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Irak: Bilanz eines umstrittenen Krieges

(c) AP (KHALID MOHAMMED)

Am 31. Dezember endet der Einsatz der USA im Irak. Während die Kurdengebiete prosperieren, wächst in Bagdad die Angst vor einem neuen Bürgerkrieg. Ende dieser Besatzung war weder feierlich noch ruhmreich.

Die Henker legen dem Mann mit dem grauen Vollbart die Schlinge um den Hals. Er beginnt noch, das muslimische Glaubensbekenntnis aufzusagen, doch da öffnet sich schon die Bodenklappe.

Vor exakt fünf Jahren, am 30. Dezember 2006, wurde Iraks Ex-Diktator Saddam Hussein von den Behörden seines Landes hingerichtet. Eine halbe Dekade und einen Tag später endet der US-Einsatz, der in Summe 800 Milliarden Dollar gekostet hat - in etwa das Doppelte der jährlichen Wirtschaftsleistung Österreichs - offiziell. Die letzten Truppen haben das Zweistromland verlassen - und der Irak wird nicht nur von einer neuen Gewaltwelle erschüttert, es machen auch wieder Zerfallsszenarien die Runde. Und während es in der autonomen Kurdenregion weitgehend friedlich ist und die Wirtschaft dort prosperiert, hinkt der Rest des Landes hinterher. 30 Prozent der Iraker hatten 2011 noch immer keinen geregelten Zugang zu sauberem Trinkwasser, drei Viertel mussten ohne Kanalisation auskommen.

Angst vor neuem Bürgerkrieg

Das Ende der US-Besatzung war weder feierlich noch ruhmreich. Die letzten US-Soldaten verabschiedeten sich nicht einmal von ihren irakischen Kameraden - Geheimhaltung sollte sicherstellen, dass der symbolträchtige Transport nicht zum Angriffsziel wurde.
Obama erfüllte mit dem Abzug sein Wahlversprechen, einen der umstrittensten US-Kampfeinsätze der vergangenen Jahre zu beenden. Sein Vorgänger George W. Bush hatte den Feldzug im März 2003 gestartet - angeblich, weil Iraks Machthaber Saddam Hussein entgegen internationaler Verpflichtungen Massenvernichtungswaffen verbarg. Die Invasion mündete in eine acht Jahre dauernde Besatzung. 4500 US-Soldaten und zehntausende Iraker wurden getötet.

Kaum sind nun die Amerikaner weg, geht der Machtkampf zwischen den zerstrittenen Gruppen in die entscheidende Phase. Iraks schiitischer Premier Nouri al-Maliki greift nach der absoluten Macht: Er entledigte sich des sunnitischen Vizepräsidenten Tarik al-Hashimi. Finanzminister Rafe al-Issawi und Vizepremier Saleh Mutlaq - beide Sunniten - will er ebenfalls aus dem Amt drängen.

Die Sunniten werden die Errichtung einer schiitischen Quasi-Diktatur wohl nicht kampflos hinnehmen, schon rüsten alle Seiten für einen Bürgerkrieg, bei dem auch die irakische Armee entlang ethnischer und religiöser Trennlinien zerfallen könnte.

Das ist das schwärzeste Szenario. Eine optimistischere Version geht von drei semiautonomen Provinzen unter dem Schirm einer schwachen Zentralregierung in Bagdad aus: Kurdistan, Schiistan, Sunnistan. Diese Idee ventilierte der heutige US-Vizepräsident Joe Biden schon 2006. Damals war die Einheit des Landes in Gefahr, sunnitische Milizen überzogen das Land mit Terror. Sie wollten sich nicht damit abfinden, dass Schiiten in Bagdad den Ton angaben.

(c) DiePresse

Neuordung der Region?

Nun hat dieses Modell wieder Konjunktur: Die Kurden haben längst ihre autonome Region. Was im fernen Bagdad vor sich geht, kümmert sie wenig. Aber da Bagdad - und auch die Nachbarn Türkei, Iran und Syrien - eine Abspaltung niemals dulden würden, geben sie sich einstweilen mit Autonomie zufrieden. Das Modell macht Schule: Die sunnitisch dominierten Provinzen spielen mit dem Gedanken einer Autonomieregion, sogar die ölreiche, schiitisch dominierte Provinz Basra will die Bande zu Bagdad lockern. Längerfristig könnte eine Teilung dazu führen, dass die Landkarte der Region neu gezeichnet werden muss:

Panarabisten träumen von einem Gebiet, das nicht nur die sunnitischen Provinzen des Irak umfasst, sondern über Syrien und Jordanien bis in den Libanon reicht. Für Iraks Zukunft gibt es mehrere Szenarien: eine instabile - dieses Mal schiitische - Quasi-Diktatur; einen blutigen Zerfall des Landes à la Jugoslawien; ein langjähriges Chaos? All diese Szenarien hält Kenneth Pollack, Irak-Experte der US-Denkfabrik Brookings, für „plausibel": „Keine von denen verheißt ein gutes Ende für den Irak, die Region und schon gar nicht für die USA."

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.12.2011)