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Bilder, die Bauten machen

„Erschaute Bauten“ in Wien, „italomodern“ in Innsbruck: Zwei Ausstellungen zeigen eindrucksvoll, wie Architektur in der Fotografie entsteht.

Seit dem frühen 20. Jahrhundert steht die Architektur unter dem Einfluss der Bilder, die Fotografen von ihr machen. Die meisten Architekten der frühen Moderne orientierten sich durchaus bewusst an den speziellen Qualitäten der Schwarz-Weiß-Fotografie, die ihnen für Publikationen zur Verfügung stand. Wer, wie etwa Bruno Taut, auf eine raffinierte Farbigkeit setzte, hatte es in der medialen Vermittlung deutlich schwerer als die Proponenten der weißen Moderne des „internationalen Stils“.

Nach 1945, mit der Entwicklung der Farb- und der Werbefotografie, wurde auch Architektur oft als perfekt inszenierte Ware dargestellt, etwa durch Julius Shulman, der jahrzehntelang die US-amerikanische Architektur als ihr wichtigster Fotograf begleitete. Zwischen 1945 und 1970 war ein Bauwerk in den USA erst dann bedeutend, wenn es „shulmanized“, also von ihm fotografiert worden war. Viele dieser Bauten sind heute abgerissen oder massiv verändert und in der allgemeinen Wahrnehmung vor allem durch seine Fotografien präsent.

Die beiden derzeit im Wiener Museum für Angewandte Kunst und im „aut. Architektur und Tirol“ in Innsbruck laufenden Ausstellungen kommentieren auf unterschiedliche Art den aktuellen Stand der Beziehung zwischen Architektur und Fotografie. Im „aut“ erfinden die Kuratoren, der Architekt Martin Feiersinger und sein Bruder, der Bildhauer und Fotograf Werner Feiersinger, einen neuen Stilbegriff – „italomodern“ –, dessen Berechtigung sie durch zahlreiche oberitalienische Beispiele aus der Zeit zwischen 1946 und 1976 belegen.

Seit 2004 haben sich die beiden in einer intensiven Recherche mit mehr oder weniger bekannten Bauten aus dieser Zeit beschäftigt. In der Ausstellung und im Katalog sind sie durch Werner Feiersingers Fotografien des aktuellen Zustands und durch sparsame, aber immer das Wesentliche zeigende Grundriss- und Schnittzeichnungen Martin Feiersingers repräsentiert. Das Konzept geht vor allem im Katalog auf, der zu den besten Architekturpublikationen der letzten Jahre gehört. Die Fotografien und Zeichnungen werden ergänzt durch einen Text von Otto Kapfinger, der in 13 Notizen nicht nur die gezeigten Projekte, sondern auch autobiografisch den Einfluss der „Italomodernen“ auf die österreichische Szene der 60er-/70er-Jahre reflektiert. Die grafische Gestaltung mit einer eigens nach einem zeitgenössischen italienischen Vorbild für den Katalog entwickelten Schrift stammt von Willi Schmid. Das Projekt der Feiersingers zeigt einen architektonischen Kosmos, der die doktrinäre Moderne bald nach 1945 hinter sich gelassen hat, lange bevor der Begriff der Postmoderne in Mode kam. Manche Architekten sind aus der Architekturgeschichte zwar bekannt, wie Angelo Mangiarotti, Gino Valle, Pier Luigi Nervi, Marco Zanuso oder Vittorio Viganò, aber die Projekte, mit denen sie hier vorgestellt werden, sind großteils echte Entdeckungen. Da finden sich etwa ein Hochhaus von Mangiarotti und ein raffinierter Stahlskelettbau von Zanuso in Mailand aus den frühen 60er-Jahren, die absolut aktuell wirken, oder ein Sommerhaus von Viganò in Portese, das so ruppig ist, wie man sich ein Landhaus nur wünschen kann – zumindest in den Fotografien von Werner Feiersinger, der sich diesen Häusern aus einer heutigen Perspektive nähert und dabei nicht unbedingt das freilegt, was die Architekten als wichtig an ihren Werken erachtet haben, sondern das, was ihn interessiert. Dass Feiersinger dabei nicht seinen formalen Idiosynkrasien folgt, sondern Aspekte zeigt, die für die aktuelle Architekturdebatte relevant sind, macht ihn zu einem der wichtigsten heutigen Architekturfotografen.

Es ist daher kein Zufall, dass Feiersinger auch in der im MAK laufenden Ausstellung über „Erschaute Bauten“ mit mehreren Fotoarbeiten vertreten ist. Die Ausstellung ist die erste unter der Direktion von Christoph Thun-Hohenstein und musste unter großem Zeitdruck entwickelt werden, weil eine noch unter Peter Noever geplante Retrospektive über Helmut Lang nicht zustande kam. Das ist insofern ein Glücksfall, als eine Ausstellung über „Architektur im Spiegel der zeitgenössischen Kunstfotografie“ sonst kaum das Hauptgeschoß des MAK zur Verfügung gestellt bekommen hätte. Der Kurator Simon Rees hat diese Chance genutzt, großformatigen Arbeiten viel Raum gegeben und sie mit Filmarbeiten kombiniert, die in der künstlerischen Auseinandersetzung mit Architektur eine immer größere Rolle spielen. Zuweilen entstehen dabei neue Räume, wie in der Installation von Jane und Louise Wilson, die auf vier Bildschirmen ein desolates Denkmal aus Stahlbeton im britischen „New Town“ Peterlee zeigen, das von Jugendlichen in Besitz genommen wird.

Brüchige Utopien sind überhaupt ein zentrales Thema der Ausstellung: Eine eigener Block von Bildern des deutschen Fotografen Tobias Zilony zeigt nächtliche Aufnahmen einer neapolitanischen Trabantenstadt und ihrer Bewohner, die ahnen lassen, wie aus hochfliegenden architektonischen Träumen von einer besseren Welt ein alltäglicher Alptraum wurde. Ähnlich kritisch zeigen Sabine Bitter und Helmut Weber in ihren invertierten Schwarz-Weiß-Fotografien den IIT-Campus in Chicago von Ludwig Mies van der Rohe, aus dessen Geschichte der Abriss eines funktionierenden „schwarzen“ Viertels gerne ausgeblendet bleibt.

Viel Raum bekommt in der Ausstellung auch das Schindler-Chase-Haus in Los Angeles, das zum MAK gehört. Neben Arbeiten von Candida Höfer und Hiroshi Sugimoto, die das Haus als Ikone betrachten, findet sich eine Arbeit der dänischen Künstlerin Pia Rönicke, in der quasi im Familienalbum geblättert wird, begleitet von einer Tonspur, auf der der Konservator des Hauses, Robert Sweeney, über dessen Geschichte berichtet. Auch zu dieser Ausstellung existiert eine ausgezeichnete Publikation in Form eines MAK/ZINEs zum moderaten Preis von knapp zehn Euro. Im Doppelpack mit dem Katalog zu „italomodern“ sollte er Architekturversessene auch durch den verschneitesten Weihnachtsurlaub retten. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.12.2011)