimme zum Schweigen bringen will". Die Zahl der politischen Gefangenen insgesamt wird auf 200.000 geschätzt.

Andere Experten sprachen von einem "perfekt organisierten" Machtwechsel. "Alle Verantwortlichen, die unter Kim Jong-il mitzureden hatten, haben sich offenkundig in den vergangenen 48 Stunden darauf verständigt, Kim Jong-un als neuen Führer zu unterstützen", sagte Paik Hak-soon vom Sejong-Institut. "Die Ära Kim Jong-un hat bereits begonnen", die Nomenklatura stehe hinter dem neuen Machthaber, die Stabilität des Regimes sei gesichert. Angekündigte Gespräche mit den USA würden möglicherweise zu einer Entspannung führen.

"Versehentlicher Krieg"

Fraglich ist auch die Rolle des Militärs. „Wir stehen am Beginn besonders gefährlicher Zeiten", sagte Jim Walsh vom Massachusetts Institute of Technology gegenüber der „New York Times". Sollte das Militär dem neuen Führer misstrauen, könnte das „zu Fehlkalkulationen und versehentlich zu Krieg führen." Die südkoreanischen Truppen befinden sich daher seit dem Tod Kim Jong-ils in Alarmbreitschaft. Auch die USA zeigen sich beunruhigt. In einem Telefonat mit dem japanischen Regierungschef Yoshihiko Noda sicherte US-Präsident Barack Obama diesem Unterstützung bei der Landesverteidigung zu.

Obama und Noda hätten außerdem über eine mögliche Wiederaufnahme der ausgesetzten Sechs-Nationen-Gespräche über das nordkoreanische Atomprogramm beraten, sagte der Kabinettssekretär des japanischen Permiers. An den Gesprächen waren Japan, die USA, Russland, China sowie Nord- und Südkorea beteiligt. Pjöngjang stieg jedoch im April 2009 aus den Verhandlungen aus, einen Monat später folgte der erste Atomwaffentest Nordkoreas.

In den Monaten vor Kims Tod hatte es Versuche gegeben, die Gespräche wieder aufleben zu lassen. Gesandte aus Washington und Pjöngjang trafen sich im Juli in New York und im Oktober in Genf - ein Durchbruch blieb allerdings aus.

Nordkoreas Atomprogramm

Noch unter der Herrschaft Kim Il-sungs startet Nordkorea im Jahr 1979 sein Atomprogramm mit dem Bau eines Reaktors in der Anlage von Yongbyon. 1994 verpflichtet sich Pjönjang in einem Abkommen mit den USA, sein Atomprogramm zu stoppen. 2002 kündigt es an, den Reaktor Yongbyon wieder hochzufahren, 2003 folgt der Austritt aus dem Atomwaffensperrvertrag. Im Oktober 2006 zündet Nordkorea seinen ersten Atomsprengsatz. Bei den "Sechser-Gesprächen" wird im Jahr 2007 ein Abkommen erzielt: Nordkorea sagt die Schließung von Yongbyon zu und sprengt 2008 den Kühlturm des Reaktors.

Am 25. April 2009 kündigt Nordkoreas Außenminister an, erneut mit Arbeiten in den Nuklearanlagen beginnen zu wollen. Aus den internationalen Atomgesprächen war das Land zuvor ausgestiegen. Am 25. Mai will Nordkorea nach eigenen Angaben einen weiteren Atomsprengsatz gezündet haben. Seither bemüht sich China als Vermittler um eine Wiederaufnahme der Gespräche.

(Ag./Red.)