Oliver Klucks schlüpfrige Ostsatire „Die Froschfotzenlederfabrik“ erwies sich bei der Uraufführung als effektvoll verpacktes Fließbandprodukt. Der bunte Abend stimmte das Publikum offenkundig teilweise ratlos.
Das Burgtheater versucht sich in Avantgarde, die indes aussieht wie ein Castorf- oder Pollesch-Imitat. Kein billiges, denn die junge Regisseurin Anna Bergmann hat im Kasino höchst aufwendig inszeniert, nicht unbedingt zum Vorteil des Textes, der teilweise in szenischen Gags, Getümmel und Geschrei untergeht.
„Die Froschfotzenlederfabrik“ von Oliver Kluck (Froschfotze bezeichnet eine Art Kunstleder) handelt vordergründig von einem Unternehmer, der Neonazi-Kleidung produziert, und seiner verrückten Familie. Tatsächlich geht es um die „Abwicklung“ der ehemaligen DDR, die großen Probleme im Osten, von der Arbeitslosigkeit bis zum politischen Radikalismus. Der Text ist eine Sprachoper auf den Spuren von Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek. Von ihr hat sich Kluck die Sexismus- und Gesellschaftskritik abgeschaut, sein Ton ähnelt Bernhards zornigen Attacken. Es fallen ein paar kluge Sätze über die Arbeit: „Die Arbeit war sozusagen mein sicherer Hafen, mein Feuer in der Nacht, mein schiefes Bild, mein schlechtes Gleichnis, meine verunglückte Allegorie auf ein glückloses Leben“, heißt es einmal. Auch wirtschaftliche Floskeln, die gleichermaßen omnipräsent wie Drohroutine sind, werden aufs Korn genommen: Schuld an der Ausbeutung (in der Uniformnäherei) sind, richtig geraten, die Lohnnebenkosten.
Kluck verwendet aber auch bis zum Überdruss vom Theater strapazierte voyeuristische Elemente. Hauptsache, es räkelt sich ein blondes Wesen um die Stange, zeigt im Schaumbad baren Busen oder geht dem Manne ans Gemächt – was auf Burg-Spielplätzen nur vorsichtig riskiert werden kann und entsprechend patschert ausschaut.
Jana Schulz, Philipp Hauß brillieren
Ein Männerstück also? Nein, eher ein schriller Kapitalismus-Kritik-Karneval mit Videoshow, Musik, reichlich Alkohol und dem üblichen Personal: Der böse Fabrikant (Michael König) denunziert alles, was sich ihm in den Weg stellt, als links. König spielt auch die Frau des Fabrikanten, die ihre „Endlagerung“ im kommunalen Spital nicht verkraften kann. Jana Schulz brilliert als Tochter, die sich als Pornodarstellerin verdingt. Philipp Hauß entzückt als Arzt, dem der Dauerdienst im Krankenhaus jede Lebensfreude ausgetrieben hat. Burgtheater-Romeo Daniel Sträßer punktet auch als schmieriger Ost-Loser. Alexandra Henkel ist als Schwester wie als Krankenschwester gleichermaßen hantig und hat einen hinreißenden Auftritt als Braut. Jeder spielt mehrere Rollen – und alle strengen sich mächtig an.
Am Schluss muss in diesem deutsch-deutschen Drama, das offenkundig nach einer Einladung zum Theatertreffen in Berlin schielt, eine Österreich-Volte her. Also werden rot-weiß-rote Fahnen entrollt, und Migranten betreten die Szene, die kurz ihre Geschichte erzählen.
Der bunte Abend stimmte das Publikum offenkundig teilweise ratlos, wie es bei Novitäten sein sollte. Die Qualität der Besetzung kann indes nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Substanz dieser Kreation eher bescheiden sein dürfte. Es ist wie mit diesen Weihnachtsgeschenken, deren schicke Emballage den Inhalt bei Weitem überstrahlt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.12.2011)