Grünen-Kultursprecher: "Milieu von Paradiesvögeln"

(c) Clemens Fabry

Grünen-Kultursprecher Wolfgang Zinggl wehrt sich gegen Attacken des Direktors der Kunsthalle Wien, Gerald Matt, in der "Presse" und sagt: "Das Maß bei den Direktoren ist voll!"

Die Presse: Gerald Matt, Direktor der Kunsthalle Wien, fühlt sich von den Grünen, speziell von Ihnen, persönlich verfolgt. Trifft das zu? Ist es wahr, dass, wie Matt behauptet, die Grünen eine Subventionskürzung für die KH erreichen wollen?

Wolfgang Zinggl: Die Grünen verfolgen niemanden sondern nehmen ihre Kontrollaufgabe wahr, wo andere Mechanismen versagen. Nach wie vor hat der Direktor der Kunsthalle zum Beispiel einen sagenhaften Dienstvertrag mit Privilegien und unnotwendigen Sonderrechten auf Kosten der Allgemeinheit, die jeder sparsamen und wirtschaftlichen Gebarung spotten. 15 Jahre lang hat die Politik den Kopf in den Sand gesteckt und getan, als könne sie nichts dagegen unternehmen. Tatenlos hat sie auch den erfolglosen Bemühungen der Belegschaft zugesehen, einen Betriebsrat zu gründen. Es geht nicht um Gerald Matt persönlich. Es geht um die grundsätzliche Einstellung und Verantwortung von Kulturpolitik.  

Ich habe gehört, dass Sie 2001 eine Ausstellung in der Kunsthalle machen wollten, woraus aber nichts wurde. Ist das zutreffend?

Ja, vor 12 Jahren hat Stella Rollig, Leiterin des Linzer Museums Lentos, mit mir ein Ausstellungskonzept zum Thema Aktivismus erarbeitet und der Kunsthalle geschickt. Es gab keine Reaktion. Ich habe das längst vergessen, aber vielleicht bekommen wir ja noch eines Tages eine Absage.

Man könnte auf die Idee kommen, dass die Grünen gezielt Kampagnen gegen Museumsdirektoren initiieren, wenn man sich die Causa Seipel, die Causa Noever und die Causa Matt anschaut. In allen drei Fällen waren Sie maßgeblich daran beteiligt. Nehmen Sie Ihre Verantwortung als Parlamentarier wahr – oder haben Sie etwas gegen dominante Museumsdirektoren?

Es geht nicht um dominante Direktoren, obwohl die in einer Gesellschaft, die sich vom Feudalismus verabschieden will, auch zum Problem werden können, sondern um solche, die in die eigene Tasche wirtschaften. Entsprechende Fakten wurden mir zugetragen, ich habe sie geprüft und an die Staatsanwaltschaft, ans Parlament und die Öffentlichkeit weiter geleitet. Aufgrund der Unterlagen wurden die genannten Direktoren dann entweder nicht verlängert, entlassen oder vom Dienst freigestellt. Darüber hatte ich aber gar nicht zu entscheiden. Offenbar war das Maß bei allen dreien voll.

Die Vorwürfe gegen Gerald Matt lauten im wesentlichen: Nutzung der Kunsthallen-Ressourcen für private Zwecke, hohe Reise-und Handyspesen, Intervention für Staatsbürgerschaften von KH-Sponsoren. Sind das wirklich so ungeheuerliche Vorwürfe wie Sie behaupten – in Zeiten, da manche Banken Hunderte Millionen oder gar Milliarden Euro abschreiben müssen?

Wollen wir uns am Schlimmsten orientieren und jeden Missbrauch unter 600 Millionen Euro tolerieren? Was passiert einer Billa-Kassierin? Sie wird fristlos entlassen, wenn sie auch nur eine Schokolade mitnimmt. Mag sein, dass die Verwendung öffentlicher Gelder für private Zwecke im Milieu der Dandys und Paradiesvögel für manche kein ausreichender Grund für Konsequenzen ist. Für mich schon. Wir werden in der Kunst sehr bald jeden Euro brauchen. Eine Studie des Bildungs-und Kulturministeriums zur Einkommenssituation in der österreichischen Kunstlandschaft zeigt uns, dass die Lage zu vieler Kunstschaffender prekär ist. Wir müssen mit dem Steuergeld jetzt sehr gewissenhaft umgehen. In Zeiten, wo den großen Kulturtankern der Sprit genauso auszugehen droht, wie den kleinen Booten lassen sich manche Kapitäne goldene Schulterpolster nach Maß schneidern? Das darf doch nicht wahr sein.

Die Kunsthalle ist das meist geprüfte Kulturinstitut, hat Kulturstadtrat Mailath-Pokorny gesagt. Zu jedem negativen Befund gibt es ein Gegengutachten. Man fragt sich, was dieser Papierkrieg bringt, ob nicht das Geld besser in Ausstellungen investiert werden würde. Was meinen Sie?

Merkwürdigerweise wurde die Kunsthalle in den letzten zehn Jahren fünf Mal geprüft. Das deutet darauf hin, dass es seit langem fragwürdige Zustände gibt, die aber seltsamerweise immer verdeckt werden konnten. Immerhin hat der Rechnungshof schon vor Jahren festgestellt, dass Besucherzahlen gefälscht wurden. Wenn allerdings die Kunsthalle selbst Prüfungen in Auftrag gab, die zwei Monate später zum Ergebnis führen mussten, dass eh alles in bester Ordnung ist, dann ist auch das ein verschleudertes Budget, das besser in eine Ausstellung investiert worden wäre. Mich würde interessieren, wie viel Geld seitens der öffentlichen Hand in die Tasche der Armee von Anwälten fließt, die damit beschäftigt sind, die zahllosen Vorwürfe gegen Direktor Matt zu entkräften.

Ist die Causa Matt wirklich, wie mancherorts behauptet wird, ein Symptom für die Kulturpolitik?

In der Kulturpolitik wird im Allgemeinen effizient, wirtschaftlich und sparsam gearbeitet. Wenn das in manchen Fällen anders ist, dürfen wir nicht mit falsch verstandener Großzügigkeit darüber hinweg sehen. Die Causa Matt wäre längst zu Ende, wenn die Politik angemessen reagiert hätte. Was derzeit stattfindet, ist keine Tragödie sondern eine Farce und ein Beispiel für die unerträgliche österreichische Einstellung: „Wir lassen uns niemanden raus schießen, solange uns kein rechtskräftiges Urteil dazu nötigt“. Das gilt für Uwe Scheuch wie für Gerald Matt.
 
Stimmt es, dass es einen Antrag auf Aufhebung Ihrer Immunität gibt? Was ist der Grund?

Nein, das ist nicht richtig. Matt hat gegen mich zweimal wegen Verleumdung geklagt und die Staatsanwaltschaft hat das beide Male zurückgelegt. Psychologisch kann ich ja nachvollziehen, dass Matt bei seinem unfreiwilligen Abgang probiert, mich mit allen Mitteln anzupatzen. Aber selbst wenn noch ein Antrag auf Aufhebung der Immunität gestellt werden würde, wäre das ohne Bedeutung. Ich habe nichts zu befürchten.

Ist es nicht befremdlich, dass Angehörige der Grünen aktiv Kunsthallen-Mitarbeiter ansprechen und Sie zu negativen Aussagen über ihren Direktor animieren? Das riecht doch nach Anleitung zur Vernaderung?

Machen Sie sich keine Sorgen, da brauchen wir niemanden animieren. Die Betroffenen kommen zu mir, weil sie wissen, dass ich mit dem Material verantwortungsvoll umgehe und die politische Kontrollaufgabe wahrnehme. Erst vorige Woche hat mich wieder eine ehemalige Mitarbeiterin angerufen, die bezeugt, dass sie in Gerald Matts Wohnung gearbeitet hat. Das ist keine Vernaderung sondern das Aufdecken von Malversation. Solange Skandale aufgedeckt werden, ist das System noch halbwegs intakt.

Was sind die wichtigsten kulturpolitischen Ziele der Grünen? Ist der Eindruck richtig, dass sich die „Grünen“ so stark in der Kulturpolitik „verbeißen“, weil sie sonst als Koalititionspartner in der noch immer stark SP-dominierten Stadtpolitik nicht wirklich viel ändern können? Was in gewisser Weise auch auf den Bund zutrifft.

Die budgetäre Lage wird nicht besser und wir werden in der Kunst zunehmend mit der Verteilungsdiskussion konfrontiert. Das gilt für die großen Institutionen, deren Kosten bei gedeckelten Budgets ständig wachsen. Noch bekommen sie die Inflation abgegolten. Aber auf wessen Kosten? Den mittleren Institutionen geht es schon schlechter  – und wer kümmert sich um die vielen Kleinen, die nicht nur die kulturelle Vielfalt garantieren, sondern vor allem ein aktives Kulturgeschehen erst ermöglichen – im Unterschied zum passiven Konsum von Elitekunst aus dem Elfenbeinturm? Allein mit dem, was Gerald Matt vertelefoniert, könnte eine kleine Kulturinitiative ein Jahr lang überleben. Ferner ist das Verstehen anderer Kulturen eine kulturpolitische Aufgabe. Dazu bräuchten wir dringend ein eigenständiges „Museum der Kulturen“.  Das Völkerkundemuseum könnte das leisten, ist aber budgetär und strukturell noch immer ans KHM angebunden, ein völlig untragbarer Zustand. Und: Die Grünen haben es sich auch zur Aufgabe gemacht, gegen Korruption und Verschwendung anzukämpfen, die selbst in der Kunst immer wieder sagenhafte Blüten treiben.

Auf einen Blick

Die Schlacht um die Kunsthalle Wien (KH) und ihren Direktor Gerald Matt tobt seit Monaten. Matt wurde von 1. 1. bis 31. 3. 2012 vom Dienst freigestellt – auf Druck der Wiener Grünen, die mit der Blockierung der Subvention für die Kunsthalle im Gemeinderat drohten. In der „Presse“ kündigte Matt dieser Tage an, er werde zurückkehren und seinen bis 2014 laufenden Vertrag erfüllen. Matt attackierte in dem Interview den Bundes-Kultursprecher der Grünen, Wolfgang Zinggl, u. a. wegen Vernaderung. Die Kunsthalle wird interimistisch geführt von Franz Patay (Kunsthaus Wien). Zinggl ist Künstler, Ethnologe und Nationalratsabgeordneter.

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