Heiligenkreuz: Der Tag der singenden Mönche

(c) APA (HERBERT PFARRHOFER)

Für die Zisterziensermönche des Stiftes beginnt der Tag um fünf Uhr früh. Jeder Tag. Oder fast jeder: Nach einem langen Heiligen Abend dürfen sie am Christtag so richtig ausschlafen - sie stehen eine Stunde später auf.

Es ist vier Uhr dreißig. Pater Johannes Pauls Wecker läutet. Draußen herrscht stockfinstere Nacht. Hier, im Wohntrakt des Stiftes Heiligenkreuz in Niederösterreich, machen sich die Mönche bereit für die Vigil, das erste Chorgebet.

Um viertel sechs treffen sich etwa 40Männer mit weißer Kutte in der Bernardikapelle. Viele sind keine dreißig. Der Altersdurchschnitt in Heiligenkreuz beträgt 45 Jahre. Pater Johannes Paul ist 28. Seit fünf Jahren lebt er im Kloster. Nach und nach betreten die Mönche den halbdunklen, kühlen Raum. Einer nach dem anderen macht nach dem Eintreten eine Kniebeuge. Der Abt Maximilian Heim steht schon vorn beim Chorgestühl. Im Vorbeigehen verneigen sich die Ordensbrüder vor ihm. Wenig später beginnt das Gebet. Die Mönche singen Psalme. „Die Choräle sind tausende Jahre alt“, sagt Pater Johannes Paul, „diese Worte haben die Menschheitsgeschichte miterlebt.“

Gleich im Anschluss an die Vigil beten die Mönche die Laudes. Mittlerweile haben sich Gäste eingefunden. Sie sind gekommen, mit den Mönchen zu beten. Zehn junge Ordensschwestern verteilen sich auf die Besucherreihen.

 

Ruhe finden im Kloster

Auch „einfache“ Gläubige sind zu dieser frühen Stunde in die Kapelle gekommen. Die meisten haben schon die Nacht im Kloster verbracht. Fünfunddreißig Euro inklusive Verpflegung kostet die Übernachtung in der Zisterzienserabtei. Die Räume entsprechen nicht den gängigen Vorstellungen einfacher klösterlicher Zellen. Jedes der zwölf Zimmer verfügt über ein oder zwei Einzelbetten und ein Badezimmer ohne Dusche (diese findet sich am Gang). An den Wänden hängen Ölgemälde aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Männer und Frauen bekommen nur dann ein Doppelzimmer, wenn sie verheiratet sind. Viele Gläubige nutzen das Angebot und bleiben ein paar Tage – gerade um die Weihnachtszeit sind alle Zimmer belegt.

Aus dem Aufenthaltsraum, wo die Besucher ihr Frühstück einnehmen, dringt – trotz der frühen Stunde – Gelächter. Die Studenten Sebastian und Johannes verbringen ein paar Tage im Kloster, um die Ruhe abseits der Großstadt zu genießen. „Mir gefällt die Spiritualität der Mönche“, sagt der 22-jährige Johannes, der in Wien Geschichte studiert. „Und ihre Frömmigkeit.“ „Ja, sie müssen zu jedem nett sein“, scherzt Sebastian. Seit seiner Kindheit kommt der 26-Jährige immer wieder für ein paar Tage nach Heiligenkreuz, „verbarrikadiert“ sich im Kloster. Die „positive Energie“ gefällt dem Sport- und Mathematikstudenten. Es gibt weder Fernseher noch Computer. Sein Handy hat er abgedreht.

Berta, pensionierte Sozialarbeiterin, witzelt mit den beiden. Sie kennt das Kloster seit 1956. Die alleinstehende, kinderlose Wienerin will die Woche über Weihnachten im Stift bleiben. Franziska bleibt ebenfalls über die Feiertage. Die 48-jährige ehemalige Buchhalterin hat ihr Leben, wie sie selbst sagt, Jesus gewidmet. Hier spürt sie „die Verbindung mit den Priestern und Mönchen“. Und mit Jesus. Während sie von ihm spricht, wirft sie verträumte Blicke auf das Kreuz im Aufenthaltsraum.

Nach dem Frühstück ziehen sich Gäste wie Mönche zurück. Die Ordensbrüder gehen ihren gewohnten Aufgaben nach. Pater Johannes Paul ist etwa für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Als Gastmeister kümmert sich Pater Jonas um die im Kloster untergebrachten Gäste, während Pater Raphael in seinem Atelier werkt. Der bildende Künstler fertigt Reliefs, Skulpturen und Glasfenster an. Unter den Mönchen befinden sich auch zwei Krankenpfleger. Sie betreuen in die Jahre gekommene Mitbrüder, denen so ermöglicht wird, weiter im Kloster zu leben.

 

Sieben gemeinsame Gebete

Zu Mittag nehmen die Mönche wieder im Chorgestühl Platz und beten die Terz und Sext. Siebenmal täglich, 365 Tage im Jahr, hallt der Gesang der Mönche durch die alten Gemäuer des Stifts.

Seit einigen Jahren hallt er auch durch internationale Hitparaden. Zwei Alben haben die singenden „Pop-Mönche“, wie sie oft genannt werden, bereits veröffentlicht. Ihr erstes Album, 2008 erschienen, verkaufte sich über 1,1 Millionen Mal und schaffte es zur Überraschung der Mönche selbst in die britischen Pop-Charts. Ihre zweite CD gaben sie unter dem stiftseigenen Label „Obsculta Music“ heraus. „Amor et Passio“ hat Goldstatus erreicht. Die Verkaufserlöse gehen zu hundert Prozent an Studenten aus Dritte-Welt-Ländern, die im Stift ihr Priesterstudium absolvieren. Es ist die größte derartige Ausbildungsstätte im deutschsprachigen Raum.

Am Nachmittag widmen sich die Mönche wieder ihren Aufgaben. „Langweilig wird uns nie“, sagt Abt Maximilian Heim, der dem Stift seit Februar vorsteht. In Heiligenkreuz wird viel mit jungen Menschen gearbeitet. Regelmäßig finden Veranstaltungen statt, Pater Johannes Paul hilft, sie zu organisieren. Einige – darunter das alternative Silvesterfest – finden noch heuer statt.

„Das Stift ist das Gegenteil von Engstirnigkeit, da ist eine junge Kraft am Werk“, sagt Abt Maximilian. Und: „In Heiligenkreuz fällt es nicht schwer, Abt zu sein.“ Zusätzlich zu ihren jeweiligen Aufgaben müssen die Mönche ihrer „geistigen Lesung“ mindestens eine halbe Stunde täglich widmen. Das Studium von geistlichen Schriften soll der Glaubensvertiefung dienen. Trotz ihrer musikalischen Erfolge und PR-Auftritte in allerlei Medien bleiben die Heiligenkreuzer das, wofür sie ihr Gelübde geleistet haben: Mönche.

 

Weihnachten im Stift

Es ist bereits wieder finster. Die Mönche verneigen sich erneut vor dem Altar. Die Vesper um 18 Uhr ist das vorletzte Gebet des Tages. Einige Mönche gähnen bereits. Schließlich sind sie seit fast 14 Stunden auf den Beinen.

Nach der Komplet, dem Abschlussgebet, gilt absolutes Silentium. Die Mönche schweigen bis zum Morgengebet des nächsten Tages. Eine Ausnahme bildet der Heilige Abend. Auch zu Weihnachten bleiben alle Ordensbrüder im Stift.

„Zur Bescherung werden wir mit einem Glas Wein anstoßen“, sagt Abt Maximilian. Dann werden auch hier, unter dem festlich geschmückten Christbaum, die Geschenke ausgepackt. Jeder Mönch darf sich vom Abt eine Kleinigkeit wünschen, meist ist es ein Buch. Auch für die Weihnachtsgäste werden sich die Mönche etwas überlegen.

Um 23 Uhr finden sich Besucher und Mönche in der Stiftskirche ein, wo sie die Weihnachtsmette feiern. Bis die Mönche ins Bett kommen, ist es ungewöhnlich spät. Deshalb gibt es ein weiteres Weihnachtsgeschenk für die Ordensbrüder: Am ersten Weihnachtstag können sie eine Stunde länger im Bett bleiben. „Da dürfen wir ausschlafen und müssen erst um sechs Uhr aufstehen“, sagt Pater Johannes Paul. Und schmunzelt.

Termine

Weihnachten im Stift. Führungen sind von 8 bis 15 Uhr möglich. Christmette um 23 Uhr.

Silvester-Jugendtage. Ferien und geistliches Mitleben im Kloster. Sport und Spiel. Anmeldung nötig. Von 29.12. bis 1.1.

Silvester alternativ. Nachtgebet, Jugendmesse, Silvesterfest. Übernachtungsmöglichkeit (Schlafsack). Ab 21 Uhr.

Jugendvigil. Einsingen in der Kreuzkirche ab 20.15 Uhr. Jeden 1. Freitag im Monat. 6.1.2012.

Info. stift-heiligenkreuz.org/veranstaltungen

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.12.2011)

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