Umstrittene Steuer. Im Bundesstaat New Hampshire wird auf Häuser mit schönem Ausblick eine Steuer eingehoben. Die Behörden weisen Kritik als populistisch zurück.
CONCORD/WASHINGTON. Langsam steigt die Sonne über die Berge in Orford in New Hampshire, das man auch die "Schweiz der Vereinigten Staaten" nennt. Die Bergspitzen glühen im Morgenlicht, unten schlängelt sich ein Fluss durch das Tal - diese Aussicht ist unbezahlbar, wie man so schön sagt. In New Hampshire aber hat diese Aussicht tatsächlich ihren Preis: 140.000 Dollar.
"Mehr als 50.000 Dollar ist das nicht wert", befindet dagegen David Bischoff in der Zeitung "Boston Globe". Ihm gehört die kleine Hütte, die keinen Strom hat, kein fließendes Wasser und kein Telefon. Mit 22.900 Dollar hat die Steuerbehörde den Wert des Hauses veranschlagt, bis eines Tages ein Finanzbeamter vorbeikam und die einmalige Aussicht sah. Seither muss Bischoff plötzlich für sein Haus Steuern im Umfang von 162.900 Dollar bezahlen.
Der Fall Bischoff ist kein Einzelfall. Die "Aussichtssteuer" sorgt in New Hampshire für heftige Diskussionen und einen wilden Streit mit der Steuerbehörde. So befindet Bischoff beispielsweise, dass seine Aussicht nur 50.000 und keinesfalls 140.000 Dollar wert ist. Zusammen mit anderen Einwohnern Orfords hat er ein Komitee gegründet, das einheitliche Richtlinien für den ganzen Bundesstaat fordert: Wie viel ist ein Blick auf einen Berg, ein Tal oder auf ein Fabriksgelände wirklich wert?
Hintergrund der "Aussichtssteuer" sind die Finanzprobleme des Bundesstaates mit dem eindringlichen Slogan "Live free or die". In New Hampshire gibt es keine Einkommenssteuer, nicht einmal eine Mehrwertsteuer.
Der Staat holt sich also das Geld über eine recht hohe Grundsteuer, die sich im Gegensatz zu Österreich am tatsächlichen Marktwert und nicht an einem Einheitswert orientiert.
Daher weisen die Finanzbehörden den Ausdruck "Aussichtssteuer" als "populistisch" zurück. "Es geht nicht um eine Steuer auf einen schönen Blick, sondern schlicht darum, was das Haus wert ist", erklärte Steve Taylor von der Landwirtschaftskommission. Und weil sich immer mehr Menschen, vor allem Pensionisten, wegen der nicht vorhandenen Einkommenssteuer in New Hampshire ansiedeln, steige der Wert der Häuser. "Es gibt zu viele Menschen mit zu viel Geld, die zu wenige schöne Aussichten besitzen wollen, und das treibt den Marktpreis nach oben." Die Einwohner klagen jedoch, dass die Einstufungen oft nicht nachvollziehbar seien.
Die Firma Avitar beurteilt im Auftrag der Behörde die Aussicht. Ihre Einschätzung basiert laut Firmenchef Gary Roberge auf der Weite und Tiefe des Blicks, Hindernissen wie etwa andere Häuser und dem Gebotenen, wie beispielsweise Bergen. Das vergleiche man mit Hausverkäufen in den ganzen USA mit ähnlichen Aussichten und beurteile nach diesen Preisen den Wert der Aussicht in New Hampshire.
Vor allem Bauern beschweren sich über die Einstufungen, weil sie meist riesige Farmen besitzen und es daher "keinen Bauernhof gibt ohne irgendeine Art von Aussicht", meinte John Lynch, Ranchbesitzer in Hill. Außerdem genieße man ja nicht einen entspannenden Blick aus dem Fenster, sondern sehe, was alles an Arbeit wartet. Die Steuerbehörden kontern und meinen, jemand, der einen Blick auf Berge und Täler genießt, müsse eine höhere Grundsteuer zahlen als jemand, vor dessen Fenster ein Einkaufszentrum oder Fabrikgelände liegt.
Einen hochinteressanten Fall gibt es in Hill, wo John Chandler wohnt. Er weigert sich, für einen Blick auf die majestätischen White Mountains zu bezahlen, die laut Avitar eine höhere Steuer rechtfertigen. Er könne die Aussicht gar nicht genießen, argumentiert John Chandler - nicht ohne gutes Argument: Er ist blind.