EZB: Banken bunkern 412 Milliarden

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Noch nie haben die Banken so viel Geld bei der EZB „in Sicherheit“ gebracht: Statt anderen Banken Kredite zu geben, hinterlegen sie derzeit 412 Milliarden Euro in Frankfurt.

Wien/Frankfurt/Jil. Es herrschen außergewöhnliche Zeiten, wenn eine Zentralbank Rekordsummen zu verkünden hat – egal, ob es um die Bilanzsumme, außerordentliche Liquiditätslinien für Geschäftsbanken oder deren kurzfristige Sicherheitseinlagen bei der Notenbank geht. Die EZB hat in der letzten Woche des Jahres 2011 bei all diesen Indikatoren einen Rekord zu verbuchen.

Am Dienstag gab die EZB bekannt, dass die Banken inzwischen knapp 412 Milliarden Euro in der „Vorsichtskasse“ parken. Der bisherige Rekord lag bei 385 Mrd. Euro – erreicht wurde er im Sommer 2010. Die Höhe dieser eintägigen Einlagen gilt als Misstrauens- und als Krisenindikator. Denn Geld, das die Banken bei der EZB parken, ist nicht sehr produktiv angelegt. Die Konditionen sind ungünstig, aber das Risiko gering. Normalerweise versorgen sich die Banken untereinander mit Geld.

Dieser Interbankenmarkt ist aber ähnlich wie 2008 derzeit schwer gestört. Die aktuellen Unsicherheiten sind den Banken offenbar zu groß. Deswegen stellt sich auch die Frage, ob die vergangene Woche durchgeführte Liquiditätsinjektion der EZB das gewünschte Ergebnis erzielt hat. Die Notenbank hat fast eine halbe Billion Euro in den Markt gepumpt – via langfristigen Drei-Jahres-Tender. Allerdings: Nur 210 Mrd. davon sind netto hinzugekommen, der Rest kam aus Umschichtungen von kurzfristigeren Kreditgeschäften. Nur eine Woche später sind die Tageseinlagen der Banken bei der EZB um 147 Mrd. gestiegen.

Ziel des Drei-Jahres-Tenders war eigentlich, den Markt für europäische Staatsanleihen wieder anzukurbeln. Aber den Banken scheint das eigene Hemd näher zu sein. „Es ist möglich, dass einige Banken vorsichtshalber viel Geld genommen haben, um im neuen Jahr eine auslaufende Anleihe bedienen zu können“, sagt RZB-Analyst Gottfried Steindl.

Ob der von der EZB gewünschte Carry-Trade (Banken „tragen“ das frische Geld in den Markt für Staatsanleihen – und senken so die Zinsen) noch zustande kommt, ist unklar. „Wir sind da skeptisch. Das Vertrauen in die Bonität der Staaten ist nicht da. Und wenn ich das Vertrauen nicht habe, dass in 15 Jahren zurückbezahlt wird, dann investiere ich auch nicht“, sagt Steindl. Er hat aber keinen Zweifel, dass die EZB alles tun wird, was in ihrer Macht steht, um die Banken zu Investitionen zu bewegen. Das Angebot für Banken, in Staatsanleihen zu gehen, sei jetzt schon sehr deutlich. „Ich kann mir als Bank bei der Notenbank für ein Prozent Zinsen Geld holen, Staatsanleihen kaufen und die dann auch noch bei der Notenbank als Sicherheit hinterlegen.“

Goldman Sachs ruft nach EZB

Aber was, wenn das letzte Mittel nicht reicht? Was, wenn der Druck auf die EZB weiter steigt? Noch weigert sich die Notenbank, Staatsschulden indirekt in weit größerem Ausmaß als bisher per Notenpresse zu finanzieren – wegen des befürchteten Inflationsrisikos und weil es den Politikern die falsche Message vermitteln würde. Die Rufe nach einer weiteren massiven Liquiditätsinjektion werden trotzdem lauter.

So fordete am Dienstag Jan Hatzius, der Chefvolkswirt von Goldman Sachs, ein stärkeres Eingreifen der EZB. Er nannte die US-Notenbank Fed als Vorbild. „In Europa ist man weniger bereit, die Geldpolitik auch zur Steuerung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage einzusetzen“, sagte Hatzius.

Die EZB weigert sich bisher, Staatsschulden direkt zu finanzieren. Im eingeschränkten Rahmen kauft sie aber Staatsanleihen auf.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.12.2011)

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