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Die unsichtbare Zerstörungskraftder Inflation

(c) Erwin Wodicka - wodicka@aon.at (Erwin Wodicka)

Ökonomen und Notenbanker haben den Inflationsbegriff bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Das bringt eine enorme Gefahr mit sich. Steigende Preise sind bloß das Symptom der Inflation.

Wien. Die Geschichte der Inflation ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Bis heute wird der Begriff missbräuchlich verwendet. Wer einen beliebigen Menschen auf der Straße fragt, was unter Inflation zu verstehen sei, wird meist dieselbe Antwort bekommen: steigende Preise.

Aber steigende Preise sind bloß das Symptom der Inflation. Das Wort kommt vom lateinischen „inflare“ – „aufblasen“. Das Prinzip ist denkbar einfach: Die Geldmenge wird aufgeblasen – schneller als die Produktivität steigt. Weil dann mehr Geld hinter denselben Gütern her ist, steigen die Preise. Ein Effekt, an den die Menschen seit Jahrzehnten gewöhnt sind. Steigende Preise sind eine Selbstverständlichkeit geworden. Nur wer in der Geschichte weiter zurücksieht als zehn Jahre, kann die volle Zerstörungskraft der Inflation begreifen.

Der geniale österreichische Ökonom Ludwig von Mises (1883–1973) hat wahrscheinlich mehr als jeder andere Wissenschaftler zum Verständnis der Inflation beigetragen. Seine Business-Circle-Theorie basiert auf der Annahme, dass Zentralbanken die Geldmenge ausweiten – also inflationieren. Und sie hat sich in den vergangenen hundert Jahren immer wieder bestätigt. Vor allem seit Richard Nixon 1971 die letzte Verbindung des Dollar zum Gold gekappt hat, sind der Inflation praktisch keine Grenzen gesetzt. Seitdem nutzen alle Länder weltweit ungedecktes Papiergeld, das von den Zentral- und Geschäftsbanken beliebig vermehrt werden kann. Ein einmaliges Experiment in der Geschichte der Menschheit. Und eines mit unabsehbaren Konsequenzen. Seit 2008 laufen die Notenpressen der Zentralbanken weltweit heiß. Immer mehr Geld wird erzeugt. Erst am Mittwoch hat die europäische Zentralbank fast 500 Mrd. Euro in den Markt gepumpt. „Das Wichtigste ist, zu verstehen, dass Inflation kein Akt Gottes ist, dass sie keine Naturkatastrophe ist und keine Krankheit. Inflation ist eine politische Strategie“, schrieb von Mises.

 

Inflation heißt auch Umverteilung

Die schwerwiegendste Konsequenz dieses Geldsystems wird zwar derzeit laut beklagt, aber nur selten mit der Inflation in Verbindung gebracht: die Umverteilung von Vermögen. Denn frisches Geld wird nicht gleichmäßig über die Marktwirtschaft verteilt, es bahnt sich seinen Weg. Dieser Weg nimmt seinen Anfang bei den (heute virtuellen) Notenpressen der Zentralbanken.

Staaten, Banken und deren Lieblingskunden bekommen dieses Geld zuerst. Sie gehen mit diesem frischen Geld aber noch zu den „alten“ Preisen einkaufen. Erst dann fangen die Preise an zu steigen. Langsam und unregelmäßig. Die große Masse wird durch diesen Mechanismus sukzessive enteignet. Denn höhere Löhne gibt es erst, wenn die Preise längst gestiegen sind. Deswegen ist es auch falsch zu sagen, dass durch starke Inflation alle verlieren. Ein kleiner Kreis von Reichen wird noch reicher.

Dass Inflation nicht ewig betrieben werden kann, wissen natürlich auch die Notenbanker. Deswegen ist es heute ein wichtiger Teil ihrer Geldpolitik, die „Inflationserwartungen“ zu managen. Von Mises schrieb: „Die Strategie der Inflation kann nur so lange verfolgt werden, solange die Bevölkerung nicht glaubt, dass es ewig so weitergeht. Wenn die Menschen verstehen, dass die Inflation fortgesetzt wird und der Wert einer Geldeinheit weiter fallen wird, ist das Schicksal einer Währung besiegelt.“ Dann kommt es zu einer „Katastrophenhausse“.

Die Menschen geben ihr Geld aus, statt es zu sparen. Die Preise steigen, und mit ihnen die Nachfrage nach frischem Geld. Was zuerst nach einer ökonomischen Erholung aussieht, entpuppt sich als Fiasko. Irgendwann geht das Vertrauen in eine Währung komplett verloren – es kommt zur Hyperinflation, wie in Deutschland und Österreich in der Zwischenkriegszeit. Auch dieses Konzept wird oft falsch verstanden. Während Inflation angebotsseitig entsteht (durch Gelddrucken), entsteht Hyperinflation auf der Nachfrageseite. Hyperinflation passiert dann, wenn die Menschen alles kaufen, nur um ihr Geld loszuwerden – wenn die Nachfrage nach Geld zusammenbricht. In Weißrussland war das heuer zu beobachten. Deswegen hat von Mises auch geschrieben, dass Inflation „antidemokratisch“ ist und dass eine Strategie ständiger Inflation „unweigerlich in die Katastrophe führt“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.12.2011)